https://www.faz.net/-g9o-3ejp

WM-Serie: 1962 : Die vergessene WM und der Weltkrieg der Fußtritte

  • Aktualisiert am

Die Erde ist eine Kugel: schon 1962 in Chile Bild: AP

Die Titelkämpfe 1962 in Chile wurden zu einer „vergessenen WM“. Das Fernsehen konnte noch nicht live aus Südamerika übertragen, Deutschland schied schon im Viertelfinale aus und die Defensiv-Taktik fast aller Teams war extrem ermüdend. Brasilien wurde locker Weltmeister.

          Jeden Montag und Freitag blickt FAZ.NET bis zum Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland in einer Serie auf die vergangenen Turniere zurück. Der siebte Teil beschäftigt sich mit dem Turnier 1962 in Chile.

          Die Titelkämpfe 1962 in Chile wurden zu einer „vergessenen Weltmeisterschaft“. Das lag einerseits an Deutschland, das so früh wie zuvor nur 1938 ausschied, aber auch am Fernsehen, das noch nicht live aus Südamerika übertragen konnte.

          Vergessen konnte und sollte man diese WM aber vor allem wegen der ermüdenden Defensiv-Taktik, der bis auf Brasilien alle Teams huldigten. Der Weltmeister aus Südamerika konnte seinen Titel so auch ungehindert verteidigen.

          „Brasiliens Singvögelchen”: Garrincha am Ball

          Pele schied verletzt aus

          Brasiliens Trainer Vincente Italo Feola hatte gegenüber 1958 nur drei Spieler ausgetauscht. Im Vergleich zur WM vier Jahre zuvor in Schweden wirkten einige Dreißiger wie Nilton Santos, Didi, Vava und andere schon reichlich antiquiert, trotz ihrer immer noch hohen Kunst am Ball.

          Brasilien schlug in der Vorrunde Mexiko (2:0) und Spanien (2:1), dessen Star Di Stefano nach einem Streit mit Trainer Herreira als Tourist nach Chile gekommen war. Nur gegen den späteren Finalgegner CSSR mußten die Brasilianer ein 0:0 hinnehmen, weil sich Pele, der „Halbgott in Fußballschuhen“, einen Muskelriß zuzog und für den Rest des Turniers ausfiel.

          Brasilien spazierte durch das Turnier

          Andere schlüpften in seine Rolle - die Experten stritten, ob es die WM Garrinchas oder die von Zagallo war. Nach den „Spaziergängen“ gegen England (3:1) im Viertelfinale und gegen Chile (4:2) im Halbfinale traf der Titelverteidiger auf eine Tschechoslowakei, die sich nur dank ihres alle überragenden Torwarts für das Endspiel qualifiziert hatte.

          Doch ausgerechnet dieser Schroiff sollte das Finale für seine Mannschaft verlieren. Beim 1:1 ließ er sich von Amarildo verladen, das 2:1 legte er Vava vor die Füße, und bei Zitos Kopfball zum 3:1 wirkte er ebenfalls ratlos. Da half es auch nicht, daß Masopust die CSSR in Führung gebracht hatte. Ihrer 1:0-Führung konnten sie sich nur 100 Sekunden erfreuen.

          Taktische Fehler von Herberger

          Deutschland folgte dem Trend der Zeit und entschied sich für eine defensive, manchmal sogar destruktive Taktik. Herbergers Elf und Italien neutralisierten sich beim 0:0 zum Auftakt. Danach langweilten die Deutschen beim glücklichen 2:1 gegen die Schweiz; in Erinnerung blieben nur die Tore von Brülls und Seeler sowie ein Foul, mit dem Szymaniak das Bein des Schweizers Eschmann brach. Das 2:0 gegen Chile bedeutete den Gruppensieg.

          Die Deutschen waren mit „bescheidenen Mitteln“ im Viertelfinale und trafen auf Jugoslawien - zum dritten Mal hintereinander. Fünf Minuten vor Schluß paßte Galic auf Radakovic, und der überwand Fahrian. Deutschland mußte nach dem 0:1 die Heimreise antreten. Damit nahmen die Blauhemden aus Belgrad und Zagreb Revanche für ihre Niederlagen 1954 (0:2 in Genf) und 1958 (0:1 in Malmö), wo sie trotz teilweise überlegenen Spiels den Kürzeren gezogen hatten.

