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1:0 gegen Chile : Deutscher WM-Stimmungskiller

Keine große Begeisterung: Lahm (links) und Schweinsteiger schleichen vom Platz Bild: dpa

Die deutsche Fußball-Nationalelf gewinnt zwar das Testspiel gegen Chile mit 1:0 durch ein Tor von Götze. Zufrieden kann Bundestrainer Löw mit der Leistung aber nicht sein. Die Fans pfeifen.

          3 Min.

          In den letzten Tagen und Wochen war der Bundestrainer durch ziemlich düstere Gedanken und missmutige Miene aufgefallen, wenn er über den aktuellen Zustand der Nationalmannschaft und ihre ach so großen Personalprobleme und angeblich eingetrübten Aussichten bei der Weltmeisterschaft räsonierte.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          All die Appelle, die Joachim Löw daher glaubte an seine Mannschaft richten zu müssen – nämlich die Konzentration und Kapazitäten nun ganz verstärkt auf das Turnier und die Vorbereitung zu richten – zeigten zumindest gegen Chile keine Wirkung.

          Die deutsche Mannschaft gewann zwar durch einen schönen Treffer von Mario Götze mit 1:0 (16. Minute), aber wie der WM-Mitfavorit zu diesem Sieg kam, konnte er sich selbst kaum erklären. Nach dem Bundestrainer produzierte in Stuttgart nun auch die Mannschaft im ersten und einzigen Testspiel bis zur unmittelbaren Vorbereitung einen WM-Stimmungskiller.

          Chile war schon in der ersten Halbzeit das bessere und engagiertere Team. In der zweiten Halbzeit wirbelten die Südamerikaner eine deutsche Mannschaft durcheinander, wie man das seit der Europameisterschaft 2012 trotz aller Ankündigungen, für Stabilität zu sorgen, immer wieder zu sehen bekommt.

          Chile versäumte es allerdings, durch Schwächen im Abschluss für die Verhältnisse zu sorgen, die der Spielverlauf nahe legte. Das Team der Hochbegabten um Rückkehrer Schweinsteiger war auch nicht in der Lage, den Raum, den Chile bei seinem Drängen auf den Ausgleich gewährte, auch nur mit einem bisschen Esprit und Entschlossenheit zu nutzen.

          Immerhin gewonnen. Vor der deutschen Elf liegt aber noch viel Arbeit Bilderstrecke

          Es war jedenfalls schon sehr erstaunlich, wie eine Mannschaft mit sechs Bayern-Spielern (Neuer, Boateng, Lahm, Schweinsteiger, Kroos und Götze) von Beginn an derart passiv und uninspiriert im Zusammenspiel mit ihren vereinsfremden Kollegen auftrat. Man konnte auch sagen: dem deutschen Spiel fehlte eine ganz Menge jener Struktur, Spielstärke und Sicherheit, die das Bayern-Spiel nun schon seit Monaten mit enormer Verlässlichkeit auszeichnet.

          Die Spielanlage von Löws Team wirkte in Stuttgart fast schon altertümlich; von hochstehender Verteidigung und aufrückenden Innenverteidigern, die den Gegner schon in der eigenen Hälfte attackieren, war nichts zu sehen – außer wenn Chile zur kollektiven Balleroberung ansetzte.

          Die Abwehr ließ sich dagegen vergleichsweise weit zurückfallen, oder besser: sie wurde von den Südamerikanern weit zurückgedrängt, weil die gesamte deutsche Defensivarbeit schon in den vorderen Regionen viel zu halbherzig und passiv ausfiel. Vor allem die Bayern-Spieler dürften sich gewundert haben, dass es auch für sie noch Spiele ohne erdrückenden eigenen Ballbesitz gibt. Chile dominierte im Mittelfeld mit personeller Überlegenheit und entsprechendem Ballbesitz.

          Die Schwierigkeiten des deutschen Teams wurden schon früh sichtbar, als der kurz danach mit einem Bänderriss im linken Sprunggelenk ausgewechselte Marcell Jansen als linker Verteidiger den ersten Schwindelanfall im direkten Duell auf seiner sperrangelweiten offenen Seite erlebte. In der neunten Minute stand dann immerhin Lahm nach einem Eckball genau richtig auf der Torlinie, um einen Kopfball von Vidal abzuwehren.

