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DFB-Team trifft auf England : Der erste große Stresstest

Teamwork: Hansi Flick will alles ausschöpfen, was möglich ist – weil er weiß, dass es sonst nicht reichen wird. Bild: picture alliance / GES/Markus Gilliar

Hansi Flick ist nicht als Krisen-, aber doch als Enttäuschungsmanager gefragt, zum ersten Mal in seinen nun zehn Monaten als Bundestrainer. Alte Probleme aus der Ära Löw wirken wieder seltsam aktuell.

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          Für die meisten war es eine Szene zum Schmunzeln, die sich in der vergangenen Trainingswoche zutrug. Für Jamal Musiala nicht. Der hatte offenbar nicht mitbekommen, dass in seinem Rücken der Bundestrainer Position bezogen hatte, das Aufwärmprogramm lief noch, jedenfalls wirkte Musiala, Spitzname Bambi, kurz ziemlich verschreckt, als die Stimme, die eindeutig Hansi Flick gehörte, über den Platz schallte: „Hey! Hey!! Hey!!! Was war das für ein Kopfball!?“ Musialas Kopfbälle besaßen von da an deutlich mehr Spannkraft, der Bundestrainer wandte sich wieder anderem zu.

          Christian Kamp
          Sportredakteur.

          „So, wie du trainierst, spielst du auch“, das ist einer von Flicks Lieblingssätzen, man könnte auch sagen, es ist ein wesentlicher Teil des Fundaments, auf dem er seine Mannschaften baut. Am Samstagabend allerdings musste Flick mitansehen, wie eine Mannschaft, die sehr gut trainiert hatte, wie er selbst danach noch einmal betonte, ziemlich schlecht Fußball spielte. So, dass er nach dem 1:1 gegen Italien in Bologna zum Auftakt der Nations League in einer ungewohnten Rolle gefragt ist: Nicht als Krisen-, aber doch als Enttäuschungsmanager, zum ersten Mal in seinen nun zehn Monaten als Bundestrainer.

          Nations League

          Wenn die Mannschaft an diesem Dienstag in München gegen England spielt (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Nations League und im ZDF), könnte es der bislang spannendste (für das Publikum) und herausforderndste (für Flick und die Mannschaft) Auftritt seiner Dienstzeit werden. Der Eindruck aus dieser Begegnung wird die kommenden Monate bis hin zur WM in Qatar ein Stück weit definieren, atmosphärisch, aber auch sportlich.

          Mag sein, dass die Nations League gerade etwas ungünstig daherkommt, um die Spieler zu Höchstleistungen zu kitzeln: Wenn aber immer die Rede davon war, dass die vier Partien im Juni eine Standortbestimmung und Gradmesser für den Weg zurück zur Weltspitze seien, bleibt für einen nachhaltig positiven Eindruck nach dem Dämpfer von Bologna nun eigentlich nur noch das England-Spiel. Was Flick jetzt daraus macht, wird außerhalb wie innerhalb sehr genau registriert werden.

          „Entscheidend ist immer der Weg“

          Am Montag bei der Pressekonferenz in Herzogenaurach stand ein Wasserglas vor ihm auf dem Tisch, und hätte jemand ihn danach gefragt, wäre es keine Überraschung, wenn Flick ohne hinzuschauen gesagt hätte: Voll. Seine Antwort auf die Frage, warum die Bayern in der zweiten Saisonhälfte so schwach auf der Brust gewesen waren, bestand ja auch darin, Julian Nagelsmann ein „Riesenkompliment“ für die gewonnene Meisterschaft auszusprechen. Es ist nicht so, dass Flick die Dinge nicht kritisch sieht.

          Am Samstag in Bologna war im Medienraum des Stadio Renato Dall’Ara ein Bundestrainer zu erleben, der die Defizite klar ansprach: zu wenig Intensität, mangelnde Abstimmung, fehlende Kompaktheit. Die Analyse gipfelte in der Feststellung, dass die völlig neuformierte italienische Mannschaft „ein bisschen eingespielter als wir“ gewesen sei. Aber in Krisenstimmung, wie bisweilen berichtet wurde, war der Bundestrainer keineswegs. „Entscheidend ist immer der Weg“, sagte Flick. Und da schaute er schon wieder optimistisch nach vorn.

          Alles ausschöpfen, was möglich ist

          Flicks Strategie, um das zuletzt doch beunruhigend gewachsene Delta der deutschen Nationalmannschaft zur Weltspitze zu verkleinern, besteht im Wesentlichen aus zwei Elementen. Das erste: keine noch so kleine Möglichkeit zur individuellen und kollektiven Verbesserung auslassen – und manche auch ganz neu schaffen. Der enge Austausch mit den Spielern, auch während sie bei den Vereinen sind, die Einstellung eines Spezialtrainers für Standards, das Trainingslager jüngst auf Marbella, der geplante Abstecher nach Dubai mit einem finalen Testspiel unmittelbar vor dem Start nach Qatar, Flick will alles ausschöpfen, was möglich ist, weil er weiß, dass es sonst nicht reichen wird.

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