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Afrika bei der Fußball-WM : Das Warten auf den Weltmeistertitel geht weiter

  • -Aktualisiert am

Aus in der Vorrunde: Nigeria und die anderen afrikanischen Teams reisen vorzeitig ab Bild: AP

Große Erwartungen, kleine Basis: Afrikas Mannschaften sind bei der Fußball-WM in Russland geschlossen in der Vorrunde ausgeschieden. Eine Ursachenforschung.

          Es ist 28 Jahre her, dass eine afrikanische Mannschaft sich aufmachte, die Verhältnisse in der Fußballwelt auf den Kopf zu stellen. Kamerun mit seinem Torjäger Roger Milla begeisterte die Fans bei der WM in Italien und schied nach großen Siegen über Argentinien und Kolumbien nur knapp im Viertelfinale gegen England aus. Unvergessen sind Millas Eckfahnentänze und der Kommentar des Reporters Marcel Reif: „Lauft, meine schwarzen Freunde!“

          Was die Initialzündung für den afrikanischen Fußball werden sollte, wurde jedoch zum Maßstab, den kein afrikanisches Team mehr erreichte. Ob 1998 Olympiasieger Nigeria mit Jay-Jay Okocha, 2002 die von Winfried Schäfer trainierte nächste Generation der „Unzähmbaren Löwen“ aus Kamerun oder zuletzt die stets als Geheimfavoriten geltenden Teams aus Ghana und der Elfenbeinküste: Auf einen Weltmeister muss Afrika weiter warten.

          Keine Big Points

          Daran wird sich auch in Russland nichts ändern. Alle afrikanischen Mannschaften sind in der Vorrunde ausgeschieden. Dabei waren wieder einmal die Erwartungen groß – und die Enttäuschung ist daher umso größer. Nicht weniger als den Titel hatte Nigerias Staatspräsident vom deutschen Trainer Gernot Rohr gefordert. Was nach Satire klingt, ist ernst gemeint. Nigerias Auftritt steht ein wenig sinnbildlich für afrikanische WM-Mannschaften – im Positiven wie im Negativen. Und das nicht nur wegen der überzogenen Erwartungen in der Heimat. Nach der Niederlage gegen die übermächtigen Kroaten zeigte Nigeria der Fußballwelt einerseits, wie man ein so unangenehmes Team wie Island mit Spielwitz und Geschwindigkeit in seine Schranken weisen kann. Angstgegner Island? Das lässt sich mit dem nigerianischen Selbstverständnis als Titelkandidat nicht zusammenbringen. Während die drohende Blamage gegen bislang den kleinsten WM-Teilnehmer das argentinische Starensemble ein paar Tage zuvor gelähmt hatte, versprühten Mikel, Moses und Musa gegen die Nordeuropäer Selbstbewusstsein und Spielfreude.

          Und doch endete die WM für Nigeria vorzeitig. Als Argentinien im letzten Gruppenspiel kurz vor Schluss den Turbo anwarf, hatten die „Super Eagles“ nichts entgegen zu setzen. Es war ein bisschen wie immer: Der Big Point gelingt afrikanischen Mannschaften zu selten. Auch als Kamerun 1990 und Senegal 2002 jeweils den aktuellen Weltmeister schlugen, war es eben „nur“ das erste Gruppenspiel und nicht das Viertelfinale.

          Am Boden: Tunesien und Wahbi Khazri sind ausgeschieden

          Die Sahara teilt Afrika nicht nur geographisch – sie teilt auch den afrikanischen Fußball: Was wirtschaftliche Voraussetzungen, professionelle Rahmenbedingungen und auch Mentalität angeht. Das macht es unmöglich, allgemeingültige Schlüsse zu ziehen. Doch es gibt Themen, die sich von Kairo bis Kapstadt gleichen. Und es gibt speziell nordafrikanische Probleme. Beides war in Russland zu erkennen. Nordafrika war bei dem Turnier gut vertreten – drei von fünf Ländern hatten sich qualifiziert: Ägypten, Marokko und Tunesien. Und so war, weil auch Saudi-Arabien die Endrunde erreicht hatte, in arabischen Medien von der „WM der Araber“ die Rede.

