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WM-Serie: 1990 : Des „Kaisers“ zweite Krönung

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Erfolsgaranten: Lothar Matthäus (l) und Rudi Völler Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Andreas Brehme verwandelte den entscheidenden Strafstoß im WM-Finale zum 1:0-Sieg gegen Argentinien, Deutschland war zum dritten Mal Weltmeister, und „Kaiser“ Franz Beckenbauer zum zweiten Mal gekrönt worden. Die WM-Serie in FAZ.NET.

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          Jeden Montag und Freitag blickt FAZ.NET bis zum Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in einer Serie auf die vergangenen Turniere zurück. Der vierzehnte Teil beschäftigt sich mit dem Turnier 1990 in Italien.

          Im Halbdunkel des Olympiastadions von Rom schlendert ein Mann in eleganter Clubjacke, die Hände tief in der Hosentasche vergraben, mutterseelenallein über den Rasen. Fernab seiner feiernden Spieler ließ Franz Beckenbauer am späten Abend des 8. Juli 1990 die Fußball-WM und den hart erkämpften 1:0-Finalsieg gegen Argentinien Revue passieren. Der 103malige deutsche Fußball-Nationalspieler ließ sich von der allgemeinen Euphorie nicht anstecken, kapselte sich im Mittelkreis ein wenig ab und wollte den Augenblick des Triumphes trotz der 73.607 Zuschauer für sich allein genießen. Der „Kaiser“ war zum zweiten Mal gekrönt worden. Weltmeister als Spieler (1974) und jetzt als Teamchef - das hatte zuvor nur Brasiliens Mario Zagallo geschafft.

          Der Sieg über Titelverteidiger Argentinien, den Andreas Brehme per Foulelfmeter sicherstellte, bedeutete den dritten WM-Titel für Deutschland nach 1954 und 1974. Beim zuvor letzten Titelgewinn in München 16 Jahre zuvor (2:1 gegen die Niederlande) hatte Beckenbauer noch als Kapitän und Weltstar den WM-Titel erobert und das Duell gegen „König“ Johan Cruyff zu seinen Gunsten entschieden. Nach sechs Jahren als verantwortlicher Coach trat Beckenbauer nun als Weltmeister-Macher ab, unterstrich einmal mehr seinen Ruf als Sieger-Typ und Lichtgestalt des deutschen Fußballs. Mit seiner Prognose, die deutsche Mannschaft werde nun auf Jahre hinweg unschlagbar sein, lag er allerdings weit daneben, wie die kommenden Turniere beweisen sollten.

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          Qualifikation schwieriger als das Turnier

          Der WM-Sieg in Italien während der historischen Phase der Wiedervereinigung entfachte in Deutschland eine Fußball-Euphorie, wie sie das Land seit 1954 nicht mehr erlebt hatte. Dabei war der Weg nach Italien für die deutsche Elf fast beschwerlicher als das Turnier selbst. Erst ein Treffer von Häßler im letzten WM-Qualifikationsspiel gegen Wales zum 2:1 verschaffte der Beckenbauer-Truppe das Ticket zur Fahrt über den Brenner.

          Dort erwischte Deutschland, angeführt von einem überragenden Matthäus, in Mailand gegen Jugoslawien beim 4:1 einen WM-Start nach Maß. „Am wichtigsten für den Titel war der gute Auftakt gegen die Jugoslawen“, erklärte Beckenbauer später rückblickend. Ein 5:1 gegen die Vereinigten Arabischen Emirate und ein 1:1 gegen Kolumbien bedeutete den ersten Rang in der Vorrundengruppe für das deutsche Team.

          Klinsmanns Spiel gegen Holland

          Gleich im Achtelfinale wartete dann der wohl dickste Brocken: Europameister Niederlande. Aber nach einem phantastischen Spiel, in dem die Emotionen auf beiden Seiten hochschlugen, setzte sich Deutschland mit 2:1 durch. Eine Weltklassepartie lieferte vor allem Jürgen Klinsmann. Der unrühmliche Höhepunkt der Begegnung war der Doppel-Platzverweis für Rudi Völler und den niederländischen Star Frank Rijkaard, der den deutschen Mittelstürmer angespuckt hatte.

          Im Viertelfinale mußten sich die deutschen Asse mit der Auswahl der damaligen CSFR auseinander setzen und gewannen in ihrem schwächsten Spiel durch einen Foulelfmeter von Matthäus mit 1:0. Wie schon bei den WM-Turnieren 1982 und 1986 blieb Deutschland danach ein Elfmeterdrama nicht erspart. Im Halbfinale gegen England avancierte Torhüter Illgner zum Helden, als er den Elfmeter von Pearce mit dem Knie abwehrte. Mit 4:3 setzte sich das Beckenbauer-Team durch und erreichte zum sechsten Mal ein WM-Endspiel.

          „Jetzt sind wir dran“

          Als Endspielgegner der Deutschen hatten viele mit Gastgeber Italien gerechnet. Doch die Azzuri kassierten eine unnötige Halbfinal-Pleite mit 3:4 im Elfmeterschießen gegen Argentinien. Erstmals in der 60jährigen WM-Geschichte trafen damit zwei Länder zum zweiten Mal im Finale aufeinander: Argentinien und Deutschland in der Neuauflage des 86er-Endspiels. Und Beckenbauer war sicher: „Jetzt sind wir dran.“

          Ohne vier gesperrte Stammspieler gelang den Südamerikanern in den 90 Endspiel-Minuten nichts. Diego Armando Maradona, vier Jahre zuvor noch gefeierter Sportheld, blieb gegen Guido Buchwald zweiter Sieger und vergoß Tränen. Brehmes Elfmetertor fünf Minuten vor Schluß war zwar ein Geschenk, aber der Sieg verdient. Rudi Völler war im Strafraum gefallen, der Pfiff des Schiedsrichters „eine Konzessionsentscheidung“, wie Pierre Littbarski später treffend beschrieb.

          Überraschungen durch Kamerun

          Argentinien war mehr schlecht als recht durchs Turnier gestolpert. Gleich beim Eröffnungsspiel hatte sich der Titelverteidiger gegen Kamerun mit 0:1 blamiert. Im Achtelfinale gaben die „Gauchos“ dann völlig überraschend ihrem südamerikanischen Erzrivalen und Titelfavoriten Brasilien in Turin mit 1:0 das Nachsehen. Im Viertelfinale gegen Jugoslawien waren die Mannen um Maradona im Elfmeterschießen mit 3:2 erfolgreich. Und schließlich stürzten sie auch das WM-Gastgeberland Italien in ein Tal der Tränen.

          Zu den Positiverscheinungen der WM zählte fraglos Kamerun. Als erste afrikanische Mannschaft erreichte das Team um den Lambada tanzenden Oldtimer Roger Milla ein WM-Viertelfinale. Erst in der Verlängerung zogen die Engländer den „Löwen“ mit 3:2 die Zähne. Gleichwohl stand Kameruns Erfolg als Zeichen für den Aufstieg des afrikanischen Fußballs in die Weltspitze.

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