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Brasilien vor der WM : Nur die Liebe zählt

  • -Aktualisiert am

Schöner wohnen auf Brasilianisch: Dieser Fan freut sich auf die WM Bild: REUTERS

Die Brasilianer freuen sich viel mehr auf den Fußball der WM als es erscheinen mag. Sie wollen ihre Seleção kämpfen sehen - so wie sie für ein besseres Brasilien kämpfen.

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          Freitagabend in Rio de Janeiro. Hundert, vielleicht hundertfünfzig Menschen sind vor dem städtischen Theater zusammengekommen. „Fifa-freies Territorium“ steht auf einem Banner. Demonstranten verteilen Flugblätter. Über einen scheppernden Lautsprecher verkünden sie ihre Forderungen: bessere Krankenhäuser, bessere Schulen, das Ende von Umsiedlungen, weniger Kommerz und Korruption im Fußball. Und auf einem Flachbildschirm in ihrer Mitte läuft Brasilien gegen Serbien, das letzte Vorbereitungsspiel der Seleção. Es ist ein Bild, das die Stimmung in Brasilien wenige Tage vor der Weltmeisterschaft widerspiegelt.

          Genau ein Jahr ist es her, dass sich in dem Land eine Proteststimmung ausbreitete, von der die Brasilianer selbst am meisten überrascht waren. In der traditionellen Mittelschicht hatte sich über Jahre eine große Unzufriedenheit angestaut. Zusätzlich zu steigenden Preisen und Mieten musste sie immer höhere Steuern zahlen. Vom Wirtschaftsboom und den Sozialprogrammen der Regierung Lula profitierte sie jedoch kaum. Zugleich wuchs unter den Millionen Brasilianern, die aus der Armut in die untere Mittelschicht aufstiegen, ein neues politische Bewusstsein.

          Sie wollten sich mit dem möglich gemachten Mehr an Konsum nicht zufriedengeben. Sie forderten nun auch akzeptable Schulen für ihre Kinder, Investitionen in marode Krankenhäuser, ausreichend Busse und Bahnen. Hinzu kam die Wut auf Korruption und Selbstgefälligkeit in der Politik. Den letzten Ausschlag gab die überforderte Polizei, die auf die ersten Demonstrationen mit roher Gewalt reagierte. Hunderttausende zogen daraufhin im ganzen Land durch die Straßen.

          Diese Protestwelle ist abgeebbt. Zu diffus waren die Forderungen der vielen unterschiedlichen Gruppierungen. Randale und Gewalt durch eine Minderheit schreckten zusätzlich ab. In Rio de Janeiro waren bei der größten Demonstration der vergangenen Wochen vielleicht 1500 Menschen auf der Straße. Und die meisten davon waren streikende Lehrer, die für bessere Arbeitsbedingungen kämpften. In São Paulo prägt die Obdachlosenbewegung das Bild.

          Und trotz brennender Panini-Alben und entsprechender Parolen hat das alles wenig mit der Weltmeisterschaft zu tun. Natürlich - und völlig zu Recht - sind die Brasilianer wütend, dass Milliarden für unnötige Stadien verschwendet wurden, dass die versprochenen Verbesserungen in der Infrastruktur auf sich warten lassen, dass sich die Fifa wie eine Kolonialmacht aufführt und brasilianische Politiker demütig buckeln. Zugleich aber wissen sie, dass die Probleme ihres Landes viel tiefer liegen. Dass Brasilien letztlich auch ohne Fifa und ohne Weltmeisterschaft nicht besser dastünde. Und vor allem haben sie allen Unkenrufen zum Trotz eines nicht verloren: Ihre tiefe, irrationale Liebe für den Fußball.

          Die Entwicklungen des vergangenen Jahres mögen die Liebe erschüttert haben, so dass die Menschen sie nicht selbstsicher und überschwänglich wie sonst nach außen tragen. Im Privaten aber haben sie ihren Frieden längst gefunden. Das Panini-Bildchen-Fieber quer durch alle Altersstufen ist schon abgeflacht, weil viele Alben gefüllt sind. Der Verkauf von Fernsehern ist stark gestiegen, Fußball schauen Brasilianer traditionell mit Familie und Freunden zu Hause. Und inzwischen färben sich auch ganze Straßenzüge gelb und grün. Anspannung und Vorfreude vieler lassen kaum Zweifel, dass die Brasilianer ihre Seleção anfeuern und feiern werden, wenn erst einmal der Ball rollt. Oder auspfeifen, das gab es bei früheren Turnieren auch schon. Aber wie in der Liebe eben: nicht ohne Leidenschaft.

          Und was bedeutet das für die weitere Entwicklung des Landes? Nicht viel. Denn unabhängig vom Fußball, vom Abschneiden der Seleção werden die Brasilianer ihr tägliches Leid im Straßenverkehr, ihre Angst vor der ausufernden Gewalt, die dreiste Selbstbedienungsmentalität vieler Politiker natürlich nicht vergessen. Und sie werden auch nicht vergessen, was sie im vergangenen Jahr gelernt haben: dass sie das alles nicht hinnehmen müssen; dass sie kämpfen können. So wie ihre Seleção für den sechsten Weltmeistertitel.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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