          Der Spielplan der Fußball-WM 2014 in Brasilien

          Sein öffnender Pass auf Schweinsteiger (13.) sorgte wiederum für so etwas wie einen ersten zarten deutschen Gefahrenmoment. Bei der ersten richtigen Torchance belohnte sich das DFB-Team dann aber gleich ganz konsequent mit der Führung. Özil spielte im Strafraum Götze frei, der den Ball nahezu aus dem Stand unerreichbar ins Tor schoss.

          Aber der Treffer gab dem deutschen Spiel nicht die Sicherheit, die sich der Bundestrainer, das Team und auch die Zuschauer drei Monate vor der WM gewünscht hatten. Die Chilenen verhinderten immer wieder durch konsequentes Attackieren einen geordneten deutschen Spielaufbau. Sie versäumten es aber, ihrem mutigen Spiel mit einem Treffer den nötigen Nachdruck zu verleihen.

          Löw wusste nicht wohin mit seinem Ärger

          In der 26. Minute zwangen sie die Deutschen wieder zu zahlreichen Pässen in der Viererkette mitsamt Manuel Neuer. Aber das erzwungene unpräzise Zuspiel des Torhüters nutzte der freistehende Vidal nur zu einem harmlosen Schüsschen aus rund zehn Metern.

          In der zweiten Halbzeit landete in der 61. Minute nach einer zielstrebigen Kombination, mit der gleich drei Chilenen im Strafraum freigespielt wurden, der Schuss von Eduardo Vargas an der Unterkante der Latte. Der Bundestrainer wusste in diesem Moment in seiner Coaching-Zone gar nicht mehr wohin mit seinem verzweifelten Ärger.

          Nachlaufen, kein weltmeisterlicher Fußball

          Die Mängelliste des Abends hatte es jedenfalls in sich. Nach siebzig Minuten pfiffen die Zuschauer auf ein Team, das sich erschreckend oft ausspielen ließ, im Mittelfeld kaum Bälle eroberte und trotz seiner versammelten Kreativität kaum einen lichten Moment vorweisen konnte. Klose wirkte im Sturm wie verloren, und auch für Schürrle, der nach der Pause kam, wurde es nicht besser.

          Die Deutschen verteidigten nur mit allergrößter Mühe ihren glücklichen Vorsprung – sie spielten gegen Chile nur Nachlaufen, nicht weltmeisterlichen Fußball. Und als der enttäuschende und enttäuschte Mesut Özil in der 89. Minute den Platz verließ, begleitete den vor dem Anpfiff zum „Nationalspieler 2013“ gewählten Mittelfeldspieler nur ein Pfeifkonzert in Richtung WM – und nach dem Schlusspfiff die gesamte Mannschaft.

          Deutschland - Chile 1:0 (1:0)

          Deutschland: Neuer (Bayern München/27 Jahre/45 Länderspiele) - Großkreutz (Borussia Dortmund/25/4), Mertesacker (FC Arsenal/29/96), Boateng (Bayern München/25/37), Jansen (Hamburger SV/28/45 - 24. Schmelzer/Borussia Dortmund/26/16) - Lahm (Bayern München/30/105), Schweinsteiger (Bayern München/29/101) - Özil (FC Arsenal/25/53 - 89. Ginter/SC Freiburg/20/1), Kroos (Bayern München/24/42), Götze (Bayern München/21/27 - 83. Podolski/FC Arsenal/28/112) - Klose (Lazio Rom/35/131 - 46. Schürrle/FC Chelsea/23/31)
          Chile: Herrera (Universidad de Chile/32/7) - Isla (Juventus Turin/25/37), Medel (Cardiff City/26/49), Jara (Nottingham Forest/28/56), Beausejour (Wigan Athletic/29/48 - 76. Valdivia/Palmeiras São Paulo/30/56) - Gutiérrez (Twente Enschede/23/12) - Aránguiz (Internacional Porto Alegre/24/18 - 80. Orellana/Celta Vigo/28/24), Vidal (Juventus Turin/26/51 - 90. Fernández/AC Florenz/27/60), Silva (CA Osasuna/28/8 - 83. Marcos Gonzáles/Flamengo Rio de Janeiro/33/27) - Alexis Sánchez (FC Barcelona/25/64), Vargas (FC Valencia/24/24 - 86. Pinilla/Cagliari Calcio/30/25)
          Schiedsrichter: Clattenburg (England)
          Zuschauer: 54.449
          Tor: 1:0 Götze (16.)
          Gelbe Karten: - / Gutiérrez

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