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Deutscher WM-Kommentar : Nichts als der Titel

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Zum Greifen nah: Noch vier Mannschaften streiten um den WM-Titel - Deutschland ist dabei Bild: ddp

Erst alter Rumpel-, nun junger Zauberfußball: Deutschland ist die beste WM-Mannschaft der letzten zehn Jahre. Schon vor dem Halbfinale gegen Spanien gebührt Lob für diese Ausdauerleistung. Doch für das hungrige Team von Joachim Löw ist nun der WM-Titel zum einzigen Maßstab geworden.

          Es war kein gutes Wochenende für Fußballgiganten: Rekordweltmeister Brasilien weint, und Maradonas Welt liegt in Trümmern. Schlimmer hätte es für den südamerikanischen Fußball kaum kommen können – gegen den FC Bayern, könnte man augenzwinkernd hinzufügen. Denn mit Robben und van Bommel aus den Niederlanden sowie Schweinsteiger, Lahm, Müller und Klose sowie drei weiteren Münchner Helfern hintendran, haben auch neun Bayern in den beiden jeweils auf ihre Weise mitreißenden Viertelfinals für eine Machtverschiebung zugunsten Europas im Weltfußball gesorgt.

          Aber im Ernst: Mit Deutschland und den Niederlanden setzte sich eine typisch kontinentaleuropäische, wenn auch unterschiedlich dosierte Zwei-Komponenten-Mischung durch – für die stilbildend auch der dritte Halbfinalist Spanien steht. Ständige Offensivbereitschaft und mannschaftliche Homogenität mit hoher Laufleistung sind die Erfolgsstruktur. Dungas Brasilien brachte dabei zu wenig Angriffslust und Maradonas Argentinien zu wenig innere Balance ins Spiel.

          Diese Erkenntnis dürfte in den südamerikanischen Fußball-Kernländern nach dem nun zweiten gemeinsamen Ausscheiden im Viertelfinale nach 2006 noch für schwere Erschütterungen sorgen. Der deutsche Fußball hat die Zeiten des Selbstzweifels dank Löw hinter sich – und blickt durch die vorbildliche Arbeit der Nationalmannschaft in den vergangenen sechs Jahren runderneuert einer Zukunft entgegen, die man sich anders als unter Bundestrainer Joachim Löw und seinen Helfern gar nicht mehr vorstellen möchte.

          Der Deutsche Fußball-Bund wird sich schwer tun, die inhaltlichen Wünsche des derzeit vermutlich beliebtesten Deutschen abzuweisen, der mit den Triumphen gegen Argentinien und England Erfolge vorweisen kann, die ihn nicht nur statistisch zum anerkanntesten Bundestrainer seit ewigen Zeiten machen. Löw scheint schon jetzt stark genug, selbst den im Verband isolierten Manager Oliver Bierhoff weiter mit auf den gemeinsamen Weg zu nehmen – wenn er es denn will. Aber das wird ein Thema erst nach dem kleinen und großen Finale am letzten WM-Wochenende sein, wenn sich zunächst Löw und Bierhoff über ihre Ziele verständigen.

          Platz zw ei 2002 , Platz drei 2006 - und nun wieder Halbfinale

          Ob die deutsche Mannschaft nun im Endspiel oder in der Partie um Platz drei dabei sein wird – nicht nur die Gegenwart und der Blick in die nähere Zukunft sind derzeit sportlich höchst erfreulich. Mit dem Einzug ins Halbfinale rückt auch ins Blickfeld, dass der deutsche Fußball in den vergangenen knapp zehn Jahren, in denen er lange mit seiner strukturellen Krise zu kämpfen hatte und um Anschluss an die Erfordernisse der Zeit rang (oft genug die Nationalelf und die Liga untereinander), trotzdem außerordentliche Resultate lieferte. Schon jetzt steht fest, dass keine andere Nation eine solche Ausdauerleistung erbracht hat: WM–Finalist 2002, Platz drei vor vier Jahren und nun schon wieder im Halbfinale.

          Da kommen seit dem neuen Jahrhundert weder Brasilien, Italien, Argentinien und Frankreich noch die Niederlande mit. Und bei 17 WM-Teilnahmen insgesamt haben es die Deutschen, ob nun mit altem Rumpel- oder jungem Zauberfußball, schon zwölf Mal bis ins Halbfinale gebracht. Das ist ein hübscher Weltrekord vor dem Duell gegen Spanien. Aber für ein hungriges Team, das sich seine Grenzen nicht einmal von Giganten setzten lässt, ist der WM-Titel zum einzigen Maßstab geworden. Nur damit kann man den neuen Fußball-Größen kommen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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