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Algerien im Achtelfinale : Siegen – das steht im Vertrag

Algeriens in Frankreich geborene Nationalspieler: Stolz genug, für ihr Land zu kämpfen? Bild: dpa

Aus Hoffnungen werden Erwartungen: Der bosnische Trainer der algerischen Nationalmannschaft, Vahid Halilhodzic, soll mit seinem Team das Halbfinale erreichen. Das Land steht schon jetzt kopf.

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          Vahid Halilhodzic kämpft zurzeit um seinen Arbeitsplatz. Der Einzug der Algerier ins WM-Achtelfinale mag wie eine kleine Sensation anmuten. Aber wenn seine Arbeitgeber, die Funktionäre des algerischen Fußballverbandes, sich auf den Vertrag mit ihrem bosnischen Trainer berufen, dann ist selbst ein Sieg im WM-Achtelfinale gegen Deutschland am Montag nur ein weiterer kleiner Schritt Richtung Vertragsverlängerung. Dann steht er unter Druck.

          Halilhodzic, so sagt er das selbst, war ein bisschen blauäugig, als er vor drei Jahren bei den Algeriern unterschrieb. „Tatsache ist“, sagte er vor dem Beginn der Weltmeisterschaft in einem Interview mit dem englischen Magazin „The Blizzard“, „dass in meinem Vertrag steht, dass wir den Afrika-Cup 2013 gewinnen müssen und bei der Weltmeisterschaft ins Halbfinale kommen müssen.“ Er wolle nicht ins Detail gehen, wie es bei den Vertragsverhandlungen zuging, aber: „Das passiert mir nicht noch mal. Ich war ein bisschen naiv. Ich hatte das für einen Witz gehalten.“

          Vahid Halilhodzic hat unterschrieben, dass er das Halbfinale erreichen muss: „Ich hatte das für einen Witz gehalten“

          Vahid Halilhodzic hätte es besser wissen müssen, das ist ihm klar. Er ist viel herumgekommen im internationalen Fußballgeschäft, wie so viele Jugoslawen aus seiner Generation. Geboren vor 62 Jahren in Jablonica, saß der Fußballprofi bei der Weltmeisterschaft 1982 hauptsächlich auf der Bank, weil er für Velez Mostar gespielt hatte, 207 Ligaspiele, 103 Tore, aber eben nicht für einen der großen Klubs aus Belgrad, Zagreb oder Split. Inzwischen war er nach Nantes gewechselt, blieb in Frankreich, das zu seiner zweiten Heimat wurde.

          Er wurde Trainer und ging doch zurück nach Mostar, dann kam der Bürgerkrieg. Also wieder nach Frankreich, Lille, Rennes, Paris Saint-Germain zwischen 2003 und 2005, Trabzonspor, al-Ittihad im saudischen Dschidda, die Nationalmannschaft der Elfenbeinküste, Dinamo Zagreb. In der kroatischen Hauptstadt hatte er 2011 gerade das Double gewonnen, als die Algerier ihm das Angebot machten. Halilhodzic passte nicht auf und unterschrieb. Jetzt muss er das WM-Halbfinale erreichen. Oder?

          Ein Punkt gegen Russland reicht, um nun Deutschland angreifen zu können

          „Es steht ja auch im Vertrag“, sagte Halilhodzic im Interview mit „The Blizzard“, „dass ich Afrika-Meister werden sollte vergangenes Jahr. Als ich das Team übernommen habe, waren sie gerade mit 0:4 in der Qualifikation zur Afrika-Meisterschaft an Marokko gescheitert. Dann zu verlangen, dass man binnen zwölf Monaten den darauffolgenden Afrika-Cup gewinnen und ins WM-Halbfinale einziehen soll, ist ein bisschen unseriös.“

          Der Eindruck ist wahrscheinlich nicht ganz falsch, denn beim Afrika-Cup vergangenes Jahr wurde Algerien mit nur einem Unentschieden gegen die Elfenbeinküste Gruppenletzter. Von wegen Afrika-Meister. Trotzdem durfte Halilhodzic bleiben. Und nun ist mit ihm gelungen, was der algerischen Nationalmannschaft bei den WM-Teilnahmen 1982, 1986 und 2010 verwehrt geblieben war: der Einzug ins Achtelfinale.

          Also steht Algier kopf in diesen Tagen. Zehntausende verfolgten das 1:1 gegen Russland am Donnerstagabend auf Großbildleinwänden. Als der Schiedsrichter in Curitiba abpfiff, der Punkt für das Achtelfinale reichte, wurde der Lärm infernalisch. Böller explodierten, Feuerwerk schoss in den Himmel, Videos im Internet zeigen die Menschenmassen gleißend erleuchtet von bengalischen Feuern. „One, two three, viva l’Algérie“, singen die Fans in Curitiba, singen sie in Algier, Oran, Constantine.

          Der Fußball ist der vereinigende Faktor

          Das Land ist zerrissen von zahlreichen Konflikten, de jure angeführt vom greisen Präsidenten Bouteflika, de facto regiert vom Polizeiapparat und den Sicherheitsorganen. Und die Menschen lieben den Fußball, sie lieben ihn sehr. So sehr, dass es den Machthabern Angst macht. Zur letzten Parlamentswahl im Frühjahr 2012 wurde die Liga ausgesetzt, die Menschenmassen, die der Fußball produziert, sind dem algerischen Machtapparat grundsätzlich suspekt.

          16 Spieler des Kaders sind in Frankreich geboren

          Aber in Zeiten der Weltmeisterschaft stiftet die Nationalmannschaft Identität, Identität, die in anderen Zeiten vielen im Land zwangsweise aufgedrückt wird, den Berbern in der Kabylei, beispielsweise. Und es ist selbstverständlich kein Zufall, dass diese Identität nun überwiegend von Spielern gestiftet wird, für die Algerien vielleicht Heimat, sicher aber nicht Zuhause ist. Islam Slimani, Torschütze gegen die Russen, ist in Algier geboren. Yacine Brahimi in Paris, Sofiane Feghouli aus Levallois-Peret, Nabil Bentaleb in Lille. Und so weiter und so fort. 16 Spieler aus Halilhodzics Kader sind in Frankreich geboren, vor der WM zweifelte mancher in Algerien, ob sie stolz genug seien, um für Algerien spielen zu können.

          Identität ist ein komplizierter Begriff, seine Definition wechselt schnell. In Frankreich brannten in den Banlieues am Donnerstagabend Autos, Jugendliche, die nicht das Glück hatten, Fußballprofi zu werden randalierten, es soll 74 Festnahmen gegeben haben. Die einen randalieren, die anderen träumen, von mehr, von einem Sieg gegen Deutschland. Warum auch nicht? Zwei Spiele, zwei Siege: das berühmte 2:1 bei der WM 1982, der weniger bekannte 2:0-Sieg am Neujahrstag 1964 in Algier, da war das Land noch keine zwei Jahre unabhängig von Frankreich. Nun soll der dritte folgen, die Algerier machen aus Hoffnungen schnell Erwartungen. Vahid Halilhodzic hat es in seinem Vertrag stehen. Nach der WM, sagt er, will er entscheiden, ob er weitermacht in Algerien.

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