          Nach Chile streikte die halbe Nationalmannschaft

          Das hatte sich der legendäre Sepp Herberger sicher ganz anders gedacht: Nach seiner vierten und letzten Weltmeisterschaft als Reichs- bzw. Bundestrainer gab es ganz erheblichen Ärger. Im deutschen Lager schlug das 0:1 gegen die Jugoslawen hohe Wellen. Zwar waren die Deutschen lange die bessere Elf, schossen aber keine Tore. Im vielgerühmten Sturm mit Albert Brülls, Helmut Haller, Uwe Seeler, Horst Szymaniak und Hans Schäfer brachte nur Seeler Normalform.

          Hinterher wurde offen Kritik geäußert. Haller, schon in Italien, ließ Luft ab: In Chile habe es innerhalb der Mannschaft eine Menge „Hochradfahrer“ gegeben, die zwar weniger trainiert, dafür aber Herberger um so mehr Honig ums Maul geschmiert hätten. Dabei habe der alte Fuchs Herberger diesmal eine Menge taktischer Fehler gemacht. In der Vorrunde seien die Deutschen mit einem blauem Auge davongekommen. Haller: „Aber gegen die cleveren Jugoslawen mußte unsere betonte Defensivtaktik schief gehen.“

          In der T-Frage wurde der Jüngere bevorzugt

          Auch Torwart Hans Tilkowski war stocksauer. Ihn hatte Herberger in Chile überhaupt nicht aufgestellt, sondern den Neuling Wolfgang Fahrian vorgezogen, der allerdings auch kaum Fehler machte. Tilkowski beklagte sich und zog Konsequenzen: „Erst eine Stunde vorher habe ich erfahren, daß ich nicht spiele. Fahrian aber wußte es immer schon früher. Ich bin schließlich kein kleiner Junge mehr, sondern spiele seit sechs Jahren im Nationalteam. Herberger wußte, daß er offen mit mir reden konnte, hat sich aber gedrückt. Für mich ist Schluß - bis er weg ist!“

          Enttäuscht war man auch, weil Herberger bis zum Schluß am Weltmeister Schäfer festgehalten hatte, obwohl der Kölner offensichtlich völlig außer Form war. Dagegen blieben Jüngere wie Heinz Strehl oder Günter Herrmann nur auf der Ersatzbank. Kurzum: Nach Chile streikte die halbe Nationalmannschaft. Herberger mußte seine restlichen zwei Jahre als Bundestrainer ohne Tilkowski, Haller, Brülls, Szymaniak und Herrmann auskommen, die alle erst unter seinem Nachfolger Helmut Schön wieder mitmachten.

          „Weltkrieg der Fußtritte“

          Herberger nahm 1964 nach dem Tod von DFB-Präsident Peco Bauwens seinen Hut. Schließlich stand der „Bundes-Sepp“ schon im Rentenalter. Viele hätten dem verdienten und erfolgreichen Mann einen besseren Abschluß gewünscht. Denn gerade auch Herberger sah Weltmeisterschaften als absolute Höhepunkte an. Da schmerzte ein frühes Aus wie in Chile besonders.

          Für die größten Schlagzeilen aber sorgte jenes Spiel in der deutschen Gruppe, in dem Chile und Italien aufeinander trafen. In der Partie, die später als „Weltkrieg der Fußtritte“ bezeichnet wurde, zertrümmerte Leonel Sanchez ungestraft dem Italiener Maschio mit einem Fausthieb das Nasenbein. Der englische Schiedsrichter Ken Aston drückte beide Augen zu - auch als die Chilenen serienweise ihre Gegenspieler bespuckten, mit Drohgebärden provozierten und mit Füßen traten. Vom Platz schickte er nur die Italiener Ferrini und David.

          Weitere Themen

          Keine Mammut-WM in Qatar Video-Seite öffnen

          Nur 32 statt 48 Teams : Keine Mammut-WM in Qatar

          Wie die Fifa bekannt gab werden bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Qatar genau so viele Teams wie in den letzten Jahren antreten. Zuvor hieß es, die Anzahl an teilnehmenden Nation sollte auf 48 Mannschaften aufgestockt werden.

          Die Erfolge des Niki Lauda Video-Seite öffnen

          Tod einer Formel-1-Legende : Die Erfolge des Niki Lauda

          Der Österreicher Niki Lauda feierte in der Formel 1 große Erfolge und ließ sich auch von Unfällen und Verletzungen nicht unter kriegen. Die rote Kappe wurde zu seinem Markenzeichen. Mit 70 Jahren ist er nun im Kreis der Familie verstorben.

          Topmeldungen

          FAZ Plus Artikel: Chinas Präsident Xi Jinping : In der Sackgasse

          Xi Jinping hat in der chinesischen Bevölkerung den Fehlglauben genährt, das Land könne es schon jetzt mit Amerika aufnehmen. Damit hat er Erwartungen geweckt, die er nicht erfüllen kann – und sich so verwundbar gemacht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.