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0:1 gegen die Schweiz : Spanien scheitert an Hitzfelds Wand

Fassungslose Iberer (v.l.): Joan Capdevila, Iker Casillas und Carles Puyol Bild: dpa

Der WM-Favorit startet mit einer Niederlage ins Turnier: Europameister Spanien ist drückend überlegen - und muss doch eine 0:1-Niederlage gegen die Schweiz hinnehmen. Fernandes beschert den Eidgenossen einen historischen Tag.

          3 Min.

          Er wurde vor 23 Jahren auf den Kapverdischen Inseln geboren, seine Muttersprache ist Portugiesisch. Doch es ist die Schweiz, der Gelson Fernandes am Mittwoch einen historischen Tag beschert hat - und der Weltmeisterschaft 2010 ihre erste Überraschung. Mit seinem Tor zum 1:0 in der 52. Minute bescherte Fernandes der Schweiz den ersten Sieg in ihrer Fußballgeschichte gegen Spanien, nach 18 Partien ohne Erfolg.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Für den über weite Strecken hoch überlegenen Europameister und WM-Favoriten war es erst die zweite Niederlage überhaupt in den letzten vier Jahren. 34 der letzten 35 Spiele hatte Spanien gewonnen und nur gegen die Vereinigten Staaten beim Confederations Cup 2009 verloren. Damit setzte sich die Negativserie der von der Finanzkrise gebeutelten Länder Südeuropas bei dieser Fußball-WM fort. Denn Portugal und Italien hatten nur remis gespielt und Griechenland eine Niederlage erlitten.

          Vor dem Spiel gab es eine Umarmung zwischen Ottmar Hitzfeld und Vicente del Bosque, die sich von 2000 bis 2002 achtmal mit Bayern München und Real Madrid gegenüber gestanden und dabei schätzen gelernt hatten. Die beiden Trainer, die im Vereinsfußball alles gewonnen haben, wechselten mit knapp sechzig Jahren auf den ruhigeren Posten eines Nationaltrainers und bestreiten nun ihre erste Weltmeisterschaft.

          Neue Frisur bringt kein Glück: Fernando Torres

          Die Aufgabe, den großen WM-Favoriten zu stoppen, hatte die Schweiz ohne den verletzten Valon Behrami angehen müssen und auch ohne Kapitän Alexander Frei, den der Leverkusener Eren Derdiyok hervorragend ersetzte. Spanien lief ohne Sturmstar Fernando Torres auf, den del Bosque nach längere Verletzungspause zunächst noch schonte. Dafür kehrte Andres Iniesta in das mit fünf Spielern besetzte beste Mittelfeld der Welt zurück, vor dem David Villa als einzige Spitze platziert war.

          Die Spanier kontrollierten den Ball, die Schweizer verengten den Raum

          Von Beginn an entwickelte sich ein Spiel, in dem die Rollen den Erwartungen und den Kräfteverhältnissen entsprechend klar verteilt waren: Die Spanier kontrollierten den Ball, die Schweizer versuchten mit zumeist elf Mann hinter dem Ball den Raum zu verengen, um der rot-gelben Kombinationsmaschine die Luftlöcher für ihren inzwischen weltberühmten Zickzack-Passfußball zu nehmen.

          In der 10. Minute kam Villa erstmals links durch, doch Torwart Diego Benaglio vom VfL Wolfsburg tauchte schnell genug ab, um ihm den Ball vom Fuß zu nehmen. Als acht Minuten später Außenverteidiger Sergio Ramos von rechts in den Schweizer Strafraum eindrang, suchte er zu hastig und zu egoistisch den Abschluss, statt den Ball zu einem besser platzierten Kollegen zu spielen. Zur Strafe gab es eine Belehrung durch Xavi, den Chef des spanischen Spiels. Allerdings neigten die Spanier eher zum Gegenteil, eher dazu, den Ball ins Tor kombinieren zu wollen, statt den zügigen Abschluss zu suchen.

          Die Schweizer warfen alles in den Weg

          Ähnlich agierte auch Verteidiger Gerard Pique bei der besten Chance der ersten Halbzeit, als er in der 24. Minute von Iniesta mit einem feinen Pass im Strafraum frei gespielt wurde - er entschied sich, statt sofort aus knapp zehn Metern zu schießen, erst noch Verteidiger Stephane Grichting aussteigen zu lassen, was gelang, aber Torwart Diego Benaglio die Zeit gab, ihm den Raum für seinen Schuss entscheidend abzuschneiden.

          Und die Schweizer? Sie ließen Hitzfeld mit ihrem meist planlosen Aufbau und den raschen Ballverlusten immer wieder mit genervtem Gesichtsausdruck an der Seitenlinie auftauchen. Die einzige Szene, die vor der Pause ein wenig Gefahr fürs spanische Tor erzeugte, war in der 26. Minute ein Zwanzig-Meter-Freistoß von Reto Ziegler. Iker Casillas bekam den Aufsetzer im Nachfassen in den Griff.

          Fernandes fiel das Glück vor die Füße

          Nach der Pause bot sich zunächst das gleiche Bild. Grichting per Kopf nach Schuss Alonso, Benaglio per Hand gegen den heran fliegenden Ramos - die Schweizer warfen alles, was sie hatten, dem drängenden Favoriten in den Weg. Und sie wurden belohnt. Nach einem weiten Schlag nach vorn fiel der Ball Derdiyok in den Lauf, der durch die unsortierte Deckung spurten konnte, ehe ihn Torwart Iker Casillas bremste. Im Duell um den Nachschuss setzte sich Gelson Fernandes im zweiten Versuch gegen Pique durch und brachte den Außenseiter völlig überraschend in Führung. Der glänzende Benaglio verteidigte den Vorsprung mit einer mutigen Rettungsaktion gegen Villa.

          Del Bosque brachte Torres als zweiten Angreifer; der neben Rooney und Drogba beste Mittelstürmer der Welt sollte die Partie drehen. Nach 69 Minuten drehte er sich um die eigene Achse, traf den Ball aus fünfzehn Metern aber zu ungenau. Auf der Gegenseite kam Blaise Nkufo auf Flanke von Derdiyok zu einem gefährlichen Kopfball. In der 70. wackelten Vorsprung und Gehäuse der Schweizer, als Xavi eine Ecke flach in den Rückraum auf Xabi Alonso zirkelte. Dessen Direktschuss krachte an die Unterkante der Latte.

          In der dramatischen Schlussphase beeindruckte Derdiyok mit einem gekonnten Dribbling, bei dem er drei Abwehrspieler und Torwart Casillas aussteigen ließ, aber am rechten Pfosten scheiterte. Der eingewechselte Jesus Navas zirkelte einen wunderschönen Distanzschuss mit dem Außenrist um Zentimeter am Pfosten vorbei. Die Spanier probierten alles, es half nichts. Unter dem Klingeln der Kuhglocken, die sogar die Vuvuzelas übertönten, hatte die WM endlich eine aufregende Geschichte.

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