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Fußball-WM 2018 : Die Mission des Joachim Löw

Gute Laune in der Vorbereitung: Bundestrainer Joachim Löw. Bild: dpa

Der Bundestrainer stellt das Programm für die große nationale Aufgabe der kommenden 52 Tage vor. Joachim Löw hat einen klaren Plan, wie die WM-Titelverteidigung gelingen soll – und ist gesprächig wie selten.

          Eine Regierungserklärung war es nicht, aber etwas Ähnliches. Denn alle vier Jahre, wenn Fußball-WM ist, bekommen die Erklärungen des prominentesten Übungsleiters im Lande, ob er will oder nicht, etwas Staatstragendes. Ein wenig klang deshalb das, was Joachim Löw am Donnerstag vortrug, wie das Programm für die große nationale Aufgabe der kommenden 52 Tage: die Mission Titelverteidigung. Aufgeräumt und gesprächig wie selten zeichnete der Bundestrainer zu Beginn des Trainingslagers in Südtirol in einer Pressekonferenz von der Länge einer Fußballhalbzeit plus Nachspielzeit den gedanklichen Rahmen für die Aufgabe, an der auch die berühmtesten seiner Vorgänger gescheitert waren: Eine WM als Weltmeister zu beginnen und zu beenden. Etwas, das bisher nur Italien 1938 und Brasilien 1962 gelungen ist. Um das zu schaffen, so Löw, müsse jeder begreifen, dass er selbst „nur ein Puzzlestein“ sei. Einer, der die anderen brauche.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Die Puzzlesteine treffen erst nach und nach in Eppan ein. Denn Löw hatte allen, die am vergangenen Wochenende noch im Klubeinsatz waren, zwei zusätzliche Tage Pause angeboten – die vor allem für die Spieler des FC Bayern nach der Niederlage im Pokalfinale willkommen war. Sie werden an diesem Freitag in Südtirol erwartet. Inzwischen hätten sie ihre Enttäuschung verarbeitet, vermutete Löw. „Und bei uns gibt es wieder neue Ziele.“ Der angeschlagene Jerome Boateng komme vielleicht noch ein oder zwei Tage später, liege aber im Plan, um nächste Woche ins Teamtraining einzusteigen.

          Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

          Andere konnten es gar nicht abwarten. Sami Khedira und Julian Draxler, die bis Freitag hätten frei nehmen können, reisten schon Mittwoch an, um beim ersten Training dabei zu sein. Unter besonderer Beobachtung stand Manuel Neuer, der am Donnerstag nach acht Monaten ohne Einsatz wegen eines Mittelfußbruchs unter Beschuss durch Torwarttrainer Andreas Köpke die alte Schnelligkeit und Präsenz andeutete. „Stand heute“ sieht Löw „keinerlei Probleme“ bei Neuer, „auch bei Höchstbelastungen wie Sprüngen“. Um aber für die WM nominiert zu werden, müsse Neuer das gesamte Trainingslager so absolvieren, „dass er überhaupt keine Probleme hat und alle Belastungen toleriert“.

          Eine andere mögliche Bruchstelle, die durch das Foto von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Präsidenten Erdogan entstanden war, sieht Löw dagegen nach dem „klärenden Gespräch“, das auf Wunsch der beiden Spieler am Wochenende in Berlin mit Löw und anderen DFB-Verantwortlichen stattfand, bereits als stabilisiert an. Dem Bundestrainer genügte die Erklärung der beiden Deutschen mit türkischen Wurzeln, „dass es keine politische Botschaft war, die sie aussenden wollten“. Mit dieser Aussprache, so Löw, „war das Thema für mich beendet“, so dass nun „das Sportliche im Vordergrund“ stehen könne.

          Dieses Sportliche ist zunächst die Reaktivierung des bereits Gelernten, das in einem halben Jahr mit nur zwei Partien (1:1 gegen Spanien, 0:1 gegen Brasilien) neu in Fleisch und Blut übergehen muss. Über die Jahre habe das Nationalteam sich zwar „eine sehr gute Basis in der Spielphilosophie“ erarbeitet, so Fußballlehrer Löw, müsse aber nun alles im Detail wiederholen, defensive Automatismen, offensive Laufwege, „weil die Pausen so lang sind, anders als bei einem Bundesligateam, das sich fast jeden Tag sieht“. Auf dem Lehrplan für die kommenden zwei Wochen stehen etwa „Lösungen gegen dicht besetzte Abwehrreihen“, wie sie Löw bei den Vorrundengegnern Südkorea und Schweden erwartet, und die Vorbereitung auf die gegenteilige Taktik möglicher K.o.-Rundengegner, das frühe, „hohe Attackieren“ bei Ballbesitz des Weltmeisters.

          Mit dem besseren Finden von Lösungen gegen unterschiedliche defensive Raumkonzepte hat auch die Zahl und Bandbreite der im vorläufigen Aufgebot stehenden Stürmer zu tun. 2014 wurde Deutschland Weltmeister mit nur einem echten Stürmer, Miroslav Klose. Aber das „Thema im heutigen Fußball“, so Löw, laute immer mehr: „Wie erkenne ich Räume, wie schaffe ich Räume?“ Und die Wahl des Stürmer-Typs hänge davon ab, „wo man seine Räume gern hätte“. Mit den im 27er-Aufgebot stehenden Mario Gomez, Nils Petersen und Timo Werner, dreier Angreifer „mit ganz unterschiedlichen Qualitäten“, erhält Löw unterschiedliche Offensiv-Varianten und will in Südtirol „mal testen, wie das passt“. Speziell bei Petersen, Novize beim Nationalteam, will er auch sehen, „wie er sich auf diesem Niveau anpasst“. Gelingt dem Freiburger das Casting, dürfte er gute Chancen auf die fixe WM-Nominierung haben, nicht zuletzt wegen seiner Fähigkeit, von der Bank weg Entscheidendes zu leisten. Die WM 2014 gewann Löws Team am Ende vor allem dank der Joker Schürrle und Götze, die nun nicht mehr für gut genug befunden wurden – Nachfolger gesucht.

          Viele Puzzlesteine also, die Löw zusammensetzen muss in den 16 Tagen in Südtirol. Nur eins sei dort gar nicht nötig: Spieler zu motivieren. „Eine WM ist das Allergrößte, dann sind alle Spieler unter Strom“, beteuerte er. Der Ehrgeiz im Team sei ungebrochen, „auch bei denen, die Weltmeister geworden sind“. Auch bei ihm selbst, wie er verriet – und das weit über das Turnier in Russland hinaus, bis zur nächsten WM, 2022 in Qatar. Er verspüre die „große Motivation“, dort nach dem von ihm erwarteten „Umbruch“ der nächsten Jahre neue, junge Spieler, „vielleicht angeführt von Joshua Kimmich“, in sein viertes WM-Turnier zu führen. Eine Vision über vier Jahre hinweg, eine Legislaturperiode sozusagen – was dann nun wirklich wie eine Regierungserklärung klang. Mit 16 Amtsjahren wäre Löw dann ein Rekord-Bundestrainer von der Langlebigkeit eines Helmut Kohl.

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