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Bundesliga und DFB : Eine knallharte Nichtanalyse

„Der offizielle Abenteuerfilm des DFB zum Sommeralbtraum“, schreiben die Karikaturisten Greser & Lenz für die F.A.Z. Bild: Greser & Lenz

Die Vereine vermeiden jede Kritik an Bundestrainer Joachim Löw. Den Mehltau, der sich über den DFB gelegt hat, will niemand aus der Bundesliga wegfegen. Das hat zwei zentrale Gründe.

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          Puh, einmal durchatmen, so gerade noch geschafft – er bleibt. Jetzt aber ab in den Urlaub. Geht ja erst im September weiter in der Nations League gegen Frankreich, und Joachim Löw wird auf der Bank sitzen. Alles wird gut.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Ob sie das so sehen beim Deutschen Fußball-Bund (DFB)? Vermutlich, denn der Stimmungswandel in den Tagen nach dem WM-Ausscheiden ist beachtlich. „Ich erwarte, dass die sportliche Leitung eine saubere Analyse hinbekommt. Die werden uns das erklären müssen, dann werden wir darüber sprechen und die nötigen Konsequenzen ziehen“, hatte DFB-Präsident Reinhard Grindel noch in ziemlich deutlicher Art in Kasan gesagt – offenbar im Affekt, unmittelbar nachdem mit dem 0:2 gegen Südkorea das Undenkbare geschehen war. Dann aber hatte Löw tatsächlich doch offengelassen, ob er nach diesem historischen Scheitern überhaupt im Amt bleiben wolle und damit wohl Panikattacken in der DFB-Führungsebene ausgelöst.

          Denn kaum in Frankfurt gelandet, ging es für Grindel nur noch „um eine erste Analyse in der nächsten Woche“, und dann werde sich sicher auch der Bundestrainer über seine Zukunft äußern. Der Bundestrainer wohlgemerkt, nicht der Verband, denn bevor auch nur ein oberflächlicher Schnellschuss von Analyse überhaupt vorliegen konnte, geschweige denn eine saubere, hatte das komplette Präsidium in einer Telefonkonferenz Joachim Löw das Vertrauen ausgesprochen. Analyse? Ja, auch wichtig, aber keine Hektik oder Aktionismus jetzt bitte. Wichtig ist erst einmal, dass der Trainer bleibt.

          Ein klitzekleines Detail einer ersten Erkenntnis außer dem schwammigen und allgegenwärtigen Begriff der tiefgreifenden Veränderung, was aus Erfahrung alles und fast nichts bedeuten kann, hätte man am Dienstag schon gerne erfahren, aber das war nicht vorgesehen. Der DFB blieb seiner Linie treu, dass nur verkündet wird und Nachfragen von Haus aus als unangemessen angesehen werden. Schon bei der mit Spannung erwarteten Verkündung des endgültigen WM-Kaders bei einem Termin namens Pressekonferenz, der in Wirklichkeit aber nur ein telegener Monolog des Bundestrainers mit ein paar Dutzend Journalisten als Staffage gewesen war, durften keine Fragen gestellt werden. Am Dienstag sagten übereinstimmende Quellen des DFB, dass Löw am Vormittag höchstpersönlich in der Frankfurter Zentrale gewesen sei. Gesehen hat ihn niemand – Löw verschwand durch die Hintertür. Keine Fragen, bitte.

          Fussball-WM 2018

          Schweigen in der Bundesliga

          Die Bundesliga schweigt zu alledem, dabei wäre bei den Vereinen eine Öffentlichkeitsarbeit dieser Art nicht denkbar. Da schickt kein Klub seinen Ko-Trainer oder einen Spieler allein in die Pressekonferenz, erst recht nicht, wenn gerade ein wichtiges Spiel verlorengegangen ist. Der Trainer ist immer der wichtigste Ansprechpartner, danach der Manager. Aus der Bundesliga fordert aber auch niemand eine „saubere Analyse“. Unisono heißt es, Löw sei der richtige Mann für den Neuaufbau, das klang bei jedem Trainer so, der sich tatsächlich zu diesem Thema äußerte – und damit schon einmal vermied, dass er mit diesem Job in Verbindung gebracht werden könnte. Die Coachingprobleme des Bundestrainers, die falsche Einschätzung des Fitnesszustandes der Spieler, die taktischen Mängel, die komplett fehlende Begeisterungsfähigkeit des Nationalteams – das alles ist ganz sicher registriert worden und doch kein Thema.

          Am weitesten aus dem Fenster lehnte sich Hans-Joachim Watzke, dessen Worte immerhin Raum für Interpretationen ließen. „Jeder, der die Szene seit vielen Jahren kennt, konnte vom ersten Moment an riechen, dass es genau so kommen wird. Ich hatte den Eindruck, dass es gar keine Entscheidung innerhalb des DFB gab, sondern dass man darauf gesetzt hat, dass sich Löw dann so entscheidet. Das sportlich zu bewerten, ist nicht unsere Aufgabe“, sagte der Geschäftsführer von Borussia Dortmund. Schließlich wolle man auch nicht, dass sich Grindel oder Bierhoff darüber äußerten, „welche Trainerentscheidung Borussia Dortmund getroffen hat. Dafür sind da gewählte oder angestellte Leute, und wenn die das Gefühl haben, das ist so eine gute Entscheidung, tragen wir das natürlich komplett mit“.

          Den Mehltau, der sich über den DFB gelegt hat, will niemand aus der Bundesliga wegfegen, dabei wird dort das Insiderwissen am größten sein. Wie sie wohl aussehen wird, die knallharte Analyse dieser WM, getroffen von den Personen, die die Fehler zu verantworten haben? Der Umgang mit Kritik beim DFB ist ausbaufähig, der Bundestrainer sakrosankt, das wissen die Vereine und schweigen. Der Verdacht liegt nahe, dass alles so enden wird wie bei den Spielern und ihrer Auseinandersetzung im Quartier in Watutinki mit der Auftaktniederlage gegen Mexiko. „Es hat nicht so geknallt, wie es früher geknallt hätte“, hatte Bierhoff da gesagt. Dem Nationalmannschaftsmanager war während der WM auch das Kritischste herausgerutscht, was von offizieller Seite zu hören gewesen war. „Wenn sich Muster wiederholen, muss man natürlich tiefer gehen. Das müssten auch die Trainer beantworten, wie sie das lösen wollen“, hatte er nach der Niederlage gegen Mexiko gesagt. In der Bundesliga weiß ein Trainer: Wenn der Manager so etwas sagt, muss er sich vorerst keine Einbaumöbel für seine Wohnung bestellen.

          Beim DFB ist das anders. Die Forderung von Grindel nach schneller Erklärung für das Scheitern ist der grenzenlosen Erleichterung gewichen, dass Löw überhaupt bleibt. „Wenige Tage nach einem solchen Turnier-Aus eine umfassende Analyse einzufordern wäre allerdings verfrüht. Der Bundestrainer und Oliver Bierhoff sollen sich jetzt die notwendige Zeit nehmen, um das Turnier sportlich aufzuarbeiten und dem Präsidium vor dem Länderspiel am 6. September gegen Frankreich, in dem wir in der Nations League gleich gefordert sind, eine umfangreiche Analyse vorzustellen“, sagte er am Dienstag. Und jetzt aber ab in den Urlaub.

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