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Brasilianische Rituale : Vor dem Fußballzauber kommt die Zauberei

Auch die Macumba-Priester halten Rituale bisweilen am Strand von Rio ab. Diese Verehrung hier haben allerdings Fans zu verantworten. Bild: REUTERS

Brasilien schwört auf heilige und unheilige Hilfe. Wenn nichts mehr hilft, kommt der Macumba-Priester. Das begrüßen nicht zuletzt die Fußballspieler. Schlimm ist es, wenn ein Frosch ins Spiel kommt.

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          Zeit seines mittlerweile 82 Jahre währenden Lebens hat Mario Zagallo in der dreizehnten Etage gewohnt. Sein Autokennzeichen hat stets mit einer 13 geendet, und diese Zahl trägt er auch auf einem Kleidungsstück. Seinen ersten WM-Titel als Fußballspieler hat Zagallo anno 1958 gewonnen, und die beiden letzten Ziffern zusammengezählt ergeben dieselbe Summe wie jene beiden von 1994, als er als Assistenztrainer der brasilianischen Nationalmannschaft seinen vierten WM-Triumph feierte. Geheiratet hat der „alte Wolf“, wie er in seiner Heimat genannt wird, am 13. Juni, dem Gedenktag des Antonius von Padua.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eine kleine Figur dieses Heiligen trägt Zagallo stets bei sich, als ewigen Glücksbringer, der „das Unmögliche möglich“ machen solle. Dass die brasilianische Mannschaft am kommenden Juni-Donnerstag, also am Zwölften, ins Heimturnier startet, muss die brasilianische Fußball-Legende furchtbar nervös machen. Immerhin dem Finale - am 13. des Juli - kann Zagallo gutgläubig entgegenblicken.

          Man darf Zagallos Fixierung auf die Zahl 13 nicht als Spleen eines alten Mannes abtun. Sie ist Teil einer brasilianischen Kultur, in der seit jeher vieles um Glauben und Aberglauben geht, nicht zuletzt im Fußball. Katholiken wie Nationaltrainer Luiz Felipe Scolari besuchen vor bedeutenden Spielen Gottesdienste, um für den Sieg zu beten, und wenn sich der Erfolg einstellt, begeben sie sich zum Dank auf Pilgerreise. Evangelikale hingegen versammeln sich in der Kabine zu Gebetsrunden, anschließend auf dem Fußballfeld tragen sie unter ihren Nationaltrikots T-Shirts, auf denen sie ihr Werk Jesus widmen.

          Manche Priester sind Stars

          Im Erfolgsfall zeigen sie die Botschaften aller Welt, oder sie strecken den Zeigefinger empor und danken den himmlischen Mächten, so wie es bei den vergangenen Turnieren der frühere „Weltfußballer“ und Freizeitmissionar Kaká tat. Während die christlichen Kicker derart offensiv mit ihrem Glauben umgehen, treibt der Aberglauben bei anderen Sportlern seltsamere Blüten. Für viele schwarze Fußballspieler, deren Vorfahren im 16. Jahrhundert als Sklaven aus Afrika nach Brasilien verschleppt wurden, kommt vor dem Ballzauber die Zauberei.

          Millionen von Brasilianern verehren in den Afro-Religionen Candomblé oder Macumba mehr oder weniger heimlich heidnische Gottheiten, die christlichen Heiligen nachempfunden wurden und die auch der liebsten Fußballmannschaft im Notfall helfen sollen. Wenn das Team ständig verliert, wenn der Trainer nicht mehr weiterweiß und nichts und niemand mehr zu helfen scheint, dann wenden sich die Klubverantwortlichen nicht selten vertrauensvoll an einen Macumba-Priester.

          Manche dieser spirituellen Meister haben so erfolgreich gewirkt, dass sie im brasilianischen Fußball zu (un)heimlichen Stars geworden sind. Paí Santana zum Beispiel beim Klub Vasco da Gama, oder Paí Edu bei Naútico, einem Verein aus Recife. Sie stehen in dem Ruf, mit Tieropfern, Alkohol, Zigarren, Steaks und anderen Gaben die heidnischen Götter gnädig gestimmt zu haben. Sie vergruben Tierkadaver im Rasen des gegnerischen Stadions, oder sie verschmierten die Kabinen der Gegner mit Palmöl und Maniokmehl und stellten einen Stierschädel hinein, um der anderen Mannschaft angst und bange zu machen. Die Spieler tragen das Ihrige zum Macumba-Kult bei. Sie tauchen ihre Fußballschuhe in Wasser ein, um den Durst ihrer Gottheiten zu stillen. Oder sie waschen sich die Füße und verschütten das Schmutzwasser danach auf dem Platz des Gegners.

          Ronaldos persönlicher Fluch

          Schlimm ist es, wenn ein Frosch ins Spiel kommt. Das Tier gilt im südamerikanischen Volksglauben als Überbringer von Verwünschungen. Berühmt ist jener Fluch, den ein Spieler wegen eines unsportlichen Verhaltens gegen den Klub Vasco da Gama aussprach: Zwölf Jahre dürfe Vasco nicht mehr die Meisterschaft gewinnen, und zur Bekräftigung des Fluches, hieß es, hätte der Kicker einen Frosch im Vasco-Stadion vergraben. Nachdem der zuvor erfolgsverwöhnte Verein eine jahrelange Durststrecke erlebt hatte, schritt der Macumba-Priester ein und ließ den Fußballplatz umgraben. Ein Frosch wurde nicht gefunden. Anders als Jahre später bei den Corinthians. Die Misserfolgsserie des Klubs aus São Paulo endete erst, als der Rasen durchgepflügt wurde und Utensilien wie Menschenzähne, ein Oberschenkelknochen und ein Frosch beseitigt wurden, wie der englische Journalist Alex Bellos in seinem Buch „Futebol“ zu berichten weiß.

          Vater Edu behauptete laut Bellos sogar, den WM-Torschützenkönig Ronaldo unbedingt von einem persönlichen Fluch befreien zu müssen. Dessen Sturmpartner Romario wäre einst sexuell derart aktiv gewesen, dass er böse Geister angezogen hätte, die vor der WM 1998 auf den spirituell labileren Ronaldo übergegriffen hätten. Tatsächlich spielte der Stürmer damals weit unter Form - weil er nicht rechtzeitig von dem Macumba-Priester kuriert worden war? Was aufgeklärte Europäer für Kokolores halten mögen, ist für Brasilianer ein mehr oder weniger ernstzunehmender Teil ihrer spirituellen Folklore.

          Im Hinblick auf die anstehende WM hat der brasilianische Fußballverband zwar religiöse Kulte verboten. Aber niemand kann den Anhängern der Afro-Religionen den Glauben austreiben, dass magische WM-Momente auf Zauber beruhen. Sollte Brasilien nicht zum sechsten Mal Weltmeister werden - es wäre wie verhext.

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