https://www.faz.net/-gtl-7qdh0

Tag des Eröffnungsspiels : Auch die WM des Volkes hat begonnen

Mit Tränengas und Gummikugeln halten die schwer gerüsteten Truppen, zum Teil auf Pferden, die Demonstranten von der Hauptstraße fern, noch bevor diese sich formieren können. Viele werden schon am Ausgang der U-Bahn-Station abgefangen. Immer wieder kommt es in den nächsten Stunden zu Zusammenstößen. Einige der vielleicht zwei-, dreihundert Demonstranten türmen Müll zu Barrikaden und zünden sie an. Sie werfen Steine auf die Polizisten. Diese feuern wieder zurück mit Gummigeschossen und Gasgranaten. Mehrere Demonstranten werden festgenommen. Mindestens sechs verletzt.

Ein brasilianischer Journalist, der seit dem vergangenen Jahr regelmäßig Proteste in São Paulo begleitet, sagt, als sich die Tumulte mehr oder weniger aufgelöst haben: „Zumindest von den Anti-WM-Protesten in diesem Jahr war das der schlimmste – in Bezug auf Menschenrechtsverletzungen durch die Polizei.“

„Die haben alles getan, um zu verhindern, dass wir irgendwie in Erscheinung treten konnten“, sagt einer der Demonstranten, ein Geschichtslehrer. „Auch deswegen protestiere ich, wegen diesen Ausnahmezustand, der für die Fifa, ein Privatunternehmen, in Brasilien verhängt wurde. Gesetze wurden geändert, damit die Fifa Bier im Stadion verkaufen kann. Menschen wurden zwangsumgesiedelt. Ein riesiger Bereich ums Stadion abgesperrt.“

Nationalhymne aus Kehlen Zehntausender

Und so bekommen diejenigen, die sich schon ab Mittag zu Tausenden zum Itaquerão-Stadion aufmachen, von den Protesten tatsächlich nichts mit, abgesehen vielleicht von drei vorübergehend geschlossenen Stationen, durch die die U-Bahnen voll Fans durchrauschen. Fast alle tragen sie Gelb und Grün. So langsam das Weltmeisterschaftsfieber in São Paulo zunächst um sich gegriffen haben mag, so lang waren in den letzten Tagen vor dem Eröffnungsspiel die Schlangen in den offiziellen und inoffiziellen Fanshops. Auch als Geschenk für den „Dia dos namorados“, den brasilianischen Valentinstag, der jedes Jahr am 12. Juni begangen wird, waren die Trikots der Seleção gefragt.

Die Nationalhymne ertönt im Stadion aus den Kehlen von Zehntausenden. Und als die Musik aussetzt, schmettern sie minutenlang weiter. Zur gleichen Melodie, mit der am Morgen bei der „Copa do povo“ die Obdachlosenbewegung gefeiert wurde, singen sie: „Eu sou brasileiro, com muito orgulho, com muito amor – Ich bin Brasilianer, voll Stolz, voll Liebe“.

Die Unbeliebtheit der Präsidenten

Nur Präsidentin Dilma Rousseff und neben ihr auf der Ehrentribüne Fifa-Präsident Joseph Blatter werden nicht angefeuert. Ausgehend von den VIP-Bereichen erklingen mehrmals Sprechchöre: „Ei, Dilma, vai tomar no …“ und „Ei, Fifa, vai tomar no …“ – Beschimpfungen, die sonst nur die gegnerische Mannschaft oder die Schiedsrichter zu hören bekommen. Doch unter den Brasilianern der traditionellen Mittelschicht und der Oberschicht, die sich die Eintrittskarten für Spiele der Weltmeisterschaft leisten können, ist die Präsidentin aus der Arbeiterpartei nicht sehr beliebt. Und die Fifa anscheinend auch nicht mehr.

Dass die Stimmung während des Spiels nicht nur im Stadion, sondern auch draußen, im Arbeiterviertel Itaquera, ausgelassen und euphorisch ist, lässt sich bei den drei Toren der Seleção erahnen. Jedes wird mit einem gewaltigen Gewitter gefeiert. Kanonenschläge donnern, Raketen blitzen am Nachthimmel. „Eine Premiere wie sie nicht einmal Pelé und Ronaldo hatten“, feiert die brasilianische Zeitung „O Globo“ auf ihrer Internetseite nach dem Spiel den Doppeltorschützen Neymar. Und klein und versteckt auf einer Unterseite vermeldet sie: „Bei der Weltmeisterschaft des Volkes besiegen die U-Bahner die Müllmänner“.

Weitere Themen

Dänemark als erstes Team im Halbfinale

Handball-EM : Dänemark als erstes Team im Halbfinale

Mit einem Sieg gegen die Niederlande qualifizieren sich die Dänen als erstes Team für das Halbfinale der Handball-EM. Auch Frankreich darf sich nach dem Sieg Hoffnung auf den Halbfinal-Einzug machen.

Einreise nur mit zwei negativen PCR-Tests Video-Seite öffnen

Olympische-Spiele in China : Einreise nur mit zwei negativen PCR-Tests

Kurz vor Beginn der Olympischen Winterspiele versucht China die Ausbreitung von Corona-Fällen mit strikten Maßnahmen zu verhindern. 72 Corona-Infektionen im Zusammenhang mit den Spielen wurden bereits bestätigt. Die breite chinesische Öffentlichkeit wurden vom Kauf der Tickets ausgeschlossen.

Peking lockert ein wenig

Corona-Tests bei Olympia : Peking lockert ein wenig

Die Organisatoren der Olympischen Winterspiele haben den CT-Wert, ab dem ein PCR-Test eines Sportlers als negativ angesehen wird, von 40 auf 35 herabgesetzt. Wer dazwischen liegt, muss in Isolation.

Topmeldungen

Der russische Präsident Wladimir Putin beobachtet im September 2019 eine Militärübung.

Ukraine-Konflikt : Was will Putin wirklich?

Mit seinem Truppenaufmarsch befördert Russland, was es angeblich verhindern will: dass die NATO ihre Ostflanke verstärkt und der Westen Waffen an die Ukraine liefert.
Am Tatort: Spurensicherung

Amoklauf in Heidelberg : Im Hörsaal getötet

Ein Student dringt mit mehreren Waffen in einen Hörsaal ein, und eröffnet das Feuer. Eine Frau stirbt nach einem Kopfschuss. Hinter dem Angriff soll eine Beziehungstat stecken.
Hauptsache dagegen: Mehr als Zweitausend Impfgegner, Coronaleugner und Querdenker demonstrieren in der Innenstadt von Frankfurt am Main gegen die Corona-Maßnahmen.

Corona-Proteste : Wo bleibt der Widerspruch?

Seit Wochen bestimmen die Aufmärsche der „Querdenker“ die Bilder und Nachrichten. Dabei kann die große Mehrheit mit der Radikalopposition der Bewegung nichts anfangen. Warum sind die Besonnenen und Vernünftigen im Moment so still?