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Deutsche Spiel-Ikonen : Staunt über Euch selbst!

Leichtfüßige Mannschaft: In ihrer Lust am Mäkeln haben die Deutschen die großartige Wirkung, die ihr Fußball in der Welt hat, oft unterschätzt Bild: dpa

An diesem deutschen Fußballwesen muss keine Welt genesen – aber sie kann viel Freude daran haben. Nicht nur im Erfolg, auch im Stil, im Schauwert und in der Haltung bei Sieg und Niederlage ist unser Fußball der von aller Welt bewunderte Maßstab geworden.

          Am Sonntagabend tranken die Helden von Rio ein Siegerbier mit alten Bekannten, mit Angela Merkel und Joachim Gauck. Der Bundespräsident erzählte, wie er 1954 „wie die ganze DDR“ am Radio gehockt und die Reportage vom „Wunder von Bern“ verfolgt habe. Das Team von 2014, mutmaßte er, sei vielleicht „noch besser“ als das von damals.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Spielerisch gibt es keinen Zweifel daran. Aber auch in Sachen Charakter, Mannschaftsgeist, Außenwirkung dürfte die Elf von Rio an die von Bern heranreichen. Wie vor sechzig Jahren ging von diesen deutschen Siegern nichts Auftrumpfendes aus. An diesem deutschen Fußballwesen muss keine Welt genesen – aber sie kann viel Freude daran haben. Und das hat sie, wie man in Brasilien überall spüren konnte. Die Deutschen in ihrer Lust am Mäkeln über das nicht ganz Perfekte – und Fußball ist nie perfekt – haben die großartige Wirkung, die ihr Fußball in der Welt hat, oft unterschätzt. Das gilt nicht erst seit zehn Jahren, seit dem Neubeginn im Nationalteam unter Jürgen Klinsmann und dann unter Joachim Löw, der seine Krönung in Rio gefunden hat. Es gilt seit sechzig Jahren.

          Acht der zwanzig größten WM-Spiele mit deutscher Beteiligung

          Die führende englische Fußballzeitschrift „FourFourTwo“ hat vor dem Turnier in Brasilien eine Liste der „größten WM-Spiele“ erstellt. Als deutscher Leser erlebt man eine Überraschung. Platz eins: das „Wunder von Bern“, Deutschland – Ungarn 1954. Platz zwei: die „Nacht von Sevilla, Deutschland – Frankreich 1982. Platz drei: das „Jahrhundertspiel“ von Mexiko, Deutschland – Italien 1970. Und so geht das weiter. Acht der zwanzig größten WM-Spiele fanden mit deutscher Beteiligung statt. Und da ist das neue „Jahrhundertspiel“, das 7:1 gegen Brasilien, noch gar nicht dabei. Das 1:0 gegen Argentinien, eines der besten Endspiele der vergangenen Jahrzehnte, auch nicht.

          In Deutschland galt Brasilien immer als das Land, das der Welt großen Fußball schenkte. Die Welt sah das schon vor dem Turnier in Brasilien etwas anders. Mit dieser WM haben sich die Gewichte endgültig verschoben. Ihr Ausgang wird weltweit als „Sieg des Fußballs“ betrachtet, wie ein einst großer deutscher Gegenspieler, der Holländer Ruud Gullit, den Finalausgang bezeichnet hat. Während Brasilien seine alte Fußballidentität sucht, hat Deutschland seine in einem Maße geschärft und modernisiert, hin zu einem positiven, offensiven Fußball, dass die Fußballwelt staunt.

          Wenn Deutschland spielt, ist Spektakel garantiert

          Sie tut das ohne spürbare Missgunst – denn alle haben etwas davon. Wenn Deutschland spielt, gibt es keine öden WM-Finals wie die letzten beiden, keine drögen Halbfinals wie das am Mittwoch zwischen Argentinien und Holland. Bei großen K.-o.-Spielen mit deutscher Beteiligung sind seit der Heim-WM 2006 fast immer Tore, Torszenen und Spektakel garantiert. So ist der deutsche Fußball der unterhaltsamste der Welt geworden. Wenn er es, über die ganze WM-Geschichte gesehen, nicht schon vorher war.

          Das Großartige daran, wie Deutschland diese Rolle von Brasilien übernahm, ist die Art, mit der es geschah. Keine feindliche, eine freundliche Übernahme. Wie in Bern war der große Triumph auch jetzt nicht eine Demonstration der Macht, sondern des Mitgefühls. Laut DFB-Präsident Wolfgang Niersbach brachte es der Elf große Sympathie der Brasilianer ein, wie sie nach dem 7:1-Sieg auf die Unterlegenen zuging. Nicht nur im Erfolg, auch im Stil, im Schauwert und in der Haltung bei Sieg und Niederlage ist unser Fußball der von aller Welt bewunderte Maßstab geworden. Das sollten, nach allen anderen, auch wir selbst mal so sehen.

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