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WM-Kommentar : Absturz einer Mannschaft

  • -Aktualisiert am

Mit gesenktem Kopf: Bei der DFB-Elf überzeugten höchstens Einzelne wie Marco Reus Bild: dpa

Die Inszenierung als Markenartikel und die von weltmeisterlicher Hybris zeugende Attitüde lassen das DFB-Team für viele abgehoben erscheinen. Der höchste Preis der desaströsen WM ist, dass die Institution Nationalmannschaft Schaden genommen hat.

          Am Ende wirkte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft wie im Sog eines Strudels bei dieser Weltmeisterschaft. Es war auf eine ungeahnte Weise atemraubend, mit welcher Macht und welchem Tempo es sie in die Tiefe zog. Und wie hilf- und kraftlos alle Beteiligten, Team und Trainer, in diesem Untergang agierten. Binnen kürzester Zeit ist aus dem Versuch, Historisches zu erreichen, als erste Mannschaft seit 1962 einen WM-Titel erfolgreich zu verteidigen, ein historisches Scheitern geworden. Doch es würde zu kurz greifen, nur auf diese Tage in Russland zu schauen. Zeichen für einen möglichen Niedergang hatte es schon vorher gegeben – nur wollte sie niemand sehen in der Nationalmannschaft.

          Fussball-WM 2018

          Das ist zuallererst die Verantwortung von Joachim Löw. Der Bundestrainer erkannte weder nach dem WM-Titel von 2014 noch nach dem Halbfinal-Aus bei der EM 2016, dass es mehr Veränderung brauchte, als er zu wagen bereit war. Die große Chance darauf ließ er nach dem Confederations Cup im vergangenen Jahr verstreichen, als er seinen Siegern dieses B-Wettbewerbs nicht zutraute, auch in der Welt der A-Mannschaft für Hunger, Feuer und Frische zu sorgen. Stattdessen setzte er weiter auf seine Weltmeister von 2014, obwohl diese in den Wochen und Monaten vor der WM fast ausnahmslos mit sich selbst zu kämpfen hatten, wegen Blessuren, schwankenden Leistungen oder beidem. Jérôme Boateng, Mats Hummels, Sami Khedira, Manuel Neuer – sie alle trugen auch ein persönliches Päckchen mit nach Russland, im Fall von Mesut Özil womöglich noch ein ungleich größeres.

          So sah es dann auch auf dem Platz aus: eine Mannschaft ohne Zusammenhalt, mehr Schein als Sein. Neuer, der Kapitän, sprach das noch im Stadion von Kasan an: Gegen diese Deutschen hätte, selbst wenn sie weitergekommen wären, jeder gern gespielt. Ein Armutszeugnis, aber auch die Wahrheit dieses verdorbenen deutschen Fußballsommers. Der Weltmeister und sein Trainer, sie hatten es sich allzu behaglich eingerichtet in ihrer Vier-Sterne-Welt, sie haben vielleicht sogar selbst geglaubt, dass am Ende schon wieder alles so kommen werde, wie es unter Löw immer war: dass die Mannschaft sich im Turnier irgendwie steigern würde.

          Löw wich von seinem Plan nicht ab, erst in Russland wagte er sich an die nötigen Veränderungen – zu spät. Der Bundestrainer zeigte sich, was die Trainerleistung bei allen seinen sechs WM- und EM-Turnieren als Chef angeht, von seiner schwächsten Seite: Die mangelhafte Vorbereitung auf das Mexiko-Spiel und die unterlassene Hilfeleistung währenddessen waren Versäumnisse, die sich rächten. Dass Löw sich zwischendurch noch die Pose der Lässigkeit gab, mit Fotos auf der Strandpromenade von Sotschi, zeigte das Gegenteil von dem, was es sollte: einen der Realität entrückten Bundestrainer.

          Ein Neuaufbau mit Löw erscheint deshalb kaum denkbar – trotz aller Verdienste, die er sich um den deutschen Fußball erworben hat. Dass der Deutsche Fußball-Bund Löws ohnehin noch bis 2020 gültigen Vertrag kurz vor der WM bis 2022 verlängert hatte, war eine zu diesem Zeitpunkt überflüssige Entscheidung. Reinhard Grindel, der Präsident, schien sich damit auch selbst ein Geschenk machen zu wollen. Er hatte sich von Beginn seiner Amtszeit an fest an Löw, den vermeintlich Starken, gebunden – auch, weil Grindel selbst über keine große Hausmacht im Verband verfügt. Nun muss er nicht nur die Scherben zusammenkehren, sondern aus einer geschwächten Position den Neuaufbau moderieren. Das wird nicht leicht, zumal sich das Scheitern des Nationalteams nicht zufällig in die seit 2014 in der Rezession befindlichen Gesamtkonjunktur des deutschen Fußballs fügt. Auch auf Vereinsebene und in den Nachwuchsmannschaften sehen die Perspektiven längst nicht mehr so glänzend aus, wie sie nach dem deutschen Finale in der Champions League 2013 zwischen Borussia Dortmund und Bayern München sowie dem WM-Triumph von Rio de Janeiro im Jahr darauf anmuteten.

          Bei alledem ist vom höchsten Preis dieser desaströsen WM-Kampagne noch gar nicht die Rede: dass auch die Institution Nationalmannschaft Schaden genommen hat. Das betrifft zum einen die Erdogan-Affäre. Die Fotos der türkischstämmigen Nationalspieler Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatschef und der Umgang damit offenbarten nicht nur eine weitere Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Sie beförderten zudem eine Entfremdung zwischen Mannschaft und Publikum, die auch auf einer anderen Ebene längst begonnen hat.

          Teammanager Oliver Bierhoff verortet und verankert das Team so gern in der Mitte der Gesellschaft. Doch die penetrante Inszenierung als Markenartikel („Die Mannschaft“) und mehr noch die von weltmeisterlicher Hybris zeugende Attitüde hinter dem Gesamtauftritt in diesem Sommer („Best never rest“) lassen das Team für viele abgehoben erscheinen, obwohl die meisten Spieler selbst dafür noch nicht einmal etwas können. Sie sind auf dem Platz gescheitert, aber mit ihnen ist auch der gesamte deutsche Fußball tief gestürzt.

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