https://www.faz.net/-gtl-7r2ex

Zittersieg gegen Algerien : Mit schlaffen Flügeln

Bundestrainer Joachim Löw muss einen Weg finden, wie die Nationalelf stabiler und gefährlicher werden kann Bild: AP

Gegen Algerien stößt das Spielsystem von Joachim Löw an seine Grenzen. Es fehlt an Außenverteidigern, die das Spiel der deutschen Mannschaft nach vorne treiben. Im Spiel gegen Frankreich muss der Bundestrainer die Defensive umbauen.

          3 Min.

          Der Bundestrainer tat so, als sei er nicht unzufrieden. „Nach dem Weiterkommen – soll ich da stark enttäuscht sein?“, fragte Joachim Löw, bevor er seine Gedanken über die vergangenen 120 Spielminuten weiter ausführte: „Das wäre nicht angebracht. Es gibt solche Spiele. Es geht ums Weiterkommen.“  Mit dieser Einschätzung lag der Bundestrainer sicherlich nicht falsch. Doch mit der Perspektive auf die weiteren, erhofften Ziele in diesem Turnier muss er sich bis zum Viertelfinale in Rio de Janeiro am Freitag gegen Frankreich (18 Uhr) überlegen, wie die Nationalelf stabiler, ausbalancierter und vor allem auch gefährlicher in der Offensive agieren kann. Daran führt kein Weg vorbei.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der glückliche 2:1-Sieg in der ersten K.o.-Runde über die kämpferisch starken Algerier kam erst in der Verlängerung zustande. Gerade in der ersten Halbzeit hätten die Nordafrikaner gut und gerne in Führung gehen können. Der deutsche Keeper Manuel Neuer verhinderte mit einigen riskanten Rettungsaktionen weit vor dem Tor den Rückstand. Auch nach ihrem Anschlusstreffer in der Nachspielzeit der Verlängerung gab das Team der Algerier nicht auf und versuchte alles, um ins Elfmeterschießen zu kommen.

          Matchwinner: André Schürrle hat Deutschland ins Viertelfinale geschossen Bilderstrecke

          Die deutsche Nationalmannschaft zeigte sich im ungewohnt kühlen Regen von Porto Alegre nicht als titelreifes Team. Die Spieler wiesen nach der Partie darauf hin, welche Schwierigkeiten auch andere arrivierte Fußballnationen in den vergangenen Tagen im Achtelfinale gehabt hätten – wie Brasilien oder die Niederländer. Kein Gegner sei in dieser Turnierphase einfach. „Wir hätten es gerne ein bisschen anders geregelt. Aber Algerien hat es sehr gut gemacht. Egal wie, wir stehen im Viertelfinale“, sagte André Schürrle.

          Hackentor zum 1:0

          Der Torschütze war nach der Pause für den enttäuschenden Mario Götze hereingekommen und hatte in Löws WM-System mit der 4-3-3-Aufstellung auf der rechten Seite viel Schwung hereingebracht. Gleich zu Beginn der Verlängerung war ihm ein Hackentor gelungen (92. Minute). „Wir sind über 120 Minuten gegangen. Da wird es schwer genug gegen Frankreich“, sagte Torwart Neuer. „Ich denke, dass wir zielstrebiger nach vorne spielen müssen.“

          Der Bayern-Torhüter hatte mehrmals großen Einsatz gezeigt, um seine Mannschaft vor einem Rückstand zu bewahren – doch es waren teils waghalsige Rettungsaktionen, die mit etwas Pech zu einem Platzverweis hätten führen können. Der deutsche Schlussmann sah dies allerdings nicht so dramatisch. „Ich hatte das immer unter Kontrolle. Da habe ich immer aufgepasst“, sagte Neuer.

          Löws System stößt an Grenzen

          Torwarttrainer Andreas Köpke wollte ebenfalls kein übermäßiges Risiko in den Aktionen Neuers gesehen haben, die erst nötig wurden, weil die Defensivleistung der Deutschen gegen die mutigen und technisch versierten Algerier alles andere als überzeugend war. Andererseits war der unangenehme Gegner, der mit einer Fünferreihe in der Abwehr spielte, auch kein Team, das einen einschüchtern musste. „Wir hatten am Anfang Probleme, weil wir bei Ballverlust nicht schnell genug umgeschaltet haben“, sagte Kapitän Philipp Lahm mit Blick auf mehrere Torchancen der Algerier.

