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China im Fußballfieber : Das Ende des heroischen Individualismus

  • -Aktualisiert am

Im deutschen Expo-Pavillon in Schanghai Bild: dpa

Die eigene Nationalmannschaft, auf Platz 85 der Weltrangliste und in Südafrika nicht dabei, wird eher verachtet. Die Fußballbegeisterung indes kennt derzeit keine Grenzen. Warum in China gerade die deutsche Mannschaft hoch im Kurs steht.

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          Merkwürdiges ereignete sich fern von Südafrika in den Stunden, nach denen Deutschland Argentinien geschlagen hatte. Am Pekinger Olympiastadion liefen zwei Männer, einer davon ein bekannter Fernsehregisseur, nackt durch die Nacht, weil ihnen eine argentinische Niederlage so undenkbar vorgekommen war, dass sie getrost eine Wette mit derart peinlichen Folgen eingegangen waren. Der chinesische Microblogger-Service von sina.com brach zusammen, weil binnen kürzester Zeit zweihunderttausend aufgewühlte Kommentare zu dem Spiel eingegangen waren. „Das war der Sieg des Kollektivismus über das einsame Genie“, meinte ein Blogger: „der Sieg der Gewissenhaftigkeit über die Willkür, der Jugend über das Alter, der Vernunft über die Planlosigkeit, der Bescheidenheit über den Stolz“. Und im ersten Kanal des Staatssenders CCTV sagte ein Sprecher das große Wort: „Wir sahen das Ende des heroischen Individualismus.“

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die deutsche Mannschaft als Muster eines triumphierenden Kollektivismus, wie ihn China sonst gern für sich selbst in Anspruch nimmt: Das war der bisherige Höhepunkt des Rauschs, in den sich ganz China während dieser Weltmeisterschaft hineingesteigert hat. Der Enthusiasmus für Fußball ist umso bemerkenswerter, als die Chinesen die eigene Nationalmannschaft – die auf dem 85. Platz der Weltrangliste rangiert – wegen deren chronischer Erfolglosigkeit und Korruptionsanfälligkeit zugleich aus tiefstem Herzen verachten. So weckt die Begeisterung für Brasilien, Spanien und neuerdings auch für Deutschland einen selten reinen Internationalismus in einer Gesellschaft, die die Weltereignisse sonst meist zuerst auf die eigene Befindlichkeit bezieht. Sechzehn Prozent der Zuschauer der Fernsehübertragungen in der ganzen Welt sollen Chinesen sein; in keinem anderen Land gebe es mehr Fußballfans, heißt es in den hiesigen Medien. Entsprechend groß ist das Geschäft: Der Sportkanal CCTV 5, der sich die Übertragungsrechte für sämtliche Spiele der WM in Südafrika sicherte, verzeichnet laut Staatsmedien eine Milliarde Yuan (also mehr als hundert Millionen Euro) Werbeeinnahmen.

          So viel Public Viewing war nicht einmal zu Olympia

          Zum ersten Mal tritt bei einer Fußballweltmeisterschaft zudem ein chinesischer Sponsor auf, und so sieht man an der Bandenwerbung in Südafrika mitunter nun auch chinesische Schriftzeichen, die von dem Solarenergie-Unternehmen Yingli Green Energy stammen. In Pekinger Lokalen und Einkaufszentren gibt es unterdessen so viel Public Viewing wie nicht einmal während der Olympischen Spiele, als die staatlichen Behörden die Öffentlichkeit arg beschnitten.

          Die emotionale Erregung hat manche Fans bis an den Rand der Erschöpfung geführt. Ein chinesischer Blogger stellte nach dem Spiel der Deutschen gegen Argentinien Fotos von angebrochenen Chips-Tüten ins Netz, die er nach dem Schock nicht mehr anrühren könne. Andere legten mit exakten mathematischen Berechnungen dar, weshalb „unser Deutschland“ jetzt Weltmeister werde. Schon vor dem Turnier hatte der Schriftsteller Yu Hua (jüngste Romanveröffentlichung: „Brüder“) im chinesischen Fernsehen gesagt, auf diesem heißen, magischen Boden Südafrikas könne viel Unvorhersehbares jenseits der bloßen Rationalität passieren.

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