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Ästhetik des Fußballs : Das schöne Spiel

Die Aufteilung und Beherrschung des Raums als Voraussetzung von Schönheit und Erfolg Bild: Getty Images

Ob Tiki-Taka, One-Touch oder van Gaals Mondrian-Adaption: Welche Mannschaft repräsentiert das Stilideal unserer Zeit? Eine ästhetische Betrachtung des Fußballs kurz vor der Weltmeisterschaft.

          Fünf Tage noch, dann ist die Welt mal wieder alles, was der Ball ist. Am Freitag wird im südafrikanischen Johannesburg die 19. Fußballweltmeisterschaft eröffnet. 32 Mannschaften, 64 Spiele, ein Ziel. Ein deutscher Bezahlsender verspricht 24 Stunden Fußball am Tag, auf anderen Kanälen wird es auch mehr Sendeminuten als Pässe pro Spiel geben, und es wird so viel über die Stimmung, die Stadien, die Sicherheit, die Folklore, das ganze Drumherum geredet werden, dass das Spiel fast zur größten Nebensache der Welt wird.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das ist der Normalfall; so wie es normal ist, von einer WM nicht den schönsten Fußball zu erwarten, weil eine nationale Auswahl eben nie jenen Grad von blindem Verständnis erreicht wie eine Vereinsmannschaft. Aber eine WM ist nun mal die Fußball-Expo, ein Ort, an dem die Erwartungen zusammenschießen, eine große Projektionsfläche. Und da das Renommee des Weltmeistertitels nicht zu übertreffen ist, kann man auch schon mal fragen, wie sich denn der Erfolg zur Schönheit des Spiels verhält, weil diese an der Theke, auf der Tribüne und an der Taktiktafel der Maßstab ist, nach dem man schmutzige Siege, gerechte Unentschieden oder tragische Niederlagen beurteilt.

          Dramatischer und visuell abwechslungsreicher

          Was ein schönes Spiel ist, scheint sich von selbst zu verstehen. Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters, klar, und wenn das auch eher wie eine Flucht in die Beliebigkeit klingt, dann versteckt sich darin doch zumindest die Frage: Wo muss sich der Betrachter eigentlich aufhalten, um die Schönheit des Spiels wahrzunehmen? Vorm Fernsehschirm oder im Stadion? Auf Höhe des Spielfelds, also gewissermaßen auf der Trainerbank, oder oben, unterm Tribünendach?

          Endspielort: das Soccer-City-Stadion in Johannesburg

          Es gibt keine einzelne, privilegierte Perspektive auf das Spiel, die mehr Einsicht garantierte; es gibt allerdings längst zwei Spiele, wenn man von der Ästhetik des Fußballs redet: die Fernsehsportart und das Spiel im Stadion; die Wahrnehmung mit bloßem Auge und die Wahrnehmung durch das Auge der Kamera. Fußball im Fernsehen ist eine besondere Spielart von Reality TV: eine Inszenierung, bei der die Weltregie im Sendezentrum die Bilder von bis zu dreißig Kameras live montiert. Im Stadion dagegen bleibt die Perspektive des Zuschauers auf das Feld neunzig Minuten lang nahezu gleich. Das menschliche Gesichtsfeld erfasst jeweils einen Winkel von etwa 120 Grad, ohne Schnitt, ohne wechselnde Bildgrößen.

          Das Fernsehen kann ein Spiel dramatischer und visuell abwechslungsreicher erscheinen lassen. Wie etwa 2006, im Finale, als Zinédine Zidane nach seinem Platzverweis in die Kabine ging, vorbei am Pokal, den er mit einem kurzen Blick streifte. Im Stadion war das nur von wenigen Plätzen aus zu sehen. Vorm Fernsehschirm war es ein klassischer Spielfilmmoment, eine Emotionalisierung, die nur peripher zum Spiel gehört, aber die Wahrnehmung des Spiels durch den Zuschauer zusätzlich auflädt. So dass, wer darüber ein ästhetisches Urteil fällt, Inszenierung und realen Spielverlauf überblendet.

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