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Fußball-WM in Brasilien : „Der Protest wird explodieren“

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Maske und Gegenmacht: „Ordnung und Fortschritt“ heißt es auf der Nationalflagge. Dieser brasilianische Demonstrant hat davon sein eigenes Verständnis Bild: AFP

In Brasilien organisiert sich der Widerstand gegen die Fußball-WM 2014. Erstmals könnte ein globales Sportspektakel breitflächig als Plattform für den Sozialprotest eines Landes genutzt werden.

          5 Min.

          Ein lauer Frühlingsabend in Lapa. Morgen ist Feiertag, und die Menschen strömen auf die Straße. Das Viertel mit seinen vielen Kneipen, Bars, Restaurants und Clubs im Zentrum von Rio de Janeiro wird jetzt von den Nachtschwärmern erobert. Ein Mann zieht sein klappriges Wägelchen, darauf eine große Musikbox, durch die Menschenmenge. Samba-Sound donnert aus dem Lautsprecher, er hofft auf ein paar Reais in der Kasse.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Hier herrscht die absolute Demokratie. Da mischen sich Reiche, Arme, Lebenskünstler, Bettler, Junkies, Prostituierte. Und alle kommen gut miteinander aus“, sagt Gustavo Mehl, als er doch noch in seine Lieblingspizzeria gekommen ist. „Es gibt viel vorzubereiten“, entschuldigt er sich und braucht gar nicht lange, um auf das Thema zu kommen. „Wir werden im nächsten Jahr auf der Straße stehen. Der Protest wird explodieren“, sagt er.

          Er ist dreißig Jahre alt, studierter Stadtplaner und einer der Organisatoren des sogenannten Volkskomitees WM und Olympia – des Comitê Popular. Ein echter Carioca, wie die Einwohner Rio de Janeiros genannt werden, mit wildem Wuschelkopf. Mehl ist zwei Blöcke entfernt vom legendären Maracanã-Stadion aufgewachsen. Ein leidenschaftlicher Fußballfan und Anhänger des Klubs Vasco da Gama.

          Mehl gehört zu den wichtigsten Stimmen der Protestbewegung. Sie kritisiert das Milliardengeschäft mit dem WM-Turnier, prangert Korruption und Misswirtschaft der Politiker und Funktionäre an. Die Bewegung fordert den Staat, aber auch den Internationalen Fußball-Verband (Fifa) als Veranstalter der WM 2014 so sehr heraus, dass die Politik fürchtet, die WM könne im Chaos enden.

          Auch bei der Auslosung soll es Proteste geben

          Beim Confederations Cup im Juni schaute die Welt auf Brasilien, als in den größeren Städten des Landes Massendemonstrationen stattfanden. Gegen viele Missstände: das schlechte Gesundheits- und Bildungssystem, die marode Infrastruktur, ein heruntergekommenes Transportwesen, zu hohe Ticketpreise im Nahverkehr, geringe Löhne, Wohnungsnot, Preiswucher in den Metropolen. Die Polizei fiel durch überzogenen Einsatz von Tränengas, Gummigeschossen und Knüppeln auf, der Bürgerprotest eskalierte in Straßenschlachten. Staatspräsidentin Dilma Rousseff strengte eiligst einige Reformen an, doch es blieb bei oberflächlichen Korrekturen.

          Am kommenden Freitag findet im Küstenort Costa do Sauípe (Bundesstaat Bahia) die Gruppenauslosung für das WM-Endturnier statt. Auch da wollen die Bürger aufbegehren. „Wir sind gegen das Modell dieser Megasportveranstaltungen, die nur einigen korrupten Eliten im Lande, großen Konzernen und einer fragwürdigen Organisation wie der Fifa nutzen. Sie alle zusammen scheffeln auf unsere Kosten die Milliarden“, sagt Mehl.

          Masse und Macht: Brasilien kann sich auch ganz schön freuen

          Die Aufgabe für das WM-Organisationsbüro der Brasilianer (Loc), welches für die Fifa das Turnier umsetzt, wird dadurch nicht leichter. Diese Woche krachte noch ein Kran auf die Tribüne des Stadions in São Paulo und beschädigte Teile der neuen Arena. Zwei Arbeiter kamen ums Leben. Der Zeitplan hängt hinterher. Auch an anderen WM-Orten gibt es Verzögerungen.

          Und dann die Proteste. Saint-Clair Milesi hat einen der schwierigsten Jobs. Er muss versuchen, die vielen Brandherde in der öffentlichen Wahrnehmung einzudämmen. Der PR-Chef des Loc ist fürs Schönreden zuständig. „Wir sind auf dem richtigen Weg. Die Dinge entwickeln sich gut. Die WM wird Brasilien voranbringen“, sagt der ehemalige Journalist.

          „Damit können wir doch sehr zufrieden sein“

          Die WM-Organisatoren sitzen draußen im Grünen, in Barra da Tiuja, im Westen Rios, wo die Reichen in den Hochhaustürmen ihre Penthousewohnungen mit Blick aufs Meer besitzen, eingebettet zwischen zwei Lagunen. Hier entsteht auch der Olympiapark für 2016. Der Moloch mit Staus, Abgasen, Gewusel und vielen Problemen ist einige Tunnel weit entfernt.

          Die Fahrt aus dem Zentrum dauert durch den stockenden Verkehr eine halbe Ewigkeit. Der Taxifahrer flucht, schimpft auf die unfähige Regierung, die schlechten Straßen und zeigt auf teure Bausünden in der Landschaft, die Hunderte Millionen verschlungen haben und korrupte Politiker zu verantworten hätten. Ein Desaster.

