https://www.faz.net/-gaq-9bq7l

Fußballszene ist erschüttert : „Nicht verdient, für Nationalmannschaft zu spielen“

  • Aktualisiert am

Im Visier: Auch Michael Ballack übt scharfe Kritik Bild: dpa

Michael Ballack meldet sich per Twitter, Lothar Matthäus schreibt Gastbeiträge. Und selbst der besonnene Berti Vogts nimmt kein Blatt vor den Mund. Die deutsche Fußballszene fordert Veränderungen.

          4 Min.

          Der frühere Bundestrainer Berti Vogts hat nach dem Vorrunden-Aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der WM in Russland Konsequenzen gefordert. „Ich gehe davon aus, dass sich der Deutsche Fußball-Bund von vielen Spielern trennen wird. Sie haben es nicht verdient, weiter für unsere Nationalmannschaft zu spielen“, sagte der Coach der deutschen Europameister-Elf von 1996 beim Business Viewing im Kölner Rheinloft.

          Die Nationalmannschaft habe in keinem der drei Vorrundenspiele ihre gewohnte Leistung abrufen können. „Das war einer deutschen Elf nicht würdig“, erklärte der Weltmeister von 1974. Ihm habe zudem missfallen, dass „Deutschland keinen Willen gezeigt hat. Das war alles viel zu langsam“. Für die Zukunft fordert Vogts einen Umbruch innerhalb der Mannschaft. „Wir müssen ein neues Team aufbauen“, sagte der 71-Jährige, der dem Trainerteam um Joachim Löw diese Aufgabe zutraut: „Die Verantwortlichen kennen sich aus im Fußball. Sie haben hoffentlich gesehen, wer nicht mehr dazugehören darf.“

          Vogts empfahl, noch verstärkter auf junge Spieler zu setzen. Der frühere Bundestrainer verwies in diesem Zusammenhang auf die deutschen U21-Europameister.

          Auch Weltmeister Guido Buchwald sieht trotz des Scheiterns der deutschen Fußball-Nationalmannschaft keinen Grund für einen Wechsel des Bundestrainers. Löw habe „in zwölf Jahren einen hervorragenden Job gemacht. Bei aller Enttäuschung muss man jetzt in Ruhe analysieren, dann sollte es mit ihm weitergehen“, sagte der 57-Jährige dem „Kicker“ (Donnerstag). Als Grund für das erstmalige Ausscheiden einer DFB-Auswahl in der WM-Gruppenphase nannte Buchwald mangelnden Teamgeist und mentale Schwächen.

          Matthäus bezeichnet Team als „selbstherrlich“

          Thomas Berthold, wie Buchwald 1990 mit der deutschen Mannschaft Weltmeister, forderte eine intensive Aufarbeitung der WM-Blamage von Russland. „Der DFB und die Bundesliga müssen sich jetzt hinterfragen. Zum Beispiel, ob es sinnvoll war, vor der WM langfristig mit Jogi Löw zu verlängern“, sagte Berthold dem „Kicker“. Der Bundestrainer habe bei der Personalauswahl keine glücklichen Entscheidungen getroffen. „Auf Sané und mit Petersen oder Wagner auf einen weiteren Stürmer zu verzichten war riskant und hat sich letztlich als Fehler erwiesen“, sagte der 53-Jährige.

          Der frühere Nationalspieler Olaf Thon nannte eine Reihe von Störfaktoren auf dem Weg zur WM als Ursache für das frühe Aus. „Es gibt vieles aufzuarbeiten. Im Moment habe ich den Eindruck: Wir brauchen einen radikalen Neuaufbau“, sagte der 52-Jährige.

          Nach dem historischen Vorrunden-Aus bei der WM in Russland hat Rekordnationalspieler Lothar Matthäus der DFB-Auswahl Selbstüberschätzung und Bundestrainer Joachim Löw falsche Personalentscheidungen vorgeworfen. Schon in der Vorbereitung habe es viele Probleme und schlechte Testspiele gegeben, schrieb der Weltmeister von 1990 in einem Gastbeitrag für die „Bild“-Zeitung. „Und was ich in den drei Gruppenspielen auf dem Platz sah, hat diese Spaltung des Teams vollkommen bestätigt. Die Mannschaft war keine Einheit. Sie hat keine Leidenschaft gezeigt. Und viel schlimmer: Sie war selbstherrlich.“

          Auch Löw stehe nun zurecht in der Kritik wegen seiner Kaderplanung. „Der Mannschaft fehlten Typen mit Ecken und Kanten wie Bayerns Sandro Wagner“, kritisierte Matthäus, der mit der Nationalelf Bulgariens zuletzt vor sieben Jahren ein Team trainierte. Beim WM-Personal habe Löw auch nicht genügend Wert auf schnelle Spieler wie Leroy Sané gelegt, der beim englischen Meister Manchester City zum Stammpersonal zählt, aber überraschend nicht mit nach Russland fahren durfte. An einen Rücktritt Löws glaubt Matthäus nach eigenen Worten zwar nicht. Der vor dem Turnier verpasste Umbruch sei aber spätestens jetzt unumgänglich. „Die Mannschaft muss rund um Führungsspieler wie (Manuel) Neuer und (Toni) Kroos mit neuen Gesichtern aufgebaut werden“, forderte der 150-malige Nationalspieler. Junge Talente wie Niklas Süle, Tobias Werner und Leon Goretzka gelte es zudem viel stärker einzubinden.

