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Brasiliens Marcelo : Der Geisterbeschwörer

  • -Aktualisiert am

Abwehrspieler mit Offensivdrang: Marcelo Bild: AFP

Die Seleção steht bei der WM schon vor dem zweiten Spiel gegen Costa Rica unter Druck. Marcelo soll im Lager der Brasilianer für gute Laune sorgen, obwohl er zu den Verlierern von gestern zählt.

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          Der Spott ließ nicht lange auf sich warten. Brasiliens Fußballverband verkündete in dieser Woche stolz einen neuen Rekord: Immerhin 507 Besucher tummelten sich an einem einzigen Tag im Museum des CBF in Barra da Tijuca in Rio de Janeiro. So viele wie noch nie seit Eröffnung des imposanten Gebäudes im März 2014. Witzbolde in den sozialen Netzwerken glaubten daraufhin den Grund für den Besucheransturm zu kennen: Nach dem mühsamen 1:1 zum Auftakt gegen die Schweiz seien all jene gekommen, die einen WM-Pokal einmal aus der Nähe sehen wollten. Damit würde es im fernen Russland nämlich diesmal wieder nichts werden.

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          Nur gut, dass es in den Reihen der brasilianischen Seleção einen gibt, der für die gute Laune da ist. Marcelo, schneller Außenverteidiger von Real Madrid und gegen die Schweiz als Kapitän in der Mannschaftshierarchie ganz oben angekommen. Ein Schnappschuss beim Training von Vater und Sohn verzauberte die brasilianischen Medien, der Filius ist inzwischen selbst ein kleiner Medienstar. Für ein paar Stunden war die schlechte Laune damit verflogen, die nach dem Auftaktremis über dem Lager der Brasilianer lag. Der 30 Jahre alte Marcelo weiß, wie er mit Gesten und Auftreten Zweifel zerstreuen kann.

          „Ich hoffe, ich kann mit meiner Erfahrung und Fröhlichkeit helfen“, sagte er vor ein paar Tagen auf seine Interpretation der Kapitänsrolle angesprochen. Nationaltrainer Tite will auch während der WM an seinem Rotationsprinzip festhalten und vor jedem Spiel die Ehre der Kapitänsbinde neu verteilen. Kein schlechter Schachzug, um die Eifersüchteleien der Alphatiere innerhalb der Mannschaft unter Kontrolle zu halten, wenn jeder mal ran darf. Gegen Costa Rica wird wohl Abwehrspieler Thiago Silva diese Rolle zuteil.

          Die Fans in Brasilien hatten sich mehr erhofft von der Seleção. An diesem Freitag (14 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und im ZDF) gegen Costa Rica steht der fünfmalige Weltmeister schon unter Druck. Gegen die in die Jahre gekommene Überraschungsmannschaft von 2014, bei der wegen angeblicher Privilegien von Superstar Keylor Navas der Haussegen schief hängen soll, muss ein Befreiungsschlag her. Und einer, der die Stimmung in die richtige Richtung lenken kann, ist Marcelo. In der an Eitelkeiten und Machtspielchen reichen Parallelgesellschaft der Seleção präsentiert sich Marcelo trotz seiner bemerkenswerten Erfolge im Vereinstrikot nicht wie ein stolzer Gockel mit stets neuer Frisur, zwei Haarstylisten und großer Entourage wie Neymar, sondern bodenständig mit Familie.

          Der gute Geist der Brasilianer: „Ich hoffe, ich kann mit meiner Erfahrung und Fröhlichkeit helfen“
          Der gute Geist der Brasilianer: „Ich hoffe, ich kann mit meiner Erfahrung und Fröhlichkeit helfen“ : Bild: dpa

          Die Wasserstandsmeldungen um den Gesundheitszustand des Angreifers kommen mannschaftsintern nicht gut an. Marcelos Botschaft an eine nach neuen Klick- und Follower-Rekorden gierenden Spielergeneration ist bodenständiger. Der Trainer habe eine familiäre Atmosphäre geschaffen, ließ Marcelo vor einigen Tagen wissen. „Tite hat die gesamte Nationalmannschaft verwandelt. Jetzt ist vieles einfacher, und wir verstehen seine Methode sehr gut“, sagte der in Rio de Janeiro geborene Abwehrspieler mit Offensivdrang. Das war freilich vor dem Spiel gegen die Schweiz, als die Stimmung nach der statistisch besten WM-Vorbereitung seit 1970 noch glänzend war. Nach dem unerwarteten Ausgang reagierte das brasilianische Lager weniger souverän und suchte die Schuld beim Schiedsrichter, weniger bei sich selbst.

          Marcelos Aufstieg ist mit Ergebenheitsadressen an den Trainer gepflastert: „Ich würde für Tite töten“, ließ er vor gut einem Jahr wissen. „Der Schlüssel für den Erfolg ist Tite“, verkündete er erst jüngst. Die Nähe zum Trainer, dessen Stärke die Kommunikation sein soll, drückt auch Marcelos Wunsch nach einer harmonischen Mannschaft aus. Und ist vielleicht der Versuch, die eigene Position zu festigen. Denn trotz der imposanten Titelsammlung im Trikot von Real Madrid, das Marcelo seit 2007 trägt, beäugen ihn seine Landsleute mit einer Portion Skepsis. Das liegt einerseits an der desaströsen Vorstellung, die er beim 1:7 im legendären Halbfinale 2014 abgab.

          Aber auch daran, dass seine Nationalmannschaftskarriere bislang ohne den ganz großen Erfolg blieb. Von den Olympischen Spielen kam er zweimal ohne Gold nach Hause, bei der Copa America fehlte Marcelo regelmäßig. Und die einzige WM-Teilnahme vor vier Jahren endete im bekannten Desaster. Marcelo und die Seleção, das war bislang noch keine Erfolgsgeschichte.

          Die Begegnung mit Costa Rica ist aus brasilianischer Sicht ein Schlüsselspiel für den weiteren Verlauf dieser WM. Noch ein verpatztes Spiel, und die bösen Geister des vergangenen Turniers wären schnell zurück. Trotz eines Zeremonienmeisters Tite, der versucht, seine Superstars an langer Leine bei Laune zu halten. Doch im Fall einer Enttäuschung würden auch keine Trainingsbilder mit dem Sohn mehr weiterhelfen.

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