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Deutsches WM-Aus : „Wut und Enttäuschung richten sich gegen uns“

Frühe Rückkehr nach Deutschland: Bundestrainer Joachim Löw. Bild: dpa

Das DFB-Team kommt traurig in Frankfurt an. Die Spieler verlassen den Flughafen durch die Hintertür. Löw, Grindel und Bierhoff kündigen „tiefgreifende Maßnahmen“ nach dem frühen WM-Aus an.

          Auch der Abschied verlief nicht planmäßig. Die Heimreise aus Moskau traten die Nationalmannschaft und ihre Entourage mit mehr als einstündiger Verspätung an, weil die Maschine am Flughafen Wnukowo deutlich länger als vorgesehen beladen wurde. Die Ankunftszeit in Frankfurt veränderte sich trotzdem nur wenig: Ganz zum Schluss ihrer missglückten „Mission Titelverteidigung“ profitierten die Deutschen dann doch noch einmal von Rückenwind, der den Bundestrainer und die Spieler schneller als geplant an ihren Bestimmungsort brachte – nachdem Joachim Löw und das von ihm zusammengestellte Team das sportliche Ziel in Russland auf denkwürdige Art und Weise verpasst hatten. Die Aufarbeitung des WM-Desasters geht nun in der Heimat weiter.

          Anders als in der jüngeren Vergangenheit, als vergleichbare Gelegenheiten Feierstunden ähnelten, erlebte der entthronte Weltmeister am Donnerstag eine triste Rückkehr in den Alltag, bei der niemand applaudierend Spalier stand. Es waren rund 250 Zuschauer gekommen, die auf den Tross des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) warteten. Wobei die Anhänger, die sich am Terminal 1 am Rhein-Main-Airport einfanden, kaum einen der Protagonisten näher zu Gesicht bekam, da es die Profis vorzogen, einen Ausgang zu wählen, der es ihnen ermöglichte, hinter den abgedunkelten Scheiben schwarzer Limousinen rasch das Weite zu suchen.

          Die Aufgabe, Stellung zu beziehen, wie das Scheitern intern bewertet wird und ob personelle Konsequenzen zu erwarten sind, übernahm als erster Teammanager Oliver Bierhoff. Er versuchte unweit der Check-Inn-Schalter, an denen sich Tausende Urlauber auf den Weg in die schönsten Wochen des Jahres machten, zu erklären, wie es in den vergangenen Tagen aus deutscher Perspektive zu einem derart verdrießlichen WM-Verlauf kommen konnte. Bierhoff war anzusehen, dass sich an das 0:2 gegen Südkorea in Kasan eine Nacht im Quartier in Watutinki anschloss, in der für ihn nicht viel Schlaf möglich war. Er sah erschöpft aus, als er eine „knallharte Analyse“ ankündigte. Konkrete Details, was ihm vorschwebt, vermied er allerdings.

          Bierhoff sprach von einer Mischung aus „Betroffenheit und Schock“, die ihn schmerze: „Wir wissen, dass wir uns nicht in der Form präsentiert haben, die uns sonst auszeichnete.“ Ausreden seien fehl am Platz, sagte der 50-Jährige im schmucklosen Innenhof vor dem VIP-Areal des Flughafens: „Es lag an uns!“ Für ihn seien „gewisse Änderungen“ unabdingbar, sagte Bierhoff. Er fügte jedoch auch an, dass für ihn „Schnellschusshandlungen jetzt nicht das Richtige sind. Wir sollten alles sacken lassen, durchschnaufen und dann die Ärmel hochkrempeln“.

          Löw verließ das Gebäude, als einige Profis, allen voran Mesut Özil, der es besonders eilig hatte, schon mit ihren Chauffeuren besprachen, wo es für sie hingehen sollte. Nur Manuel Neuer stand aus dem Kreis der Spieler für ein Statement zur Verfügung. „Es tut uns leid“, sagte der Kapitän. „Wut und Enttäuschung“, von der er erzählte, „richten sich gegen uns. Wir hatten eine klasse Mannschaft, haben aber zu wenig davon gezeigt.“

          Bei den drei Fragen an Löw, die ein DFB-Pressesprecher den Medienschaffenden gestattete, vermied der Bundestrainer eine unmissverständliche Stellungnahme zu seiner Situation. Geht er? Bleibt er? Der 58-Jährige ließ bei seinen Worten durchaus Raum für Interpretation. Er fühle sich noch „in Schmerz und Enttäuschung gefangen“, es brauche daher noch, um klare Gedanken fassen zu können, die er für angemessen halte. Er selbst sei 2004 (zunächst als Assistenztrainer an der Seite von Jürgen Klinsmann) zum DFB gekommen, weil es in Anbetracht fehlender Erfolge „Veränderungen geben musste“. Auch nun seien „tiefgreifende Maßnahmen“ nötig, um die Nationalelf wieder auf- und neu auszurichten. Dass die Mannschaft weit hinter den Erwartungen zurückblieb und „nicht in der Verfassung war, in der sie hätte sein sollen“, sei zweifellos auch durch sein Zutun mitverschuldet. Fakt sei: „Die Verantwortung liegt bei mir“, sagte Löw, und jetzt sei eine gründliche Ursachenforschung angebracht, um die passenden Lehren aus der unerwarteten WM-Blamage zu ziehen.

          Verbandspräsident Reinhard Grindel berichtete von mehreren Vier-Augen-Gesprächen an Bord des „Mannschaftsfliegers“. Unter anderem mit Löw, Bierhoff und Neuer. Er habe zudem mit der Sportlichen Leitung des Teams vereinbart, dass bis nächste Woche eine „erste Analyse“ der unerfreulichen Ereignisse in Russland vorgelegt wird, sagte Grindel. Er rechne damit, dass sich „der Bundestrainer dann auch zu seiner Zukunft äußern wird“. Grindel verlangte „kühlen Kopf zu bewahren“. Er wolle bei den nun folgenden Debatten „die Bundesliga miteinbeziehen“, sagte der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete, weil er Lösungen favorisiere, die auf einem breiten Konsens basierten.

          Löw hatte erst kurz vor der WM seinen Vertrag beim DFB bis Sommer 2022 verlängert. Grindel sagte, er sei nach wie vor der Meinung, dass die Entscheidung, mit Löw weiterzumachen, vernünftig gewesen sei. „Und ich habe von keinem Präsidiumsmitglied gehört, dass er das jetzt anders sieht.“ Für eine bevorstehende Demission des Bundestrainers sehe er aktuell „keine Anzeichen“, sagte Grindel.

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