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Mo Salah : Volksheld und Staatsfeind

  • -Aktualisiert am

Beim Barte des Fußballstars: Ganz Ägypten verehrt Salah Bild: AFP

Mo Salah und sein Mentor verkörpern die tödliche Gemengelage aus Sport und Politik im fußballverrückten Ägypten. Heute endet bei der Weltmeisterschaft die Schonzeit des Superstars.

          Die beiden größten ägyptischen Fußballspieler werden sich in diesen Tagen in Russland vermutlich über den Weg laufen: Der Star der Nationalmannschaft, Mohamed Salah, der im ersten Gruppenspiel geschont wurde und an diesem Dienstag trotz lädierter Schulter sein Land gegen Russland (20 Uhr, ZDF) zum Sieg und anschließend ins Achtelfinale führen soll. Und Mohamed Aboutreika, Ägyptens Fußballheld aus der Zeit vor Salah, der während der WM als Experte fürs arabische Bezahlfernsehen arbeitet.

          Salah und Aboutreika verbindet weit mehr, als es bei solchen Treffen zweier Fußballstars üblich ist. Denn der Altstar war Salahs Kindheitsidol, später eine Art Mentor des aufstrebenden Talents und ist heute ein enger Freund des Liverpooler Angreifers. Eine schöne Geschichte, eigentlich. Und trotzdem dürfte der Fußballverband, ja sogar Ägyptens Regierung hoffen, dass nicht allzu viele Selfies gepostet werden, sollten die beiden sich tatsächlich begegnen. Vielleicht schafft es der Verband sogar, Salah gänzlich abzuschirmen.

          Denn die schöne Geschichte hat einen Makel: Auf der einen Seite ist da Salah, der Strahlemann, in dessen Licht sich gerade alle Ägypter sonnen. Ihn als „Volkshelden“ zu titulieren, klingt spätestens seit er Ägypten zur ersten WM-Teilnahme seit 1990 schoss, fast untertrieben. Salah ist überall im Land zu sehen, und sei es nur als Graffiti, Sticker oder blinkendes Plastikspielzeug. Auf der anderen Seite steht Aboutreika, einst Ägyptens Superstar, heute im Abseits. Eine tragische Figur, die, auch wenn dem 39-Jährigen viele Fans geblieben sind, ihren Status als Volksheld in den politischen Wirren der vergangenen Jahre eingebüßt hat. Aboutreika ist das mahnende Beispiel. Denn nichts fürchten die Ägypter mehr, als dass auch Salah irgendwann von der Politik zerrieben werden könnte wie sein Vorbild.

          Fussball-WM 2018

          Seit der Revolution am Nil vor mittlerweile gut sieben Jahren ist der Fußball in Ägypten hoch politisch. Begonnen hat es damit, dass sich die eigentlich verfeindeten Ultra-Gruppen der großen Kairoer Vereine, Al Ahly und Zamalek, gemeinsam bei den Demonstranten am Tahrir-Platz hervortaten. 2012 rächten sich die Anhänger des mittlerweile gestürzten Diktators Hosni Mubarak während eines Fußballspiels in Port Said. „Fans“ der regimetreuen Heimmannschaft begingen ein Massaker an Al-Ahly-Anhängern, bei dem 74 Menschen starben. Darunter solche, die schwer verletzt mit den Spielern in die Katakomben des Stadions geflüchtet waren. In Aboutreikas Armen, so wurde berichtet, starb an jenem Abend ein Jugendlicher.

          Aboutreika lebt im Exil

          Der Mittelfeldspieler galt einmal als Ägyptens Antwort auf Zinédine Zidane und als einer der größten privaten Wohltäter des Landes. Er war nicht nur bei Fußballfans beliebt wegen seines frommen Charakters, seiner Bescheidenheit und Treue. Nie hatte er, Mitte der 2000er Jahre einer der besten Spieler Afrikas, seine Heimat für einen lukrativen Vertrag in Europa verlassen. Heute hingegen ist er stigmatisiert als Unterstützer der Muslimbruderschaft, als Gegner der Regierung, der sich weigerte, aus den Händen des Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi Ehrungen entgegenzunehmen. Der Staat hat ihn vor einem Jahr auf Terrorlisten gesetzt, Aboutreika lebt im Exil.

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