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Argentinien sagt WM-Test ab : Keine Reise nach Jerusalem

Persönliches Ziel: Lionel Messi Bild: AP

Es sollte ein Festakt zum 70. Jahrestag Israels sein: Die Länderspiel-Absage der Argentinier ist wohl ein Eigentor der israelischen Sportministerin – eine entscheidende Rolle spielte aber auch Palästinas Fußballpräsident.

          Die argentinische Absage des Fußball-Länderspiels in Jerusalem gegen Israel hat zwei politische Beben ausgelöst, die einen ebenfalls mitgedachten sportlichen Grund längst verdecken: Die israelfeindliche Boykottbewegung BDS reklamiert einen ihrer größten Erfolge, der palästinensische Fußballverbandspräsident jubiliert – und in Israel streitet man über die eigene Sportministerin.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Das Spiel war lange geplant gewesen. Eine private israelische Sportvermarktungsfirma hatte eine Zusage aus Buenos Aires erreicht. Auf Wunsch der Argentinier einigten sich die Fußballverbände auf Haifa als Spielort, wo sich Israels größtes und modernstes Stadion befindet. Das ist Monate her. Niemand empörte sich. Die Eintrittskarten fanden reißenden Absatz. Dann entschied Sportministerin Miri Regev, das Testspiel zu einem Teil der Feierlichkeiten zum siebzigsten Jahrestag der Staatsgründung Israels zu erklären. Sie rief einen neuen Austragungsort aus: Jerusalem. Noch am Sonntag sagte Regev, Stürmerstar Lionel Messi werde „die Klagemauer küssen“ und „die Hände von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu schütteln“. Spätestens da war aus der Sportveranstaltung längst Politik geworden.

          Jetzt erst witterte der palästinensische Verbandspräsident Djibril Rajoub, der zum engeren Kreis der palästinensischen Führung gehört, seine Chance. In einem Brief an sein argentinisches Gegenüber protestierte Rajoub gegen den Austragungsort: „In Anbetracht des aktuellen Kontexts verurteilt der palästinensische Fußballverband diese Entscheidung.“ Mit Kontext meinte der Palästinenser die völkerrechtlich umstrittene Verlegung der amerikanischen Botschaft nach Jerusalem sowie die Gewalt im Gazastreifen, wo israelische Scharfschützen mehr als 100 Palästinenser getötet haben. „Das Spiel selbst soll in einem Stadion stattfinden, das auf einem von mindestens 418 palästinensischen Dörfern steht, die Israel vor siebzig Jahren zerstört hat“, schrieb Rajoub. Am Mittwoch stellte er klar, es sei ihm allein um den Austragungsort gegangen, gegen Haifa hätte er nichts gehabt.

          Stürmer Higuaín: „Wir haben gespürt, dass es nicht richtig gewesen wäre.“

          Doch war es nicht nur ein Brief, der die Argentinier am Dienstag zur Absage bewog. Boykottbefürworter hatten nicht nur in Buenos Aires demonstriert, sondern offenbar auch massiven Druck auf die Spieler ausgeübt. Am Rande des Trainingsgeländes in Barcelona, wo sich die Argentinier auf die WM vorbereiten, hielten Aktivisten scheinbar blutverschmierte Nationaltrikots an den Zaun. Berichten zufolge sollen Messi und seine Frau Drohungen erhalten haben. Hatte Rajoub das gemeint, als er am Sonntag sagte, „wir werden eine Kampagne gegen den argentinischen Verband starten und Messi persönlich zum Ziel nehmen“, und zum Verbrennen von Messi-Trikots aufrief? Jedenfalls wirkte der Protest. Am Dienstag sagte Messis Sturmpartner Gonzalo Higuain: „Unsere Entscheidung war endgültig, als Messi uns fragte, wie wir mit ruhigem Kopf spielen könnten, wo so viele Palästinenser leiden.“

          Schon vor sechs Jahren im Oktober hatte es einen ähnlichen Vorfall gegeben: Damals protestierten Palästinenser, darunter der Junge, der auf Messis Trikot steht und es damit symbolisch in den Schmutz ziehen will, gegen eine Einladung des FC Barcelonas für den israelischen Soldaten Gilad Schalit zum El Clasico – dem Match zwischen Real Madrid und Barça. Schalit war sechs Jahre in palästinensischer Gefangenschaft der Hamas.

          Auf Regevs Bitten telefonierte Netanjahu Dienstagnacht mit dem argentinischen Präsidenten Mauricio Macri. Doch soll Macri erwidert haben, er könne eine endgültige Entscheidung des unabhängigen argentinischen Fußballverbandes nicht überstimmen. Die israelische Regierung verbreitete, an den Beziehungen beider Länder werde sich nichts ändern. Netanjahu versuchte, die Aufregung klein zu halten. „Wir müssen das hinter uns lassen“, sagte Netanjahu in Richtung seiner Minister, von denen einige Rajoub „Terrorismus“ vorwarfen. Zu viel Aufregung wäre zu viel Aufmerksamkeit für BDS.

          Dabei wäre es nicht das erste Mal gewesen, dass eine argentinische Nationalmannschaft im Jerusalemer Teddy-Stadion spielt, das zum Westteil der Stadt gehört – der Ostteil soll gemäß der Zweistaatentheorie Hauptstadt Palästinas werden. Und auch sportliche Gründe erleichterten die Absage. Argentiniens Trainer Jorge Sampaoli und einige Spieler hatte sich wiederholt gegen die Ansetzung der Partie so kurz vor der WM ausgesprochen. Seine Mannschaft hätte gern in Barcelona noch ein Testspiel bestritten, aber nicht eine Flugreise in den Nahen Osten antreten wollen, um bei sommerlicher Hitze ein Vorbereitungsspiel gegen einen sportlich kaum konkurrenzfähigen Gegner zu bestreiten.

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