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Vor dem WM-Finale gegen Argentinien : Vorsicht vor dem Chamäleon

Ausgelassene Stimmung: Argentinien steht im Finale Bild: REUTERS

Argentinien, das vor der WM als Offensivteam mit schwacher Abwehr bezeichnet wurde, hat während des Turniers überrascht – eine Mannschaft wie die Italiener, der deutsche Angstgegner. Deutschland sollte Argentinien nicht unterschätzen.

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          Auch nach 84 Jahren Weltmeisterschaft gibt es Dinge, die es noch nie gab. Zum Beispiel ein 0:0 im Halbfinale. Argentinien gegen die Niederlande, das war nach dem deutschen 7:1-Rausch gegen Brasilien so, als hätte man am Morgen nach einer krachenden Party einen Termin beim Internisten – zwei Stunden lang Abtasten. Es war ein Spiel, von dem selbst einer der Beteiligten, Stephan de Vrij, sagte, es habe „keiner verdient, es zu gewinnen“. Natürlich gibt es das immer wieder – und gab es das früher noch viel öfter – gegen Ende solch großer Turniere: Teams werden müder, Gegner gefährlicher, Trainer vorsichtiger.

          In der sechsten WM-Partie nach fast sieben Wochen Vorbereitung und Turnier reichen bei vielen die Kräfte nicht mehr für ein aktiveres, offensiveres Arbeiten „gegen den Ball“, das Ballgewinne in der Hälfte des Gegners und damit Torchancen erzwingt. Wer es trotzdem wagt, riskiert, dass seine Mannschaft am Ende ausgepumpt in den Seilen hängt und dann womöglich in eine Verlängerung muss. Man versteht also die Vorsicht von Halbfinalteilnehmern, will sie aber eigentlich nicht sehen.

          Holland schachmatt, Argentinien feiert

          Das Gute ist, dass im Finale zwischen Deutschland und Argentinien so etwas eher nicht zu erwarten ist. Zwar war die letzte jener deutschen Partien, in denen man, um das Positive zu finden, Floskeln wie „von der Taktik geprägt“ oder „von der Spannung lebend“ benötigt, auch ein Spiel gegen Argentinien, das WM-Viertelfinale 2006 in Berlin. Doch seitdem gibt es eine ganz andere deutsche Mannschaft, ein ganz anderes deutsches Spiel.

          Taktische Fähigkeiten entwickelt

          Seit Beginn der Ära Joachim Löw liefert Deutschland solche Spiele nicht mehr. Elf K.-o.-Spiele, 29 erzielte Tore, nie ein 0:0. Weil zuerst die Spanier, dann auch die Deutschen, so wie auf Klub-Niveau zuerst Barcelona, dann Bayern und Borussia Dortmund, eine taktische Fähigkeit entwickelt haben, die den Argentiniern und Holländern am Mittwoch abging. Die deutsche Nationalmannschaft ist auch in Spielen, in denen sie um keinen Preis ihre defensive Grundordnung aufgeben und ein Risiko eingehen will, in der Lage, offensiv gefährlich zu werden, Räume zu finden, Chancen zu kreieren.

          Argentinier feiern ausgelassen den Sieg ihrer Mannschaft in Buenos Aires

          Es ist, seit dem Ausscheiden der überalterten spanischen Elf, das Alleinstellungsmerkmal der deutschen Mannschaft bei dieser WM. Und ein großer Trumpf, der Deutschland auch im Finale gegen die Argentinier favorisiert. Die sind allerdings schwer einzuschätzen – eine Fußballmannschaft als Chamäleon wie sonst nur die Italiener, der deutsche Angstgegner.

          Das Überraschende in ihrer Entwicklung ist, dass sie vor dem Turnier wegen Spielern wie Messi, Higuaín, Agüero, Lavezzi, di María als Offensivteam mit schwacher Abwehr und fragwürdigem Torwart betrachtet wurden – und jetzt als Team dastehen, das durch seine Abwehrstärke (kein Gegentor in den K.-o.-Spielen) und die Elfmeter-Heldentaten eines Ersatztorwarts aus der französischen Liga das Finale erreicht hat. Deutschland gegen Holland, es wäre auch ein reizvolles Finale gewesen. Andererseits hätte diese großartige, diese von südamerikanischem Herzblut befeuerte Weltmeisterschaft kein rein europäisches Endspiel verdient. So wird es das 14. Südamerika-Europa-Duell bei dieser WM. Bisher steht es 9:3 für die Latinos (bei einem Remis). Und 4:0 für die Argentinier. Aber nun erst treffen sie auf das Team, das das Beste des europäischen Fußballs in sich vereinigt – vor allem die Fähigkeit, vorsichtig zu sein und gefährlich zu bleiben.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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