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Zinedine Zidane : „Zierde des französischen Sports“

  • -Aktualisiert am

Frankreich kann Zidane nicht böse sein, Chirac auch nicht Bild: REUTERS

Der schlagartig gekränkte Zinedine Zidane brachte sich und sein Team mit seinem Kopfstoß aus der Balance. Doch Frankreichs Staatspräsident Chirac würdigte ihn tags darauf beim Empfang der WM-Zweiten im Elyseepalast salbungsvoll.

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          Ganz langsam, den Kopf gesenkt, verließ Zinedine Zidane inmitten eines ohrenbetäubenden Pfeifkonzerts den Rasen. Kurz blickte er noch einmal auf zum Himmel, sprach mit sich selbst und verschwand in die Katakomben mit Tränen in den Augen - vorbei an seinem Trainer Raymond Domenech, vorbei an dem zum Greifen nahen WM-Pokal. Es war der Abgang eines Superstars, der sein 108. Länderspiel mit der Eroberung des Titels krönen und danach seine Karriere hoch dekoriert beenden wollte. Aus der Traum!

          Der Weltmeister von 1998 und Weltstar des Fußballs verschwand von seiner Bühne nach dem übelsten Foul der WM 2006. Als seine Kameraden im Anschluß an das 4:6 nach Elfmeterschießen (1:1, 3:5) für den zweiten Platz des Turniers mit Silbermedaillen geehrt wurden, fehlte „Zizou“, ihr Kapitän. Einsam, verstört und tieftraurig hockte der wieder einmal für einen unverzeihlichen Augenblick ausgerastete Sohn eines algerischen Frankreich-Immigranten am späten Sonntagabend in der Kabine und begriff sich selbst nicht mehr.

          Lebensdoppelrolle als „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“

          Die 110. Spielminute der Verlängerung war es, die ein hart umkämpftes, mehr und mehr von Frankreich dominiertes Finale aus der Balance riß. Nachdem der in Italiens Serie A als böser Bube vom Dienst geltende Innenverteidiger Marco Materazzi den französischen Starregisseur am Trikot gezogen hatte, trotteten die Widersacher nebeneinander her und lieferten sich ein kurzes Wortgefecht, das der zum Provozieren aufgelegte Italiener eröffnete.

          Frankreich kann Zidane nicht böse sein, Chirac auch nicht Bilderstrecke
          Zinedine Zidane : „Zierde des französischen Sports“

          Zidane, im Spiel wie im Leben oft von mönchischer Schweigsamkeit, fühlte sich in diesen Sekunden durch eine nicht überlieferte Bemerkung des Abwehrmanns von Inter Mailand schlagartig gekränkt. Der 34 Jahre alte Südfranzose, schon öfter in der Lebensdoppelrolle als „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ aufgefallen, blieb stehen, drehte sich um, rannte mit gebeugtem Haupt auf Materazzi zu und rammte ihm seinen kahlen Schädel gegen den Brustkorb. Rumms! Der baumlange, 1,93 Meter messende italienische Modellathlet fiel um, blieb lange liegen, und in der Zwischenzeit nahm der Abschied vom gestürzten Liebling dieser WM eine ganz andere Kontur als erhofft an.

          Mal ganz oben, mal ganz unten

          Aufgeregt lief Italiens großartiger Torwart Gianluigi Buffon auf die Unparteiischen zu. Er hatte alles gesehen, der argentinische Schiedsrichter Horacio Elizondo aber nicht. Und so befragte er seinen ersten Assistenten Dario Garcia. Der hatte sich in der Zwischenzeit beim vierten und fünften Offiziellen des Endspiels schlau gemacht. Die Spanier Medina Cantalejo und Victoriano Giraldez Carrasco hatten auf einem der Fernsehgeräte in der Nähe die Szene mehrmals in der Wiederholung gesehen, ließen aber hinterher verlauten, die Tätlichkeit mit eigenen Augen und nicht am Bildschirm gesehen zu haben. Sowohl Frankreichs Trainer Raymond Domenech als auch sein italienischer Kollege Marcello Lippi verbreiteten allerdings die Version vom Videobeweis einer traurigen Szene, in der Zidane zum gestürzten Engel eines Turniers wurde, das bis dahin seine WM war.

          Alle, die sich vorher ein Idealbild von dem bekannt jähzornigen Franzosen ausgemalt hatten, sahen nun und einen Tag später die Fotos von einem Irregeleiteten, der sein Endspiel nicht unter Kontrolle hatte. Es war für ihn das Finale einer Achterbahnfahrt, die den gelegentlich verschlossen wie eine Auster wirkenden Mann während der vier turbulenten deutschen Wochen mal ganz nach oben katapultierte, mal ganz nach unten schleuderte. Zidane hielt sich, Frankreich und die Fußballwelt in Atem - und blieb damit trotz seiner kopfgesteuerten, aber gedankenlosen Missetat zum bösen Schluß einer der faszinierenden Hauptdarsteller der großen WM-Fußballshow.

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