          WM-Verkäufer Milesi schmunzelt. Er glaubt, dass die Stimmung schon ins Positive umschwenken wird, wenn im nächsten Juni der Ball erst mal rollt. Das sei doch so wie in Deutschland 2006. „Unsere Umfragen zeigen, dass 63 Prozent der Brasilianer für das Turnier sind. Damit können wir doch sehr zufrieden sein“, sagt Milesi. Es stellt sich die Frage, ob dieses Ergebnis für eine fußballverrückte Nation wie Brasilien wirklich so toll ist.

          Leute aus der WM-Opposition lachen, wenn sie diese Zahl hören. „Ein Witz. Die Fifa und die WM-Organisatoren sollten lieber erklären, weshalb fast 40 Prozent des Landes dagegen sind“, sagt Chris Gaffney. Der Texaner ist seit vier Jahren Gastprofessor für Geographie an der Universität von Rio de Janeiro und engagiert sich wie Mehl an vorderster Front im Comitê Popular.

          „Den Raum wird sich das Volk zurückerobern“

          Auch er ist Fußballfan, aber will im nächsten Jahr auf die Straße und nicht ins Stadion gehen. Gaffney prophezeit einen Sturm, der über das fünftgrößte Land der Erde fegen wird. „Den öffentlichen Raum, den sich die Fifa mit ihren brasilianischen Helfern und den Großsponsoren unter den Nagel gerissen hat, wird sich das Volk zurückerobern“, sagt er.

          Wöchentlich würden in den WM-Städten Sitzungen der Protestgruppen stattfinden. Verschiedenste Gruppen engagieren sich: Studenten, Lehrer, Ärzte, Mietervereinigungen, Menschenrechtsgruppen, Menschen aus den Elendsquartieren der Großstädte, Fußballfans, Fifa- und Olympia-Kritiker. Jeder hat seine eigene Agenda. Erstmals könnte ein globales Sportspektakel so breitflächig als Plattform für den Sozialprotest genutzt werden.

          Fifa-Präsident Joseph Blatter gab auch nicht immer das beste Bild ab

          Bisher suchten weder der Staat noch die Fußball-Organisatoren einen ernsthaften Dialog, sagen die Vertreter der Bewegung. Sie sind enttäuscht. „Es ist nicht so, dass wir Brasilien die WM aufgezwungen hätten“, spottete Fifa-Chef Joseph Blatter im Juni während der Straßenschlachten beim Confederations Cup. Das kam nicht gut an. Die Befürchtung besteht, dass Polizei und Sicherheitskräfte schlecht vorbereitet in die heißen WM-Wochen gehen und wieder nur versuchen werden, die Proteste brutal niederzuknüppeln.

          Nach verschiedensten Vorfällen gibt es große Bedenken. Ein Maurer aus einer der Favelas von Rio wurde im Juli von der Polizei mitgenommen und ist seither verschwunden. Ermittler gehen davon aus, dass er von Polizisten gefoltert und getötet wurde. Die Organisation Human Rights Watch beklagt, dass gezielte Tötungen der Polizei, die in den Favelas gegen die Drogenkriminalität ankämpft, kaum geahndet werden.

          „In dunklen Limousinen durch die Stadt“

          Im Oktober war es in São Paulo nach dem Tod eines Jugendlichen bei einem Polizeieinsatz zu schweren Ausschreitungen gekommen. „Es stellt sich die Frage, ob die Polizei bei der WM die richtigen Mittel anwenden wird, wenn es wieder zu Protesten kommt. Das kann man bezweifeln. Es gibt dort nicht unbedingt Strategien zur Deeskalation, wie es bei Großveranstaltungen in Europa üblich ist“, sagt der Anthropologe und Buchautor Martin Curi.

          Der Bayer lebt seit vielen Jahren in Rio und hat an der Universität einen Forschungsauftrag zur WM. Der profunde Kenner des brasilianischen Fußballs hat schon bei mehreren Turnieren als Fanbetreuer mitgewirkt und weiß um die Konflikte auf der Straße vor den Stadien. Als Gastredner bei der Polizeiakademie in Rio verspürte Curi jedoch kürzlich wenig Interesse des Auditoriums.

          Bewaffnete Kontrolle: Alltag in den Favelas von Rio de Janeiro

          An Rios Vorzeigestrand ist von den ganzen Problemen nichts zu spüren. Die Menschen an der Copacabana genießen das vorsommerliche Wetter, räkeln sich in den Liegestühlen, bräunen sich oder treiben Sport. Aber auch hier ist von einer Vorfreude auf die WM nichts zu spüren. Nur die Straßenhändler preisen ihre billigen Trikotimitate der brasilianischen Nationalelf aufdringlich an.

          Im nächsten Juni werden die hohen Fußballfunktionäre der Fifa direkt an der Promenade im Luxushotel Copacabana Palace logieren. Ein mondänes Kolonialgebäude mit langer Geschichte. Dem Protestler Gaffney fällt dazu eines ein: „Wir befinden uns bei der WM nicht im Jahr 2014, sondern im Jahr 1814. Einziger Unterschied: Die Herrschaften werden nicht auf Sänften herumgetragen, sondern in dunklen Limousinen durch die Stadt chauffiert.“ Und das über speziell freigehaltene Spuren, vorbei am stockenden Verkehr. Das wird bei den Menschen sicher gut ankommen.

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