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Spielanalyse  : Pfeile des Grauens

Immer quer: Der beliebteste Spielzug der Holländer gegen Argentinien, hier von Vlaar zu de Vriij Bild: OPTA

Auch die Datenanalyse macht das Halbfinale zwischen Argentinien und Holland nicht zu einem Spektakel: Aber die Analyse weist aus, wie aufmerksam beide verteidigt haben. Und Argentinien ist der verdiente Sieger.

          Die Heatmap sieht mit ihrem Farbenspektrum von tiefem Rot über warnendes Gelb bis hin zu giftigem Grün und dem Leere andeutenden Blau immer gut aus. Und sie macht was her, wenn man Fußballspiele scheinbar tiefgründig analysieren will. Aber die Aussagekraft des Schaubilds, in dem rote Farbe lange Aufenthaltszeiten von Spielern und Ball signalisieren, ist eigentlich meist bescheiden.

          Beim Halbfinalkampf zwischen Argentinien und Holland ist das mal anders: Die Heatmap sagt nicht alles, aber doch sehr viel: Die beiden Teams haben einander mit höchster Konzentration gegenseitig fast vollkommen aus dem Spiel genommen. Das in seiner Geometrie nahezu perfekte Quadrat, das sich jeweils rund 25 bis 30 Meter in die beiden Spielfeldhälften erstreckt, umgrenzt die Kampfzone des Spiels.

          Unterstrichen wird der Eindruck der Heatmap durch eine nähere Betrachtung der drei Drittel des Spielfelds: 57,4 Prozent der Zeit befand sich der Ball im mittleren Drittel, also ziemlich genau in jener Zone, die von dem Heatmap-Quadrat umfasst wird. Bei einem Schlagabtausch oder einem temporeichen Spiel wie Deutschland gegen Brasilien ist der Ball stets deutlich weniger als 50 Prozent der Zeit in dieser „neutralen“ Zone, von der aus ein Treffer nur schwer vorzubereiten oder gar zu erzielen ist. Stattdessen ist er häufiger in einem der beiden Angriffdrittel.

          Dass die Niederländer am Mittwochabend etwas mehr Ballbesitz hatten und auch etwas öfter im letzten Drittel des Gegners auftauchten, dürften angesichts des eher behäbigen Spieltempos vernachlässigenswerte Größen sein.

          Die Langsamkeit des Spiels war der Vorsicht geschuldet, aber auch Folge des sehr aufmerksamen Verteidigens beider Teams. Ein schneller Spielaufbau gelang beiden Teams aus Furcht vor frühen Ballverlusten so gut wie nie, wobei Argentinien mit seinem Strategen Javier Mascherano wenigstens eine Anspielstation hatte, die Hoffnung auf Dynamik und Tempoverschärfungen ließ.

          Die Niederländer schenkten zugunsten der Nominierung eines destruktiven Defensivspieler wie Nigel de Jong die Möglichkeit der Spielgestaltung freiwillig her. Bei den „Oranjes“ galt einmal mehr das Prinzip Hoffnung: Ein langer Ball in die Angriffsreihe - und dort sollten die drei Kreativspieler Robben, Sneijder und van Persie schauen, was sie anstellen können.

          Das Schaubild mit den Top-Passspielkombinationen belegt die unterschiedliche Strategie: Während bei den Argentiniern Mascherano in sämtlichen der fünf häufigsten Kombinationen beteiligt ist, schlägt sich bei den Holländern das Ballgeschiebe in der Fünfer-Abwehrkette nieder.

          Mascherano versuchte mit seinen Spielanteilen nun durchaus, offensive Akzente zu setzen. Wie ein Blick auf die Taktiktafel bei Auswahl Mascheranos und der Rubrik Passspiel zeigt, wagte er viele vertikale Zuspiele auf seine Offensivspieler wie Messi, Higuain oder Lavezzi. Je näher er allerdings zum gegnerischen Tor kam, umso öfter wurden die Pässe von den kompromisslosen holländischen Verteidigern unterbunden.

          Macht man sich an der Taktiktafel den Spaß und wählt abwechselnd die Teams aus und die Rubrik Passspiel, dann findet man die wahren „Pfeile des Grauens“ zum besonders für den unterhaltungsuchenden Zuschauer faden Kick. Bis auf wenige erfolgreiche „Schlüsselzuspiele“, die zu den wenigen Chancen beiderseits führten, bestimmen die roten Pfeile der Fehlpässe das Bild. Natürlich liegt auch dieser Mangel in der konzentrierten und kompakten Abwehrarbeit der beiden dichten Defensivverbünde begründet, die beiderseits bisweilen in Fünfer- oder gar Sechserketten den Passweg in den Strafraum zustellten.

          Wählt man bei der Taktiktafel nun Messi oder Robben und blickt auf deren Ballbesitz- und Torschussdaten, so ist der Eindruck des Spiels vollends bestätigt: Die beiden Tempodribbler mit dem Drang zum Torabschluss konnten ihre Neigung nur selten ausleben: Messi, nahezu 90 Minuten in Manndeckung betreut, gelangen zwar gelegentlich mit dem Ball am Fuß große Raumgewinne, er durfte seinem Spieltrieb lediglich in ungefährlichen Zonen weit vom gegnerischen Tor entfernt nachgehen. Nur einmal kam er zum Torabschluss.

          Robben war derweil fast vollkommen abgemeldet: Die Argentinier nahmen ihn nicht in Manndeckung, stellten aber fast immer mit drei bis vier Mann die Räume zu, in denen Robben Tempo hätte aufnehmen können. So wurde der Bayern-Stürmer ganz gegen seine Gewohnheit zum altruistischen Ballverteiler.

          Das Schaubild zu den Angriffsdritteln weist deutlich aus, dass sich Argentinien in der Verlängerung für eine radikale taktische Neuausrichtung im Offensivspiel entschieden hat: Die linke Angriffsseite wurde nun vollkommen vernachlässigt, stattdessen stürzte man sich - wie schon zu Spielbeginn - über die rechte Seite auf die linke Abwehrseite des Gegners. Zu Spielbeginn sahen die Argentinier dort in Daley Blind den Schwachpunkt, in der Verlängerung war der zur zweiten Halbzeit von der rechten auf die linke Abwehrseite gewechselte Dirk Kuyt aufgrund körperlicher Erschöpfung die Schwachstelle.

          Dank solchen Bemühens um Lösungen in einem sich  mehr und mehr zum taktischen Krampf entwickelnden Spiel hat Argentinien letztlich den Sieg etwas mehr verdient als die destruktiveren Holländer. Auch die Daten des Anbieters Opta legen den Schluss nahe, dass die Waage der Fortuna im Elfmeterschießen durchaus dem richtigen Team zuneigte:  Argentinien zeigte etwas mehr Bemühen um Spielkultur beispielsweise durch Mascherano.

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