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Deutschland gegen Ghana : Ohne Hirn, aber mit Herz

Kein leichter Abend für Bundestrainer Jogi Löw Bild: AP

Manchmal ist Fußball wie Schach, dann freut sich der Trainer. Das zweite Gruppenspiel der Nationalmannschaft war wie ein Boxkampf - und das freute die Zuschauer.

          Die letzte Minute brach an in Fortaleza, in einem brodelnden Fußballspiel, das längst die jahrelang eingebimsten Handlungsmuster des modernen Profifußballs verlassen hatte. All das unablässige Denken an die defensive Organisation, an die Kontrolle von Ball und Raum – vergessen. Ein Fußballspiel, das zum wilden Schlagabtausch zweier Boxer geworden war. Sie hingen in den Seilen und machten immer weiter.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Nach dem letzten Schlag, Sekunden vor dem Ende, musste der Ringarzt her. Ein Cut über dem rechten Auge von Thomas Müller, erlitten im Kampf um einen allerletzten Treffer.  Blutüberströmt lag er noch Minuten nach dem Schlussgong da. In der Kabine wurde die Braue genäht – eine Naht, eine Narbe, ein Andenken an ein famoses Fußballspiel.

          Das Video in der ZDF-Mediathek

          Das kann Deutschland also auch: spielen wie ein afrikanisches Team. Bestehen in einer Partie, so mitreißend irrational und unkontrolliert, als wär’s ein Spiel beim Afrika Cup und nicht bei der Weltmeisterschaft. Zumindest in der zweiten Halbzeit war das so, als vier Tore in zwanzig turbulenten Minuten noch viel verrücktere zwanzig Schlussminuten folgten. 2:2 hieß es am Ende, nach 12:19 Torschüssen. Das bedeutet: ein Schuss aufs deutsche Tor in durchschnittlich weniger als fünf Minuten - eine beispiellose Statistik des Kontrollverlustes. Und des Unterhaltungswertes.

          Trainer Joachim Löw lobte: „Ein offener Schlagabtausch. Ein irrsinniges Tempo. Die Spieler haben alles gegeben und sich völlig verausgabt. Die Mannschaft hat gute Moral bewiesen.“

          Der Mannschaft selber war er aber fast peinlich, dieser „Schlagabtausch“, dieser Übergang von einer taktisch ausgewogenen Struktur in „zu viel Hin und Her“, wie es Jerome Boateng nannte. „Wenn es so hin und her geht, hat man das taktisch nicht gut gemacht“, erklärte Kapitän Philipp Lahm. „Dann zerfällt eine Mannschaft in zwei Teile, in Offensive und Defensive. Das ist nicht das, was wir wollen.“

          Aus der Führung durch Mario Götzes Kopfball ans eigene Knie (51. Minute) war in Folge zweier deutscher Ballverluste vor dem eigenen Strafraum durch Tore von Andre Ayew (54.) und Asamoah Gyan (63.) ein Rückstand geworden. Der eingewechselte Miroslav Klose glich mit dem fünfzehnten WM-Tor seiner Karriere, Einstellung der Bestmarke des Brasilianers Ronaldo (70.), aus. Was danach geschah, war spektakulär, aber „nicht wirklich clever“, so Lahm. „Zwei, drei Riesenmöglichkeiten für Ghana zuzulassen, bei denen wir in Unterzahl sind.“ Toni Kroos nannte es „Harakiri“.

          Kopf an Kopf: Nach 90 turbulenten Minuten trennen sich Deutschland und Ghana 2:2. Bilderstrecke

          Ein Suizid-Versuch, wie man ihn sich wohl nicht noch einmal bei der WM leisten kann. „Wir dürfen uns nicht auf einen solchen Schlagabtausch einlassen“, forderte Kroos. „Das haben wir nicht nötig. Wir können auch anders gewinnen. Aus einer kompakten Defensive heraus gefährlich werden, Lücken finden. Auf das besinnen, was uns stark macht. Unsere fußballerische Überlegenheit ausspielen.“

          Es gab natürlich auch Fortschritte. Zum Beispiel jene neue Stärke, die das Team letztlich vor der Niederlage bewahrte: Torgefahr bei Ecken. Eine Folge von regelmäßigem Training, von guten, präzisen Hereingaben, aber auch von Löws Entscheidung, die Viererkette mit vier Innenverteidigern zu besetzen. „Das gibt uns Stärke im Zentrum“, sagte Kroos. „Vorher hatten wir nicht so viele Tore nach Ecken.“ Gegen Portugal traf Mats Hummels per Kopf, gegen Ghana verlängerte Benedikt Höwedes den Ball so aufs lange Eck, dass er „wohl reingegangen wäre“, so fand jedenfalls Klose, der ihn trotzdem lieber selber ins Tor drückte. Warum? „Ich habe ihn sicher gemacht“.

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