https://www.faz.net/-g9o-3i01

WM-Serie: 1954 : Der Chef hat sich kurz bedankt

„Wir packen das noch“

Dann endlich, nachdem die Deutschen, um sich letztmals auf ihr größtes Abenteuer einzuschwören, einen Kreis gebildet haben, pfeift Ling ein Spiel an, das in die deutsche Geschichte eingehen wird. Schon nach sechs Minuten führen die favorisierten Ungarn 1:0. Liebrich spielt Hidegkuti den Ball in den Lauf, der paßt weiter zu Kocsis, und dessen Schuß prallt von Eckel ab zu Puskas. Der „Major“, wie er genannt wird, hat keinerlei Mühe, den Ball zum 1:0 ins lange Eck zu schießen. Zwei Minuten später müssen die Deutschen für ein paar Momente befürchten, daß sie wie bei der 3:8-Niederlage in der Vorrunde aufs neue zum Spielball der Ungarn werden. Kohlmeyers Rückgabe ist zu kurz, Turek wehrt den glitschigen Ball so ab, daß er Czibor vor die Füße rollt, der ihn nur noch ins leere Tor zu schieben braucht. 0:2 - auch der meist unbekümmerte Horst Eckel braucht etwas Zeit, um sich von diesem Schreck zu erholen.

Danach war die Moral für einen Augenblick nicht gut. Wir haben uns aber vom Torwart bis zum Linksaußen wieder Mut gemacht und uns gesagt: „Wir packen das noch.“ Nachdem der erste Schreck vorbei war, hat man unserer Körpersprache angemerkt, daß da niemand war, der den Kopf hängenließ. Und dann hat Max Morlock ja schon hundert Sekunden später eine von Zakarias abgefälschte Hereingabe Rahns ins ungarische Tor gespitzelt. Als dann noch Helmut Rahn in der 18. Minute aus kurzer Entfernung nach einer Ecke von Fritz Walter mit einem wuchtigen Schuß aus kurzer Entfernung das 2:2 erzielt hatte, haben wir gemerkt, daß an diesem Tag noch mehr gegen die Ungarn drin war. Die haben miteinander geschimpft und sind danach ganz unruhig geworden. Wir aber wurden nicht zu euphorisch, denn Herberger hatte uns immer wieder eingetrichtert, nie überheblich zu werden.

„Jetzt wollen wir Weltmeister werden“

Bei Halbzeit ist es nahezu still in der deutschen Kabine, nachdem Herberger einen aufflammenden Disput zwischen Kohlmeyer und Turek - wer war der Schuldige am 0:2? - unterbindet. Der „Chef“, wie sie den Bundestrainer nennen, sagt nur soviel: „Männer, es ist großartig, was ihr bisher geleistet habt. Gebt auch in der zweiten Halbzeit keinen Millimeter Boden preis. Spielt weiter so, dann kann kommen, was mag. Selbst wenn ihr jetzt verliert, wird euch niemand einen Vorwurf machen.“ Das Spiel geht weiter, und der junge Eckel sieht den Ungarn an, wie ihre Kräfte auf dem durch den Regen aufgeweichten, tiefen Boden nachlassen.

Weitere Themen

Klopp feiert seine Mannschaft Video-Seite öffnen

Sieg gegen Neapel : Klopp feiert seine Mannschaft

Nach einem dramatischen Spiel gegen den SSC Neapel ist der FC Liverpool ins Achtelfinale der Champions League eingezogen. Die Reds siegten im Gruppen-Finale dank eines Tores von Salah mit 1:0.

Verlorene Welt

Jüdische Küche : Verlorene Welt

In vielen Städten ist die jüdische Küche aus dem Alltag fast komplett verschwunden. Eine Spurensuche in Berlin, Wien und Brünn.

Topmeldungen

Theresa May : Jetzt soll Brüssel den Brexit retten

Die britische Premierministerin Theresa May hat den Aufstand in ihrer Fraktion überstanden. Auf dem Brexit-Gipfel erhofft sie sich nun Unterstützung der EU. Doch die Lage ist verzwickt.
Diskussion bei Sandra Maischberger

TV-Kritik: Sandra Maischberger : Das Jahr der Frauen

Mit ihrem obligatorischen Jahresrückblick verabschiedete sich Sandra Maischberger in die Weihnachtspause. Es ging um Fussball und Politik, aber vor allem um ein Lebensgefühl. Darüber durften sogar Männer diskutieren.
Unser Sprinter-Autor: Jasper von Altenbockum

FAZ.NET-Sprinter : 27 Mal vorbestraft

Nach dem Amoklauf in Straßburg fragt man sich: Was hilft gegen solche Täter? Der Brexit und Theresa Mays Rücktritt beherrschen diesen Donnerstag. Was sonst noch kommt, steht im Sprinter.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.