          Doch das „arabische Finale“ zwischen Saudi-Arabien und Ägypten im unbedeutenden dritten Gruppenspiel setzte vielmehr die Schlusspointe hinter eine große Enttäuschung. Bereits vor dem letzten Spieltag waren bei allen arabischen Teams die Hoffnungen aufs Weiterkommen dahin. Entschuldigungen sind durchaus zu finden: Marokko und Tunesien kämpften in ihren „Todesgruppen“ gegen Spanien und Portugal beziehungsweise England und Belgien, und haderten obendrein mit Schiedsrichtern und Video-Assistenten. Mohamed Salahs Verletzung im Champions-League-Finale hatte der ägyptischen Mission Achtelfinale bereits einen schweren Schlag versetzt, bevor das Turnier überhaupt losging.

          Ein Star reicht nicht: Ägyptens Mo Salah

          Dennoch liegen die Gründe, warum die Nordafrikaner in der Weltspitze nicht konkurrenzfähig sind, tiefer. Viel zu wenige Spieler bestreiten den Karriereweg eines Salah, von einem kleineren Verein in der Heimat über ein Sprungbrett wie den FC Basel zum Weltklasse-Klub. Die meisten nordafrikanischen Talente wechseln in jungen Jahren zu den heimischen Spitzenklubs, unterschreiben gut dotierte langfristige Verträge und hängen im wegweisenden Alter von Anfang zwanzig in der Heimat fest.

          Großklubs wie Al Ahly aus Kairo, Esperance aus Tunis oder Wydad aus Casablanca verkaufen ihre besten Spieler nur ungern – und wenn, dann zu hohen Preisen. Der Weg vieler Talente führt daher nicht zu Europas Spitzenklubs, sondern in die Ligen der arabischen Golfstaaten. Wo nur die Gehälter europäisches Champions-League-Niveau erreichen.

          Lichtblick Senegal

          Dass Marokkos Nationaltrainer Hervé Renard nur sieben in der Heimat geborene Spieler für seinen Kader nominierte, zeigt seine Skepsis gegenüber dem lokalen Fußball. Denkbar ungünstige Voraussetzungen für eine erfolgreiche WM. Bei Tunesien verhielt es sich trotz eines einheimischen Trainers ähnlich. Nur die Ägypter setzten auf einen sichtbaren Block mit Spielern aus der heimischen Liga. Man kann nicht behaupten, dass der Erfolg ihnen recht gegeben hätte.

          Bleibt Senegal als Lichtblick. Die Westafrikaner schieden am unglücklichsten von allen Afrikanern aus dem Turnier: Wegen zwei Gelber Karten mehr im Vergleich mit Japan. Senegal macht vieles richtig, was in anderen afrikanischen Ländern falsch läuft: Die wenigen „Franzosen“ im Team sind entweder tragende Säulen oder sitzen auf der Bank. Den Kern der Mannschaft bilden hingegen in der Heimat ausgebildete Spieler. Die meisten von ihnen stammen aus professionellen Fußball-Akademien, die, meist mit ausländischem Geld finanziert, in Senegal entstanden sind. Zusammengehalten wird das Team von Aliou Cissé – neben dem Tunesier Nabil Maaloul der einzige afrikanische Trainer bei der WM. Bleibt der senegalesische Verband besonnen, kann Cissé trotz des Vorrunden-Aus optimistisch in die Zukunft blicken.

          Als Frankreichs Fußball-Legende Eric Cantona vor der WM nach den Chancen der afrikanischen Teilnehmer gefragt wurde, war seine Einschätzung vielsagend. „Vor 20 Jahren habe ich bereits erklärt, dass eine afrikanische Mannschaft bald die WM gewinnen wird“, sagte Cantona, bevor er darlegte, warum 2018 die Zeit noch nicht reif sei. „Aber ich bleibe dabei“, schloss er, „bald wird ein afrikanisches Team Weltmeister.“ Auch wenn wenig dafür spricht, wenigstens die Hoffnung lebt.

          Es bleibt nur Trost: Senegal ist wegen der Fairplay-Wertung gescheitert

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