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Portugal-Star bei Fußball-WM : Cristiano Ronaldo wie einst Michael Ballack

  • -Aktualisiert am

Idol als Auslaufmodell: Cristiano Ronaldo Bild: AP

Cristiano Ronaldos geräuschvolle Trennung von Manchester United beeinflusst auch Portugals Nationalteam in Qatar. Die Situation erinnert an Deutschlands Emanzipation von seinem langjährigen Anführer.

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          Von der ostdeutschen Stadt Dessau hat Cristano Ronaldo mit großer Wahrscheinlichkeit noch nie gehört. Der örtliche Fußballklub spielt in der sechsten Spielklasse, Verbandsliga Sachsen-Anhalt. Dort geht es gegen Weißenfels und Dölau, nicht unbedingt die Kragenweite eines CR7. Wobei, wer weiß. Gut möglich, dass Ronaldo bei der Wahl seines zukünftigen Arbeitsplatzes nicht wählerisch sein darf. Für Manchester United, wo er bisher beschäftigt war, wird er jedenfalls nicht mehr spielen.

          Fußball-WM 2022

          Am Dienstag gaben die Engländer die erwartete Trennung bekannt. Erwartet deshalb, weil Ronaldo seinen ehemaligen Herzensklub und dessen führende Angestellte so harsch kritisierte, wie es schon lange kein Spieler mehr getan hatte. Unter anderem verweigerte er Trainer Erik ten Haag den Respekt, auch über Ralf Rangnick äußerte er sich despektierlich. Offiziell trennte man sich in gegenseitigem Einvernehmen. Die Kürze der Mitteilung, im Ton gut gekühlt und mit eisigen Worten garniert, verdeutlichte aber den Riss zwischen den Parteien.

          Nun ist Ronaldo auf Arbeitssuche. Wohin er geht, ist zum jetzigen Zeitpunkt unklar. In Dessau wird er jedenfalls nicht landen. Das machte der ortsansässige SV 05 in einer öffentlichen Stellungnahme unmissverständlich klar. „Egal, wie viele Tore du geschossen hast. Niemand steht über dem Verein! Das lernt man schon bei den Bambini“, schrieb der Klub und zeigte Ronaldo damit die kalte Schulter.

          Ronaldo: „Hört auf, über mich zu reden!“

          Was das alles mit der Nationalmannschaft Portugals zu tun hat, die sich gerade in Doha aufhält, rund 6000 Kilometer von Dessau entfernt? Nun, recht viel. Denn auch dort bestimmt Ronaldo mit seiner Manchester-Posse die Schlagzeilen. Kein Tag vergeht, an dem er nicht die Titelseiten der portugiesischen Sportzeitungen füllt. Und das vor dem WM-Auftakt am Donnerstag gegen den unbequemen Gegner Ghana (17.00 Uhr MEZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF und bei MagentaTV).

          Da gäbe es sicher auch andere Themen. Findet auch Ronaldo, der die Pressevertreter eindringlich aufforderte: „Hört auf, die anderen Spieler über mich zu befragen! Hört auf, über mich zu reden! Redet über das Turnier und hört auf, Fragen über mich zu stellen! Ihr müsst nicht mehr über Cristiano sprechen! Der Fall ist abgeschlossen!“, sagte er mit einer Vehemenz, die bei einem Uli Hoeneß ein zünftiges „Basta!“ Nach sich gezogen hätte.

          Die Sache liegt freilich nicht so, wie sie Ronaldo gerne hätte. Natürlich werden die Reporter nicht aufhören, Fragen zu stellen und natürlich wird Ronaldo nicht von den Titelseiten verschwinden, allein schon der bevorstehenden Arbeitsplatzsuche wegen. Und erst Recht nicht, sollte Portugal den Auftakt gegen Ghana verpatzen. Dann dürfte ein nicht geringer Teil der Schuld auf Ronaldo abgeladen werden.

          Fussball-WM 2022

          Tatsächlich wird das Spiel zeigen, wie sehr der Kapitän die Vorbereitung seiner Mannschaft auf das Turnier gestört hat. Fernando Santos bemühte sich auffällig um Schadensbegrenzung. Als alle Welt Ronaldo für dessen Aussagen über Manchester United kritisierte und ihm wiederholten Egoismus vorwarf, sagte der Nationaltrainer Portugals: „Es ist ein sehr persönliches Interview. Das muss respektiert werden.“ Ronaldo sei schließlich „ein freier Mensch“.

          Aber er ist eben auch Teil des Nationalteams. Dort beeinflussten Ronaldo, sein Verhalten und seine ständige mediale Präsenz das Betriebsklima, auch wenn sich Santos Mühe gab, alles ins Reich der Fabeln zu verweisen. „Vier oder fünf Fragen sind auf unseren Pressekonferenzen immer zu Cristiano. Das hat aber überhaupt nichts mit uns zu tun, gar nichts, null“, sagte Santos.

          Zwischen dem, was die handelnden Personen im Lager Portugals sagen und dem, was sie tun, besteht dieser Tage nicht immer Einklang. Entgegen Santos’ Erzählungen vom inneren Frieden stehen Bilder, die etwa eine eisige Begrüßung bei der Zusammenkunft der Nationalspieler zwischen Ronaldo und seinem nun ehemaligen Mitspieler bei United, Bruno Fernandes, zeigten. Oder eine Szene, welche die Kameras beim Training einfingen: Ronaldo redete eindringlich auf João Cancelo ein und berührt ihn grob am Hals, was Cancelo überhaupt nicht goutierte.

          Ronaldo ist immer noch der Elefant im portugiesischen Quartier, aber vieles erinnert an die Vorkommnisse rund um die deutsche Auswahl vor der WM 2010, als die junge, aufstrebende Mannschaft mehr und mehr versuchte, sich von ihrem einstigen Anführer Michael Ballack zu emanzipieren. Die Situationen lassen sich auch deshalb gut vergleichen, weil Portugal über eine mindestens ähnlich hochwertige Gruppe verfügt wie die Deutschen damals. Talente, namentlich Rafael Leão, João Felix, Nuno Mendes oder Vitinha mischen sich mit Fußballprofis im besten Alter wie Fernandes, Cancelo, Rúben Dias oder Danilo Pereira. Sie alle stehen bei großen Klubs in den besten Ligen Europas unter Vertrag.

          Schon jetzt heißt es nicht nur hinter vorgehaltener Hand, Portugal spiele besser ohne Ronaldo, der mittlerweile fast jeden Weg zur Unterstützung der Defensive vermeidet. Noch hält Trainer Santos an Ronaldo, dem Idol des Landes, fest. Gegen Ghana wird er von Beginn an auflaufen. Was danach passiert, ist weit weniger gewiss.

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