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Khedira oder Schweinsteiger : Wer ist hier der Chef?

Stabübergabe: Im Spiel gegen Ghana ersetzt Bastian Schweinsteiger seinen Teamkameraden und Konkurrenten Sami Khedira (l.) Bild: GES-Sportfoto

Der Bundestrainer steht vor einer schwierigen Entscheidung: Soll er mit Khedira oder mit Schweinsteiger im Achtelfinale gegen Algerien (Montag, 22 Uhr) beginnen? Der eine ist näher bei Löws Idealbild einer Führungsfigur, der andere zeigte gegen die Amerikaner Führungsstärke.

          Sami Khedira sprach ganz ruhig, von einer emotionalen Färbung in seiner Stimme war überhaupt nichts zu spüren. Gerade deshalb klang es so selbstverständlich, wie er am Donnerstag, nach dem 1:0 gegen die Amerikaner, über seine 90 Minuten auf der Bank, Bastian Schweinsteigers Leistung und die Aussicht auf seine Rückkehr ins Team redete. Was heißt Aussicht - Khedira schien fest davon auszugehen, dass er am Montag wieder in der deutschen Startelf steht, wenn es in der ersten K.-o.-Runde der Weltmeisterschaft in Porto Alegre gegen Algerien (22 Uhr, live im ZDF und F.A.Z.-Liveticker) geht. „Ich habe einen guten Austausch mit dem Bundestrainer, auf Sicht für das weitere Turnier war es ganz gut, eine Pause zu machen, um fit ins Achtelfinale zu gehen“, sagte er. Dem Kollegen Schweinsteiger bescheinigte Khedira ein „ordentliches, gutes Spiel“, er habe im Training „einen sehr guten Eindruck hinterlassen“ und werde „immer fitter“. Noch Fragen, wer sich hier in der Rolle des Platzhirschs in der Mittelfeldzentrale sieht?

          Khedira schien dann gleich noch die Deutungshoheit über die deutsche Vorstellung im letzten WM-Gruppenspiel in Recife übernehmen zu wollen. Während alle anderen recht zufrieden die Arena verließen, trat Khedira als Chefkritiker auf. Mit der Art und Weise, wie die Deutschen gegen Ghana und in Teilen auch gegen die Vereinigten Staaten gespielt hätten, könne man „nicht zufrieden“ sein, sagte er. „Um relativ weit zu kommen, müssen wir unser Spiel noch schneller machen, schneller nach vorne, und auch die Box besetzen, weil wir viele Flanken hatten, aber einfach niemand da war, der sie auch verwerten konnte.“ Mit beidem hatte Khedira recht. Aber wenn man nicht mitgespielt hat, finden die Worte meist nicht so viel Gehör, wie wenn man auf dem Platz gestanden hat.

          Der wahre Chef? Bastian Schweinsteiger hat Signale gesendet

          Bastian Schweinsteiger zum Beispiel wäre so jemand gewesen, dem alle sehr genau zugehört hätten in Recife. Er hatte erstmals bei dieser WM in der Startelf gestanden und über 70 Minuten ein Spiel gemacht, das mehr als nur ordentlich war. Mit ihm wirkte die deutsche Ordnung im Mittelfeld gefestigter, das Passspiel sicherer als zuvor mit Khedira. Schweinsteiger, der in der Vorbereitung lange verletzt pausiert hatte, wirkte glücklich, wieder in seinem Element zu sein - und tatendurstig. Vom Anpfiff weg warf er sich mit Vergnügen und Leidenschaft in dieses Spiel. Er war sich für keine Knochenarbeit zu schade, und es gab keinen anderen im deutschen Team, der sich mit so viel Vehemenz den robusten Amerikanern entgegengestemmt hätte. Wie Schweinsteiger sich nichts gefallen ließ und im Zweifel jede Herausforderung und jeden Kleinkrieg annahm, vor allem mit Jermaine Jones, war auch ein Signal an die Kollegen: Der Chef ist wieder da.

          Deutungshoheit ist Schweinsteiger wurscht

          Darüber reden aber mochte Schweinsteiger nicht. Er tat das, was er meist nach Spielen tut, wenn ihn nicht vertragliche Pflichten dazu zwingen, vor die Fernsehkameras zu treten. Er ging einfach an Kollegen und Reportern vorbei und verschwand in den Bus. Die Deutungshoheit ist ihm wurscht. Ob es ihm auch wurscht ist, was die Öffentlichkeit über ihn denkt, oder ob es das gerade nicht ist, und er schweigt, weil er sich irgendwie ungerecht behandelt fühlt, ist von außen schwer zu sagen. Er hat, so wirkt es, beschlossen, nur noch auf dem Platz da zu sein. Nur noch für seine Mannschaft da zu sein.

          Es ist vielleicht das Wertvollste an Schweinsteiger und zugleich das, was oft ein bisschen zu kurz kommt in der Bewertung: dass er als Spieler ohne jeden Anflug von Eigensinn daherkommt. Das Mia-san-mia seines Klubs verkörpert der Ober-Bayer vielleicht wie kein anderer, ein großes Ego aber trägt er auf dem Platz nicht vor sich her. Schweinsteiger tut nichts, um selbst zu glänzen, und alles, um den Kollegen das Leben einfacher zu machen. Immer anspielbar sein, immer den besser stehenden Mann einsetzen, und vor allem: sich und den Gegner niemals schonen - „Leading by example“ könnte man das in der Managementsprache nennen. Schweinsteiger geht auf dem Platz mit gutem Beispiel voran.

          Gleichberechtigter zweiter Chef

          Das ist auch einer der Gründe, warum er in der Nationalmannschaft in den vergangenen Jahren ganz selbstverständlich eine Führungsrolle innehatte. Als Joachim Löw 2010 einen neuen Kapitän für den verletzten Michael Ballack brauchte, entschied er sich zwar für den smarteren Philipp Lahm; dass er Schweinsteiger als Stellvertreter benannte und ihn als „emotionalen Leader“ bezeichnete, machte ihn zu einem beinahe gleichberechtigten zweiten Chef.

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