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Deutschland raus aus der WM : Öffentliche Leichenschau

Schadenfreude in aller Welt: Die deutsche Nationalmannschaft um Mats Hummels ist bei der Fußball-WM ausgeschieden Bild: dpa

Das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft ist das eine. Die Reaktionen weltweit sollten aber auch zum Nachdenken anregen: Darüber, warum die Schadenfreude nun so groß ist.

          Die Weltmeisterschaft geht so richtig los  - und Deutschland ist nicht mehr dabei. Diese Möglichkeit schien so undenkbar, dass es so mancher selbst dann nicht glauben konnte, als tatsächlich geschehen war, was sich schon in den ersten beiden Gruppenspielen gegen Mexiko und Schweden doch irgendwie abgezeichnet hatte. „Fußball ist ein einfaches Spiel. 22 Männer rennen 90 Minuten lang einem Ball hinterher, und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“ Das Bonmot des ehemaligen englischen Nationalspielers Gary Lineker stand stellvertretend für die deutsche Mannschaft in der Vergangenheit. „Am Ende gewinnen nicht immer die Deutschen“, verbesserte sich der BBC-Moderator am Mittwochabend, „die vorherige Version ist Geschichte“.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Was da mit der deutschen Mannschaft in Russland geschehen ist, sorgte international für viel Spott und Häme. Das dürfte nicht nur damit zu tun haben, dass Deutschland eben in der Vergangenheit immer ein unbequemer Gegner gewesen war, der so manches Spiel gewann, das auf der Kippe stand oder sogar schon verloren schien. „Alles wird hinterfragt werden“, kündigte Manager Oliver Bierhoff nach dem krachenden Aus an. Wenn er vom Jubel hört, der sich überall an den WM-Standorten bei den koreanischen Toren breit machte, sollte er nicht in den Fehler verfallen, dies nur dem Umstand zuzurechnen, dass dem Außenseiter immer die größeren Sympathien zufallen.

          Fussball-WM 2018

          Es muss auch etwas am Auftreten des nun ehemaligen Weltmeisters gewesen sein, das für so viel Schadenfreude gesorgt hat. Dabei ist den Deutschen das Schlimmste womöglich sogar erspart geblieben mit diesem Abgang bei erster Gelegenheit. „Selbst wenn wir heute irgendwie gewonnen hätten. Vor uns hätte niemand Angst gehabt, gegen uns hätte jeder gerne gespielt im Achtelfinale“, sagte Kapitän Manuel Neuer. Dort hätte Brasilien gewartet.

          Public Viewing der anderen Art

          „Die Mannschaft“, wie die Nationalelf durch das alles andere als zu bescheiden daherkommende DFB-Marketing überhöht worden ist, als gebe es keine andere, nicht einmal in Deutschland, diese Mannschaft also werde nach dem befreienden Sieg im letzten Moment gegen Schweden nun gegen Südkorea mit der nötigen Verve zur Sache kommen und die Angelegenheit von Beginn auf dem Platz regeln – das war die Erwartung der vielen Fans gewesen, die sich in Deutschland zum „public viewing“ trafen oder woanders gemeinsam vor dem Fernseher saßen. Stattdessen wurde eher das daraus, was das Wort im amerikanischen Englisch tatsächlich bedeutet: Öffentliche Leichenschau.

          Der Weltmeister, der in der ersten Halbzeit wie gelähmt wirkte und nur ängstlichen Zeitlupenfußball zustande brachte und mit zunehmender Spielzeit immer panischer wurde, wurde auf der größtmöglichen Bühne beerdigt.

          „Ich habe sie im letzten Sommer hier mit einem jungen Team beim Confed Cup gesehen, sie hatten zudem Erfolge mit der U 21. Aber in diesem Turnier haben sie in drei Spielen zusammen genommen nur etwa eineinhalb Minuten geführt. Es war ungewohnt zu sehen, dass sie so große Probleme haben“, sagte der englische Nationaltrainer Gareth Southgate. Und ungewöhnlich, dass sie diese Probleme nie lösen konnten, obwohl sie doch offenbar schon seit längerem bestehen.

          Können es nicht fassen: die deutschen Spieler, dass die WM für sie in der Vorrunde endet – die Südkoreaner, dass sie gegen Deutschland 2:0 gewinnen. Bilderstrecke

          „Unser letztes gutes Spiel haben wir Mitte, Ende des vergangenen Jahres gemacht“, sagte Mats Hummels, später korrigierte er sich sogar auf März 2017. Warnzeichen also, dass da etwas aus dem Ruder laufen könnte bei dieser WM, hatte es gegeben, aber sie waren entweder nicht erkannt oder nicht richtig gedeutet worden. „Es ist unfassbar enttäuschend für uns und von uns. Es werden viele sehr traurig und auch sauer sein“, sagte Hummels noch.

          Am 6. September geht es weiter für die Nationalmannschaft – in der neugeschaffenen Nations League mit einem Heimspiel in München gegen Frankreich. Wer dort spielen wird, wer dort auf der Bank sitzen wird? „Ich habe die Verantwortung und stehe auch dazu“, sagte Bundestrainer Joachim Löw, und ob die Verlängerung seines Vertrages unmittelbar vor dieser Weltmeisterschaft an jenem Abend in Kasan nicht schon zur Makulatur wurde, ließ er offen. Schnellschüsse würden auch nicht weiterhelfen, allerdings sollte die angekündigte große Analyse auch nicht so lange dauern wie nach der vergangenen Europameisterschaft, als wochenlang nichts zu hören war aus der DFB-Zentrale und dann nichts Substantielles herauskam.

          Möglicherweise wurden die Probleme da nur übertüncht durch den glücklich zustande gekommenen Einzug in das EM-Halbfinale, was alle glauben ließen, dies würde sich bei dieser WM und nach Olympia-Silber, dem Confed-Cup-Sieg und dem EM-Titel der Junioren schon alles wieder zusammenfügen bei dieser WM. Manche Sätze von diesem Abend hallten noch lange nach. „Dass wir mit dieser Mannschaft als Tabellenletzter in unserer Gruppe ausgeschieden sind, dafür gibt es viele Gründe“, sagte Thomas Müller. Die Beteiligten scheinen sie zu kennen – es wäre an der Zeit, sie zumindest intern auch einmal deutlich zu benennen.

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