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WM-Kommentar : Der Wille versetzt Berge

  • -Aktualisiert am

Wille, Nervenstärke und Glaube Bild: dpa

Wenn das deutsche Selbstvertrauen sogar den argentinischen Berg versetzen konnte, dann muß im Halbfinale dieser Weltmeisterschaft noch nicht Schluß sein für das Team von Jürgen Klinsmann. Ein Kommentar von Peter Heß.

          2 Min.

          Cambiasso schießt - Lehmann hält. 72.000 Zuschauer im Berliner Olympiastadion schreien und Millionen auf Deutschlands Straßen. Die Weltmeisterschaft, die bis jetzt ein Fest war, ist am Freitag zu einem Thriller geworden. Und die Deutschen dürfen diesen Tag noch mehr genießen als alle anderen zuvor.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Ihre Mannschaft hat sich nach langer Zeit wieder gegen ein Weltklasseteam durchgesetzt und nach sechs Jahren wieder eine große Fußball-Nation besiegt. Zwar erst nach Elfmeterschießen - aber sind nicht die dornenreichen Erfolge die schönsten? Als Klinsmann vor zwei Jahren den WM-Titel als Ziel seiner Arbeit ausgab, wurde er belächelt: Seine jungen Spieler würden sich spätestens an den alten Fußballmächten die Milchzähne ausbeißen, dachten viele. Jetzt haben sie bewiesen, daß sie nicht nur im Hurrastil weiterkommen können, sondern auch geduldig, hartnäckig und zäh ihren Weg verfolgen.

          Willenskraft, Nervenstärke und Glauben

          Aber es war knapp. Die Argentinier hatten schon die Finger am Lichtschalter, um der deutschen WM-Party das Licht auszuknipsen. Es war der Einsatz aller Kräfte nötig und wurde ein Sieg der Willenskraft, der Nervenstärke und des Glaubens. Denn die fußballerischen Primärtugenden waren beim Gegner etwas stärker ausgeprägt.

          Lange hatte Argentinien die Partie kontrolliert. Das herbeigesehnte Viertelfinale, das viele als vorweggenommenes Endspiel betrachteten, wurde eine ganz andere Art Fußballspiel, als es die deutschen Fans bis dahin von ihren Helden vorgesetzt bekommen hatten. Statt den Ball zu jagen, verteidigten die deutschen Spieler den Raum, statt zu agieren, reagierten sie, statt zu kombinieren, schlugen sie die Bälle hoch und weit nach vorn.

          Rasenschach statt Fußballparty

          Alles eine Konsequenz aus der perfekten Fußballmaschinerie der Argentinier, die ihren Gegnern fast schon auf unheimliche Art und Weise weder Raum noch Zeit gestatteten, ihre Angriffe aufzubauen. Was als Fußballparty geplant war, wurde zum Rasenschach, aus einem sportlichen Wettbewerb wurde ein Intelligenztest.

          In der Abwehr zeigten sich die Deutschen den Anforderungen gewachsen, sie ließen kaum eine Torchance zu. Aber die vielgelobte Offensive vermochte lange nicht die richtige Lösung zu finden. Kurzum: Der Tag, an dem die Klinsmänner der Weltklasse begegneten, war der Tag, an dem ihre Grenzen deutlich wurden.

          Im Halbfinale muß nicht Schluß sein

          Aber als es in den letzten 20 Minuten der regulären Spielzeit galt, Ayalas Tor in der 49. Minute zum 1:0 auszugleichen, setzte sich die deutsche Mannschaft über ihre Grenzen hinweg. Die Profis entdeckten ihre Herzen wieder. Nimmermüde rannten und spielten sie sich frei - über alle Zweifel hinweg. Daß die deutschen Spieler in der größten Not ihre beste Phase hatten, spricht für ihre Moral und ihre Kondition und für die Überzeugungsarbeit Klinsmanns.

          Wenn dieser Glaube sogar den argentinischen Berg versetzen konnte, dann muß im Halbfinale dieser Weltmeisterschaft noch nicht Schluß sein für das deutsche Team. Solch einer unangenehmen Mannschaft, die ihre Stärken so gut zu neutralisieren versteht, werden die Deutschen nicht noch einmal begegnen. Brasilien eingeschlossen. Die eher künstlerisch veranlagten Titelverteidiger mit ihren Schwachstellen Cafu und Roberto Carlos kämen Klinsmanns Spielern entgegen. Das Treffen mit der taktisch besten Mannschaft der Welt war zwar kein Fußball-Klassiker, aber es hat den Reifeprozeß der jungen Deutschen noch einmal beschleunigt. Es kann den Weg zum Weltmeistertitel freigemacht haben. Auf jeden Fall aber geht die Fußball-Party bis Dienstag weiter, und das viel mehr, als viele erwartet hatten.

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