          Innenverteidiger Per Mertesacker reagierte unwirsch auf kritische Nachfragen zum Spiel. „Völlig wurscht, wir sind unter den letzten acht Mannschaften. Das zählt“, sagte der Mann vom FC Arsenal. „Wir haben als Mannschaft nie aufgesteckt – das ist gut.“ Mertesackers Vereinskollege Mesut Özil hatte in der 119. Minute das 2:0 erzielt, in der Nachspielzeit der Verlängerung gelang den Algeriern noch der Anschlusstreffer. Özil war erst auf der rechten, später auf der linken Mittelfeldseite zum Einsatz gekommen. Seine Spielmacherqualitäten konnte er jedoch auf beiden Seiten nicht ausspielen. Noch ist es nicht sein WM-Turnier.

          Für Mustafi ist das Turnier beendet

          Das 4-3-3-System von Löw stößt immer dann an seine Grenzen, wenn – wie im Fall von Algerien – der mittlere Korridor auf dem Spielfeld vom Gegner blockiert wird. Dann fehlen geübte, spielsichere Außenverteidiger wie Lahm, die alternativ auf den Außenbahnen das Spiel nach vorne treiben können. Löw sieht diese Anfälligkeit im eigenen System offenbar nicht, bislang besetzt er die Außenpositionen in der Defensive mit Innenverteidigern. Und Lahm spielt im Mittelfeld.

          Als der rechte Verteidiger Shkodran Mustafi in der 70. Minute wegen eines Muskelbündelrisses ausgewechselt werden musste und Lahm auf seine Position kam, tat das dem Spiel der Deutschen gut. Der eingewechselte Sami Khedira rückte an die Seite von Bastian Schweinsteiger.  Im Viertelfinale ist der Bundestrainer  gezwungen, die Mustafi-Position neu zu besetzen, der Nachwuchsmann wird bei dieser WM wegen der Verletzung nicht mehr zum Einsatz kommen. Lahm wäre gegen Frankreich zumindest eine Option, bei einer Rückkehr von Mats Hummels in die Innenverteidigung könnte aber auch Jérôme Boateng auf der rechten Seite auflaufen. 

          „Ein Sieg der Willenskraft“

          Bundestrainer Löw sprach während des Spiels gegen Algerien oft mit seinem Assistenten Hans-Dieter Flick. Es deutete nicht darauf, dass beide zufrieden gewesen wären mit dem Auftritt ihrer Mannschaft. Eher sahen sie, dass an diesem Abend Gefahr bestand, aus dem Turnier geworfen zu werden. Ihre Spieler nimmt das Trainerduo zumindest in der Öffentlichkeit in Schutz. „Es war ein Sieg der Willenskraft. In der ersten Halbzeit waren wir schlecht, haben viele Bälle verloren. In der zweiten Halbzeit waren wir viel besser, da hätten wir das Spiel schon entscheiden müssen“, sagte Löw.

          Weitere Themen

          Freiburgs erster Streich

          2:1 in Mainz : Freiburgs erster Streich

          Der SC Freiburg startet in die Rückserie wie vor einem halben Jahr in die Hinrunde. Der Auswärtssieg in Mainz beendet eine Negativserie. Zudem beraubt Nils Petersen den Bundestrainer Joachim Löw.

          Gigantische Olympische Ringe Video-Seite öffnen

          Sommerspiele in Japan : Gigantische Olympische Ringe

          Die Installation ist 32,6 Meter breit und 15,3 Meter hoch. Sie soll in der Bucht von Tokio vor Anker gehen, in der Schwimm- und Triathlonwettbewerbe stattfinden. Die Olympischen Sommerspiele beginnen am 24. Juli.

          Mainz zurück in der Gefahrenzone

          Pleite gegen Freiburg : Mainz zurück in der Gefahrenzone

          Nach dem 1:2 gegen Freiburg sind die Mainzer schon wieder mittendrin im Kampf gegen den Abstieg aus der Fußball-Bundesliga. Die Niederlage gegen die Breisgauer hat Gründe.

          Topmeldungen

          Berliner Fashion Week : Unterschätzt dieses Handwerk nicht

          Zum ersten Mal war unsere Autorin auf einer Modenschau. Neugierig und voller Vorurteile tauchte sie in die Welt der Mode ab. Was sie auf der Fashion Week sah, hat sie bewegt, auf eine andere Art, als sie vorher dachte.
          Meghan und Harry: Künftig halb royal, halb normal?

          Aussteigerphantasien : Wir machen die Meghan!

          Ausbrechen aus einem vorgezeichneten Leben: Das Herzogspaar von Sussex zeigt, wie es geht. Andere werden ihnen folgen. Ein satirischer Blick in die nahe Zukunft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.