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Cristiano Ronaldo : Die kleine Biene Heulsuse

Was für eine Show: Cristiano Ronaldo nach seinem Tor im Finale der Champions League Bild: AFP

„Weltfußballer“ Cristiano Ronaldo schießt viele Tore und vergießt viele Tränen. Auf der Suche nach Perfektion ist Scheitern nicht vorgesehen. Was ihm fehlt, ist die WM-Trophäe. Am Montag (18.00 Uhr) trifft er mit Portugal auf Deutschland.

          Dieser Mann lässt gerne seine Muskeln spielen. Zieht nach einem Torerfolg sein Trikot aus, zeigt alles her, was er obenrum zu bieten hat, markiert den starken Mann. Ein bisschen Adonis, ein bisschen Schwarzenegger, das ist Cristiano Ronaldo, wie ihn die Welt sieht, wie sie ihn sehen soll.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Diesem Mann ist oft zum Heulen zumute. Weint nach einem verschossenen Elfmeter, nach einer verpassten Titelchance, nach einem Tritt gegen den Knöchel, einer gewonnenen Wahl oder bei einem Abschied. Seine Ausnahmekarriere ist eine von vorne bis hinten tränenreiche Geschichte, ein Fußball-Melodram. Man kann sich ausmalen, wie Ronaldo reagieren würde, wenn er beim Saisonhöhepunkt in Brasilien nicht seine Muskeln spielen lassen könnte.

          Aber „CR7“, die derzeit größte Weltmarke im Fußball, der aktuelle „Weltfußballer“, wird bei der Weltmeisterschaft mitmischen können. Seine Knie- und Oberschenkelblessuren scheinen überstanden, zumindest leidlich. Traut man Ronaldos Aussagen, steigt seine Formkurve nahezu stündlich um ein paar Promille. Direkt nach seinem knapp einstündigen Comeback in einem Vorbereitungsspiel zu Wochenbeginn hatte er behauptet, „zu 99,9 Prozent“ fit zu sein. Am nächsten Tag zur Mittagsstunde erhöhte der Portugiese auf „100 Prozent“.

          Das Knie Portugals: Zuletzt benötigte der Superstar Eisbeutel und Bandagen. Wie fit ist Ronaldo also wirklich?

          Das kann man glauben oder nicht angesichts des Tapeverbandes und des Eisbeutels, die Ronaldo während des Trainings oder danach am lädierten linken Knie getragen hat. Jedenfalls verbreitet der Stern, um den sich in der Selecção alles dreht, mehr Zuversicht als während seiner Zwangspause in den vergangenen Wochen. Das ist schön für Portugal, aber nicht so gut für die WM-Konkurrenten, deren Trainerstäbe längst darüber grübeln, wie sie den ebenso smarten wie sensiblen Star wieder zum Schluchzen bringen können. „Man darf ihn im wahrsten Sinne des Wortes nicht aus den Augen lassen. Der Spieler, der gegen ihn spielt, muss immer sehen, was macht Ronaldo, wo ist Ronaldo“, sagt Bundestrainer Joachim Löw. Beim deutschen WM-Auftakt gegen die Portugiesen wird vor allem Jérome Boateng zusehen müssen, dass er Ronaldo hinterherkommt.

          Früher, als der Knirps Cristiano auf seiner Heimatinsel Madeira auf holprigen Bolzplätzen kickte, hatte er zwei Kosenamen, die jeweils eine Seite seines Charakters beschrieben. Weil der heute Neunundzwanzigjährige schon damals sehr schnell und sehr gefährlich über den Platz sauste, wurde er „kleine Biene“ genannt. Wenn es aber nicht nach seiner Nase ging, wenn seine Mitspieler ihn weder suchten noch fanden oder wenn sie am Tor vorbeischossen, stiegen ihm so oft Tränen der Wut und der Kränkung in die Augen, bis der kleine Cristiano „Heulsuse“ gerufen wurde. Rennen oder flennen, das ist bis heute so geblieben bei Ronaldo: „Ich vergieße viele Tränen, sowohl aus Freude als auch aus Traurigkeit. Es ist gut zu weinen. Es ist einfach Teil des Lebens.“

          „Ich weiß nicht, was ich ohne Fußball tun würde.“

          Man kann es sich leicht machen und auf ein olles Klischee zurückgreifen, um den muskelbepackten Portugiesen zu beschreiben. Aber „harte Schale, weicher Kern“, das trifft auf Ronaldos Wesen nur bedingt zu. Zwar ist er immer noch von der kindlichen Vorstellung beseelt, dass nur er selbst ein Anrecht hat auf sein Lieblingsspielzeug, den Ball. Doch was ihn antreibt, ist nicht reiner Narzissmus, sondern ein extremer Perfektionsdrang. Vom Erfolg ist „CR7“ ebenso besessen wie von sich selbst, ihm ordnet er alles unter. „Fußball ist mein Leben“, sagt der Portugiese, „ich weiß nicht, was ich ohne Fußball tun würde.“

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