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Übersteiger : Seid nett zu Costa Rica!

Der Übersteiger: Die FAZ.NET-Fußball-Kolumne - auch zur WM Bild: fem

Lukas Podolski will am heutigen Abend das Team aus Costa Rica „weghauen“. Doch gehen angebliche „Freunde“ so mit ihren Gästen um? Wir liefern Gründe, warum die Deutschen gerade gegen Costa Rica nicht gewinnen sollten.

          Lukas Podolski will am heutigen Abend das Team aus Costa Rica „weghauen“. Doch sollten „Freunde“, die wir ja jetzt alle angeblich sein wollen, so mit ihren Gästen umgehen? Sie nicht nur mit körperlicher Übermacht besiegen, sondern am besten noch demütigen, in Grund und Boden spielen, sie am besten mit 5:0, 6:0 oder 8:0 schlagen oder womöglich gar zweistellig?

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein guter Gastgeber wird es soweit nicht kommen lassen. Schon gar nicht, wenn er auf Costa Rica trifft, eine der fraglos sympathischsten Nationen dieser Erde. Wer einmal in - und nicht etwa, wie man manchmal auch hört, auf - Costa Rica war, der wird dies zu bestätigen wissen. Gerade als Deutscher. Den ordentlichen Patriotismus nämlich, den ein Matthias Matussek so vehement von uns einfordert, verspüren wir ganz automatisch, wenn wir in dem mittelamerikanischen Land unterwegs sind.

          Wir sind aus „Alemania“

          Der gemeine Deutsche bemüht sich ja auf Reisen verzweifelt darum, nur nicht als Deutscher erkannt zu werden. Er paukt die jeweilige Landessprache, um möglichst akzentfrei parlieren zu können, und hüllt sich in die Landestrachten, um den besseren Indio zu geben. In Costa Rica wird er, zumal bei heller Haut und blondem Haar, natürlich trotzdem als Ausländer erkannt - und für einen „Gringo“ gehalten, einen US-Amerikaner. Das aber ist für einen Deutschen, nicht erst seit der Amtszeit George W. Bushs, das Allerschlimmste - und siehe da: Der Reisende entdeckt seine Vaterlandsliebe und entgegnet in mit stolzem deutschen Akzent gefärbten Spanisch, daß er keinesfalls ein „Gringo“ sei, sondern aus „Alemania“ stamme.

          Prompt wird der ohnehin schon nette Einheimische noch viel netter sein. Während die „Gringos“ aufgrund ihrer nicht eben ruhmreichen Geschichte in Lateinamerika und des nicht eben gepflegten Benehmens ihrer Touristen in der Gegenwart nicht eben übermäßig beliebt sind in Costa Rica, begegnet man den Deutschen mit äußerster Freundlichkeit. „Das Verhältnis zwischen Costa Rica und der Bundesrepublik Deutschland ist herzlich und vertrauensvoll“, läßt uns das Auswärtige Amt wissen und hat hiermit zweifelsfrei recht.

          Es gibt mit dem „Colegio Humboldt“ eine deutsche Schule in der Hauptstadt, ein Goethe-Zentrum und eine gar nicht so kleine deutsche Gemeinde. Nicht nur für enttäuschte deutsche Grünen-Wähler ist das mit Nationalparks überzogene Costa Rica ein Mekka. Auch ein paar zwielichtige Figuren der Hamburger Reeperbahnszene, die in den achtziger Jahren das heiße Pflaster gegen heißen Sand eintauschen wollten, fanden in dem entspannten, schmalen Landstreifen zwischen den Ozeanen ein nettes Asyl.

          Alles geht seinen Gang

          Costa Rica hat in etwa so viele Einwohner wie Berlin, doch ist das Wetter deutlich besser. Zwar ist von Mai bis November Regenzeit, doch kommt der Regen meist pünktlich am Nachmittag und verschwindet bald auch wieder. Ebenso regelmäßig geht morgens um sechs die Sonne auf und abends um sechs wieder unter. Hier geht alles seinen ruhigen Gang, niemand verfällt in Hektik, allein schon wegen der zumindest auf der Karibikseite extremen Luftfeuchtigkeit. Die Costaricaner sind ein freundliches Völkchen, dessen sonnige Natur sich auch darin offenbart, daß sie von fast jeder Sache in der Verkleinerungsform - chiquito - sprechen und sich selbst den niedlichen Namen „Ticos“ geben. 1949 hat das Land seine Armee abgeschafft, und sein kürzlich zum zweiten Mal gewählter Präsident Oscar Arías dürfte das einzige Staatsoberhaupt der Welt sein, das in seiner Vitrine den Friedensnobelpreis zu stehen hat.

          Wie also würde sich Angela Merkel fühlen, wenn sie neben Arías auf der Tribüne säße und die deutschen Spieler den Costaricanern gnadenlos die Bälle ins Netz dröschen? Zumal die Nähe zwischen beiden Ländern sich auch im costaricanischen Alltag widerspiegelt. Die bekannteste Buchhandlung in der Avenida Central ist die Librería Lehmann, was dem intellektuellen deutschen Schlußmann gefallen müßte, und eine der beliebtesten Biersorten heißt „Bavaria“. Seit 1999 gibt es auch noch ein neues, alkoholfreies Pils, das ebenfalls einen wohlklingenden deutschen Namen trägt: Kaiser.

          Unter diesen Umständen, soviel scheint klar, kann, ja darf die deutsche Mannschaft gegen Costa Rica nicht gewinnen. Wir wären sehr für ein Unentschieden, könnten aber auch mit einem 1:0 für Costa Rica gut leben: Nicht auszumalen, wie freundlich die „Ticos“ bei unserem nächsten Besuch dort wären.

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