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Debakel im WM-Halbfinale : Ein Abend wie ein Begräbnis für Brasilien

Dieses Ergebnis wird sich tief in Brasiliens Fußballseele einbrennen Bild: REUTERS

Der Offensivplan von Brasiliens Trainers Luiz Felipe Scolari scheitert fürchterlich schnell. Die Seleção erlebt beim 1:7 gegen Deutschland den größten Albtraum des brasilianischen Fußballs seit 1950.

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          „Forca Neymar“ stand auf den Kappen, die alle brasilianischen Spieler beim Eintreffen im Estadio Mineirão getragen hatten – alle außer Dante, der nur sein breites Lachen trug. Die Forca Neymar, die Kraft Neymars, sie sollte die „Seleção“ wenn schon nicht spielerisch, so doch spirituell beflügeln. „Er hat uns verlassen, aber vieles von sich bei uns gelassen“, sagte Trainer Luiz Felipe Scolari. „Jeder muss jetzt ein bisschen Neymar sein. Wir spielen für unser Land, für alles, woran wir glauben und wovon wir träumen.“

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Neymar selbst, der verletzte Superstar, hatte weitsichtig darauf verzichtet, nach Belo Horizonte zu kommen. So erlebte er am Fernseher in Sao Paulo, wie der große Traum sich in weniger als einer halben Stunde in einen noch größeren Albtraum verwandelte – den größten des brasilianischen Fußballs seit 1950. Damals kostete die finale Niederlage gegen Uruguay im Maracanã von Rio den sicher geglaubten Titel bei der ersten Heim-WM der Brasilianer.

          Der Abend von Belo Horizonte könnte nun noch schmerzlichere Spuren im kollektiven Gedächtnis der immer noch größten Fußballnation der Welt hinterlassen. Die Schmach von damals trägt seit 64 Jahren den Namen „Maracanazo“. Der von heute gab die Zeitung „O Globo“ noch während des Spiels den Namen „Schande von Mineirão“.

          Schon nach dem 0:3 von Toni Kroos sah man die ersten Zuschauer den Ort der Schande verlassen. Viele der Dagebliebenen hatten Tränen in den Augen. Die Spieler schauten sich an wie bei einem Begräbnis. Wie auf einem Friedhof wäre da auch die Stimmung im Stadion gewesen, hätten nicht die deutschen Fans „Oh, wie ist das schön“ skandiert.

          90 Minuten voller Leiden: Marcelo kann das brasilianische Debakel nicht mehr ertragen Bilderstrecke

          Erst nach dem 0:5 brach sich da und dort Galgenhumor der Gastgeber Bahn, und auf den Rängen wurde kurz „El brasileiro“, bisher der Stadion-Hit des WM-Sommers, gesungen. Doch dann überwog der Missmut, vor allem gegen den hölzernen Mittelstürmer Fred, der für seine Stolperer und kraftlosen Schussversuche ausgepfiffen und beschimpft wurde. Als die Seleção 2002 im WM-Finale die Deutschen schlug, hatte sie auf dieser Position noch einen von ganz anderem Kaliber, Ronaldo, den weltbesten Mittelstürmer der letzten zwanzig Jahre. Doch auch er war ein Verlierer des Abends. Mit dem zweiten deutschen Treffer verlor Ronaldo seinen Rekord für die meisten erzielten WM-Tore (15) an Miroslav Klose (nun 16).

          Wie im Eröffnungsspiel wurde auch Staatspräsidentin Dilma Rousseff in Sprechchören beschimpft. Dabei konnte sie nun wirklich nichts für die größte Demontage, die eine Seleção je vor eigenem Publikum erlebt hat. Als nächster dürfte der bisher populäre Scolari unter das öffentliche Tribunal der nationalen Empörung geraten – für die freud- und fruchtlose Taktik, die er seiner Mannschaft verschrieben hat. Es war die völlige Abkehr vom „jogo bonito“, dem schönen brasilianischen Spiel, die nur dann toleriert wird, wenn sie mit Erfolg einhergeht.

          Ohne jeden Erfolg blieb Scolaris Idee, als Vertreter Neymars den 1,66 Meter kleinen Rechtsaußen Bernard zu bringen. Es war die Rückkehr des früheren Publikumslieblings in sein altes Heimstadion, in dem er mit Atletico Mineiro vor einem Jahr die Copa Libertadores gewonnen, das südamerikanische Pendant zur Champions League, ehe er zu Schachtjor Donezk wechselte. Doch der Jubel der Fans, als Bernards Name genannt wurde, blieb der einzige der Brasilianer an diesem Abend.

          Die Gelb-Blauen, nach der Pause mit vereinzelten Buhrufen empfangen, mühten sich danach redlich, ihr Gesicht zu wahren, vergeblich. Nach André Schürrle Traumtor zum 0:7 wechselte das Publikum die Seiten und applaudierte der Fußballkunst, die ihr eigenes Team ihnen nicht bieten konnte.

          Es war die erste Heimniederlage der Seleção in einer Wettkampf-Partie (WM, Copa America, Confed Cup plus Qualifikationsspiele) seit 39 Jahren. Doch es war viel mehr als das, es war „eine Demütigung“, wie die Sportzeitung „Lance“ schon zur Halbzeit schrieb. Und auch eine Demontage des altbackenen taktischen Modells von Scolari, dessen Team ohne taugliche defensive Absicherung früh die totale Offensive suchte und dann unterging wie die „Titanic“, nur schneller. Während der Luxusdampfer sich noch zwei Stunden über Wasser hielt, versank der alte Glanz der Seleção binnen 18 Minuten – zwischen dem 0:1 durch den bei einer Ecke völlig vergessenen Thomas Müller und dem 0:5, bei dem Özil und Khedira mit der Abwehr um Aushilfs-Verteidiger Dante Katz und Maus spielten.

          Bei den „Simpsons“, der berühmtesten Comic-Familie der Welt, war das große WM-Duell übrigens schon vorher gelaufen – in einer Folge kurz vor der WM entschied Homer Simpson als Schiedsrichter die Partie zugunsten Deutschlands, als er ein Foul an dem Neymar ähnelnden Schwalbenkönig „El Divo“ nicht pfeift. In Wirklichkeit brauchten die Deutschen an diesem historischen Fußballtag die Hilfe des Schiedsrichters nicht. Den Brasilianern hätte sowieso niemand helfen können. Auch kein Neymar.

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