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Brasiliens WM-Kader : Geheime Kommandosache

  • -Aktualisiert am

Im Ausnahmezustand: Trainer Scolari, Star Neymar Bild: picture alliance / dpa

Brasilien steuert auf einen emotionalen Ausnahmezustand zu: Trainer Scolari gibt seinen Kader für die Fußball-WM bekannt, zieht den Druck auf sich und wird zum Ziel von Einflüsterern.

          3 Min.

          Vor dem schweren Gang in den Flamengo-Park hat Luiz Felipe Scolari noch einmal die himmlischen Mächte beschworen. Mit seiner Frau und den Töchtern besuchte der Trainer der brasilianischen Nationalmannschaft am Sonntag den Gottesdienst in seiner Heimatpfarre Farroupilha im Bundesstaat Rio Grande do Sul. Es war empfindlich kühl im Süden Brasiliens, deswegen hatte sich der Mann, der derzeit fast stündlich in irgendwelchen Werbespots im brasilianischen Fernsehen zu sehen ist, in eine dicke Winterjacke eingepackt.

          Vor zwölf Jahren hatte Scolari schon einmal am letzten freien Wochenende vor der WM 2002 in Japan und Korea die Messe besucht. Mit Erfolg: Er gewann mit seinem Team den fünften und damit vorerst letzten WM-Titel Brasiliens.

          Doch selbst himmlische Mächte können Scolari an diesem Mittwoch in Rio de Janeiro nicht helfen. Nicht einmal Jesus würde das hinbekommen, sagt der 65-Jährige mit einem Augenzwinkern über seine Aufgabe, die 23 in aller Augen besten Spieler für das Turnier im eigenen Land auszuwählen: „Das wäre ein Wunder, das hätte nicht einmal er vollbracht.“

          Die ganze Wucht des Drucks

          Jetzt muss Scolari Farbe bekennen. Mehr als 700 aus allen Kontinenten angereiste Journalisten haben sich für die Veranstaltung am Mittwochmorgen akkreditieren lassen. „Ein Event mit Mega-Status“, schreibt die Sportzeitung „Lance“.

          Die allgemeine Aufregung ist ein Vorgeschmack darauf, was rund um die Seleçao während der Weltmeisterschaft (12. Juni bis 13. Juli) los sein wird. Und Scolari bekommt zum ersten Mal die ganze Wucht des Drucks und der Aufmerksamkeit zu spüren, die ihn in den Tagen kurz vor den ersten Spielen und während der WM-Wochen begleiten wird.

          Die Diskussionen der Brasilianer um die Kaderzusammenstellung sind in vollem Gange. Robinho, so heißt es in den brasilianischen Medien, soll nun doch noch den Sprung in den Kader schaffen, weil er in Neymar einen mächtigen Fürsprecher habe. Andere machen sich für Kaka stark.

          Aus dem Rennen? Ronaldinho Bilderstrecke
          Aus dem Rennen? Ronaldinho :

          Aus dem Rennen scheint dagegen Ronaldinho, der erst unter der Woche mit seinem Klub Atlético Mineiro als Titelverteidiger vorzeitig in der Copa Libertadores scheiterte. Doch die heftige Debatte um die alternden Topstars der vergangenen Jahre, die für ein eher glückloses Jahrzehnt stehen, ist nicht die einzige.

          Glaubenskrieg um Rafinha

          Unter den Fans der Seleçao ist ein Meinungsstreit über jede Position entbrannt. Außenverteidiger Rafinha vom FC Bayern löst in den Foren geradezu einen Glaubenskrieg aus, ob der Abwehrspieler vom entthronten ChampionsLeague-Sieger das Zeug habe, die Farben der Nationalmannschaft zu tragen oder nicht.

          Obendrein wird die Diskussion im Hintergrund von den Beratern der Wackelkandidaten mächtig angeheizt. Fast täglich stecken sie den lokalen Medien Informationen, warum denn Scolari auf ihren Schützling auf keinen Fall verzichten könne. Das Kalkül ist einfach: Wer es in den Kreis der Auserwählten schafft, wird sich in einen noch größeren Goldesel verwandeln als ohnehin schon.

          Denn dass Brasilien Weltmeister wird, daran haben die Fans unter dem Zuckerhut, trotz Wut auf die Politik und den Internationalen Fußball-Verband Fifa, keinen Zweifel. Ein Sieg im Finale aber verspricht neue lukrative Werbeverträge.

          Problemfälle von Chelsea bis Toronto

          Scolari hat vor der Kadernominierung versucht, sich überall dort so klar wie möglich zu positionieren, wo es ihm möglich erschien. Und er bekannte sich dabei zu seinen Führungsspielern: David Luiz vom FC Chelsea, Julio Cesar vom FC Toronto, Thiago Silva von Paris St.-Germain und Stürmer Fred von Fluminense seien seine vier Kapitäne bei der WM-Endrunde, ließ Scolari in einem Vortrag an der Universität von São Paulo verlauten.

          Beim Pariser Thiago Silva, ohnehin der Kapitän der Seleçao, überrascht das nun wirklich nicht. Alle anderen aber sind kleinere Problemfälle: Luiz wurde in der noch laufenden Saison bei Chelsea hin und her geschoben, Torhüter Cesar versucht sich in der nordamerikanischen Major League Soccer für die WM in Form zu bringen, und der zuletzt immer wieder angeschlagene Fred hat ein schweres Jahr mit Fluminense in der heimischen Liga hinter sich.

          Neymar? Scolari beruhigt

          Mit seiner öffentlichen Auswahl an Führungsspielern, seiner Kapitänsgruppe, versucht Scolari vor allem, den Druck von Superstar Neymar zu nehmen. Dessen Stern strahlt nach Bekanntwerden der Wechselmodalitäten und seinem ersten Jahr beim FC Barcelona, das ohne großen Titel endet, nicht mehr ganz so hell wie nach seinem überragenden Auftritt beim Confed-Cup vor einem Jahr.

          Doch auch hier kann Scolari die Gemütslage seiner Landsleute beruhigen: „Neymar konnte bei Barcelona noch nicht so glänzen, wie man es von ihm gewohnt ist. In der Nationalmannschaft spielt er aber eine andere Position und wird für uns im Turnier ein besonderer Akteur werden.“

          Doch Scolari weiß, dass all seine Worte ohnehin Schall und Rauch sind, wenn am 12. Juni mit dem Eröffnungsspiel gegen Kroatien in São Paulo die WM in Brasilien beginnt. Mit der Kadernominierung beginnt nun ganz offiziell der fußballerische Ausnahmezustand im Land der Gastgeber.

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