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Belgiens „goldene Generation“ : Gerüstet für den großen Coup

  • -Aktualisiert am

Belgiens Thomas Vermaelen (links) und Eden Hazard wollen bei der Weltmeisterschaft um den Titel mitspielen. Bild: dpa

Mal wieder gelten die angriffslustigen Belgier als Geheimfavorit auf den Weltmeistertitel. Für die talentierte Mannschaft könnte es die vielleicht letzte Chance sein. Doch das Team hat auch eindeutige Schwächen.

          Hart, aber herzlich: So ging es an den letzten Trainingstagen der Belgier vor deren Weltmeisterschafts-Ouvertüre gegen den Debütanten Panama an diesem Montagnachmittag (17 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM und in der ARD) in Sotschi zu. Als Spielmacher Kevin De Bruyne am Samstag seinen Stürmerkollegen Adnan Januzaj einmal so umgrätschte, dass der durch die Luft segelte und hart aufschlug, regte sich niemand über dieses Tackling unter Ernstfallbedingungen auf. De Bruyne nahm den Zwischenfall en passant zur Kenntnis, Januzaj, der unverletzt blieb, lamentierte nicht, und Trainer Roberto Martínez war begeistert: „Man sieht bei uns im Training eine Intensität, wie sie im Spiel herrschen muss.“

          Fussball-WM 2018

          Da dürfen sich die Mittelamerikaner bei ihrer WM-Premiere in der Gruppe G auf einiges gefasst machen. Sie treffen auf ein Team mit dem Etikett „Geheimfavorit“, das mit einem Aufgebot erlesener Profis, vorzugsweise aus der englischen Premier League, in das Turnier startet.

          Belgiens „goldene Generation“ fühlt sich nach zwei Viertelfinalteilnahmen bei der WM 2014 und der Europameisterschaft 2016 gerüstet zum großen Coup. Dafür gibt es zumindest Argumente, da die Roten Teufel seit der EM vor zwei Jahren nur noch ein Länderspiel (gegen Spanien) verloren haben und seit dem September 2016 ungeschlagen sind. Mit neun Siegen, einem Remis und 43 Treffern beendeten die ihrem holländischen Nachbarn längst enteilten Belgier die WM-Qualifikation, an der die Niederlande scheiterte. Inzwischen glauben auch die belgischen Spieler daran, das immer noch fast Undenkbare mutig ins Auge fassen zu können. „Es wird schwer, aber es ist möglich, dass wir Weltmeister werden“, hat der für Borussia Mönchengladbach spielende Thorgan Hazard gesagt.

          Dessen Bruder Eden führt die Nationalmannschaft als Kapitän an. Er ist seit Jahren einer der Offensivstars des FC Chelsea und steht an seinen besten Tagen für aufregenden Highlight-Fußball. Eden Hazard rechts und der bei Manchester City unter Trainer Pep Guardiola zu einem Weltstar aufgestiegene De Bruyne als zentraler Ideengeber, Spielbeschleuniger und Passlieferant im Zentrum sind dazu ausersehen, Schneisen in die gegnerischen Abwehrreihen zu schlagen und Belgiens Erfolgsserie fortzuführen. Dazu können sich die beiden über Jahre gereiften Spielmacher ganz vorn auf Romelu Lukaku verlassen, der aus Gelegenheiten Tore en suite zu machen versteht. Der 25 Jahre alte Mittelstürmer von Manchester United führt mit dreißig Länderspieltoren die Trefferstatistik unter den besten Torschützen der belgischen Länderspielgeschichte an. Für weiteren Sturm und Drang sorgt auf der linken Seite Dries Mertens, der beim SSC Neapel mit 18 Toren eine fabelhafte Saison hingelegt hat.

          Ein Fußball-Stilist zwischen zahlreichen Fußball-Künstlern

          Die angriffslustigen Belgier werden in ihrem Sturm und Drang von ihrem spanischen Trainer Martínez und dessen Assistent Thierry Henry, französischer Weltmeister von 1998 und eine Stürmer-Ikone des FC Arsenal, auf Schritt und Tritt unterstützt. Martínez, zuvor beim FC Everton zu einem renommierten Manager der Premier League gereift, setzt auf ein 3-4-3-System und die Raffinesse, Spielfreude und Wucht seiner Abteilung Attacke. Unter ihm haben die Belgier zu der Ruhe und Selbstgewissheit zurückgefunden, die unter Martínez’ Vorgänger Marc Wilmots verlorengegangen waren. Als der frühere Schalker nach der EM 2016 gehen musste, war die Beziehung zwischen Trainer und Mannschaft sowie Trainer und Medien ziemlich zerrüttet. Martinez, der im Vergleich zum bulligen Wilmots eleganter und weltläufiger daherkommt, ist ein Fußball-Stilist – eine Eigenschaft, die den Belgiern mit ihrer Vielzahl an Fußballkünstlern entgegenkommt.

          Schwächen hat diese Mannschaft, die ihre Siegesserie vorzugsweise gegen Gegner aus der zweiten und dritten Reihe des Weltfußballs erreichte, aber auch. Ihre Abwehr, bei der EM vor zwei Jahren recht wacklig und von den Walisern bei deren 3:1-Sieg im Viertelfinale nachhaltig geknackt, bietet immer noch Einfallstore. Speziell über die zwischen Defensive und Mittelfeld pendelnden Außenspieler Carrasco und Meunier. Aber auch die Innenverteidiger Vertonghen, Alderweireld, Boyata und die zuletzt angeschlagenen Vermaelen und Kompany sind nicht über jeden Zweifel erhaben.

          Da das Gros der belgischen Stammspieler zwischen 25 und 30 Jahren alt ist, bietet sich der „goldenen Generation“ in Russland die womöglich letzte Chance, ein großes Erbe für ihre Nachfolger zu hinterlassen. De Bruyne, schon zu Bundesliga-Zeiten bei Werder Bremen und dem VfL Wolfsburg ein kritischer und selbstkritischer Geist, hat vorsorglich vor einem Übermaß an Optimismus gewarnt: „Es gibt bei dieser Weltmeisterschaft Mannschaften, die noch mehr Talente in ihren Reihen haben als wir. In einem langen Turnier brauchst du alles: Du musst physisch und mental für alles bereit sein, und du brauchst Glück.“ Gegen Panama an diesem Montag vielleicht nicht, aber später in den schweren Prüfungen der K.-o.-Runde. Zum Glück für Belgien ist Wales, gegen das im EM-Viertelfinale vor zwei Jahren Schluss war, nicht dabei.

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