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Fußball-WM in Brasilien : „Der Protest wird explodieren“

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WM-Verkäufer Milesi schmunzelt. Er glaubt, dass die Stimmung schon ins Positive umschwenken wird, wenn im nächsten Juni der Ball erst mal rollt. Das sei doch so wie in Deutschland 2006. „Unsere Umfragen zeigen, dass 63 Prozent der Brasilianer für das Turnier sind. Damit können wir doch sehr zufrieden sein“, sagt Milesi. Es stellt sich die Frage, ob dieses Ergebnis für eine fußballverrückte Nation wie Brasilien wirklich so toll ist.

Leute aus der WM-Opposition lachen, wenn sie diese Zahl hören. „Ein Witz. Die Fifa und die WM-Organisatoren sollten lieber erklären, weshalb fast 40 Prozent des Landes dagegen sind“, sagt Chris Gaffney. Der Texaner ist seit vier Jahren Gastprofessor für Geographie an der Universität von Rio de Janeiro und engagiert sich wie Mehl an vorderster Front im Comitê Popular.

„Den Raum wird sich das Volk zurückerobern“

Auch er ist Fußballfan, aber will im nächsten Jahr auf die Straße und nicht ins Stadion gehen. Gaffney prophezeit einen Sturm, der über das fünftgrößte Land der Erde fegen wird. „Den öffentlichen Raum, den sich die Fifa mit ihren brasilianischen Helfern und den Großsponsoren unter den Nagel gerissen hat, wird sich das Volk zurückerobern“, sagt er.

Wöchentlich würden in den WM-Städten Sitzungen der Protestgruppen stattfinden. Verschiedenste Gruppen engagieren sich: Studenten, Lehrer, Ärzte, Mietervereinigungen, Menschenrechtsgruppen, Menschen aus den Elendsquartieren der Großstädte, Fußballfans, Fifa- und Olympia-Kritiker. Jeder hat seine eigene Agenda. Erstmals könnte ein globales Sportspektakel so breitflächig als Plattform für den Sozialprotest genutzt werden.

Fifa-Präsident Joseph Blatter gab auch nicht immer das beste Bild ab

Bisher suchten weder der Staat noch die Fußball-Organisatoren einen ernsthaften Dialog, sagen die Vertreter der Bewegung. Sie sind enttäuscht. „Es ist nicht so, dass wir Brasilien die WM aufgezwungen hätten“, spottete Fifa-Chef Joseph Blatter im Juni während der Straßenschlachten beim Confederations Cup. Das kam nicht gut an. Die Befürchtung besteht, dass Polizei und Sicherheitskräfte schlecht vorbereitet in die heißen WM-Wochen gehen und wieder nur versuchen werden, die Proteste brutal niederzuknüppeln.

Nach verschiedensten Vorfällen gibt es große Bedenken. Ein Maurer aus einer der Favelas von Rio wurde im Juli von der Polizei mitgenommen und ist seither verschwunden. Ermittler gehen davon aus, dass er von Polizisten gefoltert und getötet wurde. Die Organisation Human Rights Watch beklagt, dass gezielte Tötungen der Polizei, die in den Favelas gegen die Drogenkriminalität ankämpft, kaum geahndet werden.

„In dunklen Limousinen durch die Stadt“

Im Oktober war es in São Paulo nach dem Tod eines Jugendlichen bei einem Polizeieinsatz zu schweren Ausschreitungen gekommen. „Es stellt sich die Frage, ob die Polizei bei der WM die richtigen Mittel anwenden wird, wenn es wieder zu Protesten kommt. Das kann man bezweifeln. Es gibt dort nicht unbedingt Strategien zur Deeskalation, wie es bei Großveranstaltungen in Europa üblich ist“, sagt der Anthropologe und Buchautor Martin Curi.

Der Bayer lebt seit vielen Jahren in Rio und hat an der Universität einen Forschungsauftrag zur WM. Der profunde Kenner des brasilianischen Fußballs hat schon bei mehreren Turnieren als Fanbetreuer mitgewirkt und weiß um die Konflikte auf der Straße vor den Stadien. Als Gastredner bei der Polizeiakademie in Rio verspürte Curi jedoch kürzlich wenig Interesse des Auditoriums.

Bewaffnete Kontrolle: Alltag in den Favelas von Rio de Janeiro

An Rios Vorzeigestrand ist von den ganzen Problemen nichts zu spüren. Die Menschen an der Copacabana genießen das vorsommerliche Wetter, räkeln sich in den Liegestühlen, bräunen sich oder treiben Sport. Aber auch hier ist von einer Vorfreude auf die WM nichts zu spüren. Nur die Straßenhändler preisen ihre billigen Trikotimitate der brasilianischen Nationalelf aufdringlich an.

Im nächsten Juni werden die hohen Fußballfunktionäre der Fifa direkt an der Promenade im Luxushotel Copacabana Palace logieren. Ein mondänes Kolonialgebäude mit langer Geschichte. Dem Protestler Gaffney fällt dazu eines ein: „Wir befinden uns bei der WM nicht im Jahr 2014, sondern im Jahr 1814. Einziger Unterschied: Die Herrschaften werden nicht auf Sänften herumgetragen, sondern in dunklen Limousinen durch die Stadt chauffiert.“ Und das über speziell freigehaltene Spuren, vorbei am stockenden Verkehr. Das wird bei den Menschen sicher gut ankommen.

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