          Lothar Matthäus kritisiert: „Keine Anführer, keine Leidenschaft, keine Einstellung und die falsche Mannschaft.“
          Lothar Matthäus kritisiert: „Keine Anführer, keine Leidenschaft, keine Einstellung und die falsche Mannschaft.“ : Bild: dpa

          In einem Kommentar für die britische „Sun“ zog Matthäus das Fazit: „Keine Anführer, keine Leidenschaft, keine Einstellung und die falsche Mannschaft.“ Seine Philippika veröffentlichte er unter dem Titel: „Ende einer Generation.“

          Damit äußerte er sich sehr ähnlich wie Michael Ballack. Der frühere Nationalmannschaftskapitän, nicht gerade im Frieden aus dem DFB-Team geschieden und nicht gut auf Bundestrainer Löw zu sprechen, äußerte sich auf Twitter. „“Man kann immer früh ausscheiden mit einem schlechten Team, aber nicht mit einer Mannschaft wie dieser“ Nun muss ehrliche Aufarbeitung beginnen. Führungsstärke? Persönlichkeit? Mentalität?“, schrieb Ballack.

          Paul Breitner befürchtet nach dem deutschen WM-Desaster auch für die Fußball-Bundesliga "tiefgehende Folgen - und zwar bereits für die nächste Saison". Im Interview mit der Münchner Tageszeitung „tz“ prophezeite der 66-Jährige: "Das lässt sich der Fan nicht bieten. Die Diskussion über satte Profis, die es nicht mehr nötig haben, wird jetzt gnadenlos aufgetischt." Die Leistungen der Nationalmannschaft beim Turnier in Russland seien "eine Katastrophe" gewesen, wetterte Breitner: "Das war Altherrenfußball, was wir in den drei Spielen gesehen haben. Es war ja kein Plan da. Es plätschert dahin. Ich habe niemanden gesehen, der versucht hat, die Mannschaft aus ihrer Lethargie zu führen." Kritik übte er nach dem peinlichen 0:2 gegen Südkorea deshalb auch an Toni Kroos von Real Madrid. "Wissen sie, ich verzichte gerne auf den 15.000. Pass von Toni Kroos, wenn er nicht ein einziges Mal den Raum ausnutzt, den er sich schafft. Nicht einmal ist er durch das Mittelfeld marschiert oder hat mal versucht, die Abwehr vielleicht mit einem Dribbling auseinanderzureißen. Da verzichte ich gerne auf die 99 Prozent Passgenauigkeit", moserte der frühere Münchner.

          Bundestrainer Joachim Löw müsse er "den Vorwurf machen", so Breitner, "dass er keine feste Mannschaft und keinen Plan hatte. Er hat gewechselt, umgestellt - und das in einer Art und Weise, die ich nicht verstehe." Jedes Verständnis fehle ihm auch "für Manuel Neuers Ausflug gegen Südkorea in den gegnerischen Strafraum", führte Breitner weiter aus: "Er weiß genau, was in sechs Minuten noch alles passieren kann. In dieser Truppe geht alles drunter und drüber."

          Können es nicht fassen: die deutschen Spieler, dass die WM für sie in der Vorrunde endet – die Südkoreaner, dass sie gegen Deutschland 2:0 gewinnen. Bilderstrecke
          Das Spiel in Bildern : Deutschland unter Schock

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die „Bild“-Zeitung klagte an: Merkel nicht im Flutgebiet. Ja, weil der Bundespräsident an jenem Tag da war. Die Kanzlerin kam einen Tag später.

          Umgang mit Katastrophen : Mut in Zeiten der Flut

          In der Hochwasserkatastrophe halfen viele selbstlos. Andere aber begannen schon früh damit, eigene Ziele zu verfolgen. Selbstgerechter geht es nicht.

          Corona-Varianten : Was macht Delta so gefährlich?

          Immer neue Varianten von SARS-CoV-2 grassieren und lassen die Pandemie nicht enden, obwohl immer mehr Menschen geimpft sind. Forscher mühen sich, die nächsten Mutationen vorherzusagen. Warum gelingt das nicht?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.