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Frankreich im Finale : Die besten Spielverderber

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Dank an Zidane Bild: dpa

Mit kühler Routine hat die Equipe Tricolore das ermüdende Grundlinienduell im WM-Halbfinale gegen Portugal für sich entschieden. Jetzt fehlt nur noch ein letztes Stück im französischen Puzzle: ein Sieg gegen Italien.

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          Es ist die WM der Spielverderber, das weiß auch Raymond Domenech. Der französische Nationaltrainer hat nach dem Einzug seiner Mannschaft ins Finale der Fußball-Weltmeisterschaft gegen Italien Bilanz gezogen. Nur zwei herausragende Leistungen, „zwei Siege mit Stil“, habe es bislang gegeben bei dieser WM, den Erfolg seiner Mannschaft im Viertelfinale gegen Brasilien und den Auftritt der Italiener im Halbfinale gegen Deutschland.

          Das 1:0 gegen Portugal, erzielt von Zinedine Zidane per Elfmeter nach einem Foul von Carvalho an Henry (33. Minute), das sein Team ins Endspiel brachte, hat Domenech in diesem Zusammenhang nicht erwähnt. Aus gutem Grund. Die Begegnung in München bot eine vorläufige Zusammenfassung dieser WM, die vor allem eines ist: ein Festival der Defensive. Die Grundregel im aktuellen Verteidigungsfußball lautet: Wer das erste Tor schießt, gewinnt, wer den ersten Fehler macht, fährt nach Hause.

          Netz ohne Durchkommen

          Fast könnte man meinen, die Fußballstrategen von heute hätten die Schachtheorien von Steinitz studiert, der die Intuitiven und Kombinationsspieler mit der Lehre verschreckte, daß ein Angriff nur dann sinnvoll sei, wenn das ursprüngliche Gleichgewicht der Stellung gestört ist. Da dieses Gleichgewicht aber nur durch einen Fehler gestört werden könne, bliebe die Stellung so lange ausgeglichen, wie beide Parteien korrekt verteidigten. So gesehen haben die Italiener in den sechs Turnierspielen bislang nur einen Fehler gemacht: ihren einzigen Gegentreffer haben sie selbst erzielt. Und die Franzosen haben, trotz Barthez im Tor und Startschwierigkeiten zu Beginn des Turniers, den Ball auch nur zweimal aus dem eigenen Tor holen müssen.

          Dank an Zidane Bilderstrecke

          Sie und die Italiener haben die besten Spielverderber in ihren Reihen. Die Italiener haben Cannavaro, Gattuso, Camoranesi und Pirlo, die Franzosen Gallas, Thuram, Makalele und Vieira. Gegen die Portugiesen zogen die vier galligen Abwehrstrategen wieder ein Netz auf, das kein Durchkommen ließ. Die Portugiesen versuchten alles, setzten auf Tempo, versuchten es über die Außen Figo und Ronaldo, später auch durch die Mitte, aber sie prallten immer wieder ab wie ein Gummiball von der Betonwand. Umgekehrt hatten die Franzosen nach der 50. Minute überhaupt keine Torchance mehr.

          Permanente Pattsituation

          Die 66.000 Zuschauer in München sahen ein ermüdendes Grundlinienduell des Fußballs, weil auch die Portugiesen über eine erstklassige Defensive verfügen. Jeder Angriff, jede noch so gut gemeinte Attacke wurde abgewehrt und abgelaufen. Fünf zu vier Torschüsse, Vorteil Portugal, zählten die Statistiker in der Partie, nur neunmal also kamen die Spieler ihrem Ziel einigermaßen nahe, der Rest war Abnutzungskampf, Geduldsspiel. Es herrschte eine permanente Pattsituation zwischen beiden Mannschaften, die Abwehrreihen hielten das Geschehen in der Waage, die Partie war ein gefühltes Unentschieden.

          Daß die Franzosen dennoch gewannen, hatten sie diesmal nicht Zidane zu verdanken, der sie gegen Brasilien mit einem grandiosen Auftritt zum Sieg geführt hatte. Auch der Meister fand diesmal im taktischen Gestrüpp des Mittelfelds kein Durchkommen, am Ende wirkte er, als schone er sich für das Finale gegen Italien, das sein Abschied sein wird vom Fußball - und vielleicht auch sein größter Triumph.

          „Die Fähigkeit zu leiden“

          Seine Mannschaft sei gegen Portugal durch schwere Phasen gegangen, sagte Domenech, „aber dieses Team hat die Fähigkeit zu leiden.“ Domenech liebt diese Leidensrhetorik, immer wieder spricht er von seinen Spielern, als wären sie Radler, die bei der Tour de France jeden Tag klaglos höhere Gipfel erklimmen.

          Patrick Vieira, der große Defensivstratege von Juventus Turin, nennt die Stärke der Equipe Tricolore nicht Leidensfähigkeit, sondern Solidarität. Man helfe einander, spreche miteinander, auch während des Spiels, um die Probleme zu lösen. Noch immer ist es ein Rätsel, wie die Franzosen, die ins Turnier gestolpert waren und die Vorrunde nur mit Mühe überstanden, im Achtelfinale gegen Spanien zu sich selbst gefunden haben.

          „Das Gefühl, unbesiegbar zu sein

          Ja, sagt Vieira, der Anfang sei schwer gewesen, „aber dann haben wir begonnen, besser zu spielen und mit dem Sieg gegen Spanien ist das Vertrauen gewachsen. Wir sind zusammengerückt, wir sind zu einer Gruppe geworden.“ Und spätetens nach dem triumphalen Sieg gegen Brasilien war es wieder da, das Gefühl von 1998, als Vieira mit Thuram, Barthez, Zidane und den alten Weggefährten den WM-Titel holten, „das Gefühl, unbesiegbar zu sein.“

          An diesem Gefühl zerschellten am Mittwoch auch die portugiesischen Angriffe. „Sie haben uns mit ihrer individuellen Klasse viele Probleme bereitet“, sagte Vieira. Am Ende, in den letzten zehn Minuten, sei der Druck fast zu groß geworden, „aber wir sind nicht in Panik verfallen, wir sind ruhig geblieben. Das ist unsere Stärke, wir haben solche Phasen schon oft erlebt. Je näher man am Ziel ist, desto weniger darf man nachlassen.“ Vieira, Makelele, Gallas und Thuram, sie alle haben schon viele Schlachten geschlagen, ihre kühle Routine hat die Partie gegen die feurigen Portugiesen entschieden. „Die Erfahrung“, sagt Domenech, „gehört zum wichtigsten Gepäck eines Teams, das die Weltmeisterschaft gewinnen will.“ Die Erfahrung und der Wille zum Widerstand.

          Jetzt fehlt nur noch ein letztes Stück im französischen Puzzle: ein Sieg gegen Italien. Zweimal schon haben sie die Azzuri auf dem Weg zu einem großen Titel geschlagen, im WM-Viertelfinale 1998 und im EM-Finale 2000. Diesmal wird es schwer, schwerer als damals, davon sind alle überzeugt. Thuram, der wie Vieira in Turin spielt und am Sonntag in Berlin mit seinen italienischen Juventus-Kollegen zum Aufwärmen das berühmte Ringelreihen fünf gegen zwei spielen könnte, erwartet einen erstklassigen Gegner. „Unglücklicherweise“, sagt er, „weiß ich, wie gut die Italiener sind.“

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