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Plädoyer für einen Reformator : Ein Klinsmann-Sommer genügt nicht

  • Aktualisiert am

Der Bundestrainer kommt an Bild: picture-alliance/ dpa

Sollte Jürgen Klinsmann aufhören, hätte die Nationalelf ihren überzeugendsten und mutigsten Vorkämpfer verloren. Seine Arbeit in Deutschland ist noch nicht erledigt - seine Spieler werden ihm das schon sagen. Von Michael Horeni.

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          Jürgen Klinsmann hat besonnene, kluge und lobende Worte gefunden, nachdem Deutschland jäh aus seinen Träumen gerissen wurde. Er gratulierte den Italienern zu ihrer erstklassigen Leistung und wünschte ihnen Glück für das Endspiel. Er sprach vom Schmerz, an dem die Spieler und die Trainer noch ein paar Tage zu tragen haben würden. Er stand auch ihm ins Gesicht geschrieben.

          Und er vergaß nicht angesichts der das Fußball-Land überwältigenden Gefühle nach den späten K.o.-Treffern, seine Mannschaft mit den schönsten Komplimenten für die letzten wunderbaren Wochen zu versehen und ihr eine erstklassige Perspektive vorherzusagen. Nur ein einziger Satz von ihm kurz vor Mitternacht auf der internationalen Pressekonferenz wollte partout nicht zur perfekten Abschiedsrede nach der in Tränen dahingegangenen WM-Mission passen. Als er darauf angesprochen wurde, daß sich nun selbst Franz Beckenbauer wünsche, daß er sein Projekt nach der WM fortführt, sagte der Bundestrainer: "Es ist absolut unwichtig, was mit meiner Person passiert."

          Keineswegs unumstritten

          Dieser Satz von Klinsmann stimmt nicht. Die Person Klinsmann, ob es ihm paßt oder nicht, ist von zentraler Bedeutung. Selbstverständlich trifft es zu, daß die Idee von Tempofußball, Courage und Leidenschaft - mit anderen Worten: von der neuen Identität der Nationalmannschaft - nie nur das Werk einer einzelnen Person sein kann. Und natürlich sind auch Personen austauschbar, wenn sie sich einer gemeinsamen Spielphilosophie verschrieben haben, wie das etwa im niederländischen Fußball seit Jahrzehnten praktiziert wird.

          Bundestrainer : Klinsmann will eine Atempause

          Aber dazu bedarf es einer Bedingung: Die Richtung muß allgemein akzeptiert sein. Der von Klinsmann modernisierte, wieder an internationalen Entwicklungen orientierte deutsche Fußball ist zwar zur offiziell beklatschten, aber keineswegs unumstrittenen Leitlinie im Deutschen Fußball-Bund geworden - von der Bundesliga mit ihren unterschiedlichen Einstellungen und Interessen ganz zu schweigen.

          Mutiger Vorkämpfer

          Ein Klinsmann-Sommer genügt nicht unbedingt, um die notwendige Entwicklung gegen die Beharrungskräfte in institutionelle Bahnen zu lenken. Die Kontinuität in der Trainerausbildung bis hinein in die Landesverbände und Stützpunkte gibt es noch nicht. Klinsmann gebührt schon jetzt das Verdienst, den Veränderungsprozeß angestoßen, betrieben und zu einem ersten Höhepunkt geführt zu haben. Er hat die Nationalelf wieder an die Weltspitze herangeführt. Aber sollte sich der Bundestrainer nach einer Beratung im Familienkreis nun entscheiden, seine Zukunft doch lieber in Amerika zu suchen, hat nicht nur die Nationalmannschaft ihren überzeugendsten, engagiertesten und mutigsten Vorkämpfer verloren, sondern auch seine eigene Idee.

          Klinsmann hat als mögliche Nachfolger schon seinen Assistenten Joachim Löw und U-21-Nationaltrainer Dieter Eilts ins Gespräch gebracht. Aber sie besitzen, bei allen Qualitäten, noch nicht die Autorität, die sich Klinsmann durch seinen auch ganz persönlichen Erfolg bei der Weltmeisterschaft erworben hat - und die im schwierigen Alltag einer EM-Qualifikation unter weit ungünstigeren Vorbereitungsbedingungen notwendig sein wird, um die Mannschaft und ihren noch nicht vollendeten Weg zu schützen. Die Arbeit von Klinsmann in Deutschland ist noch nicht ganz erledigt - seine Spieler werden ihm das schon sagen.

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