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WM-Serie: 1930 : WM-Premiere in Winterpullovern

Die erste Weltmeisterschaft, das erste WM-Plakat Bild: AP

Bei der Uraufführung der Fußball-WM 1930 in Uruguay fehlte das Gros des europäischen Fußballs. Tolle Geschichten gab es dennoch: Das erste Tor fiel im Schneetreiben und wurde im Bordell gefeiert. Das letzte Tor schoß ein Einarmiger. FAZ.NET-Serie.

          5 Min.

          Jeden Montag und Freitag blickt FAZ.NET bis zum Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland in einer Serie auf die vergangenen Turniere zurück. Die Zeitreise beginnt 1930 in Uruguay.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Gäbe es die Fußball-Weltmeisterschaft nicht, man müßte sie erfinden. Das dachte man schon vor 100 Jahren. Vor 76 Jahren tat man es dann endlich: 1930 in Uruguay. Man mußte sie einfach erfinden, schon wegen dieser tollen Überraschungen. Zum Beispiel: Ein erstes Tor, das im Schneetreiben fällt und im Bordell gefeiert wird. Ein letztes Tor, das ein Einarmiger schießt. Ein Spiel, das der Schiedsrichter nach 84 Minuten abpfeift. Ein Elfmeter, der mindestens ein Vierzehnmeter war. Ein Halbfinale, bei dem ein Betreuer protestierend auf den Platz rennt, seine Tasche fallen läßt, dabei ein Chloroformfläschchen zerbricht und in Ohnmacht fällt.

          Und ein Finale, bei dem beide Mannschaften wie im Sandkasten verlangen, mit ihrem eigenen Ball zu spielen, bis der Schiedsrichter, der Knickerbocker und Krawatte trägt, die Streithähne beruhigt, indem er allen ihr Spielzeug gibt: der eine Ball wird in der ersten Hälfte benutzt, der andere in der zweiten.

          Der Endspielball von 1930

          1905 wollte noch keiner mitspielen

          Die gute Nachricht: All das kann eine Fußball-WM bieten. Die schlechte: Die WM 2006 wird es wohl nicht schaffen. Man muß dafür bis zur Premiere vor 76 Jahren zurückgehen. Es hätten auch über hundert Jahre sein können. Denn schon beim zweiten Kongreß des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa), 1905 in Paris, schlug der Niederländer Carl Hirschmann ein Weltturnier vor. Man besorgte eine Trophäe, organisierte Spielstätten in der Schweiz, teilte die zwölf Teilnehmer ein - nur leider wollte dann von denen keiner teilnehmen. Man war der Geschichte noch ein paar Jahrzehnte voraus.

          Ende der zwanziger Jahre aber war Fußball zum Weltereignis geworden. Die Fifa sah mit Argwohn, daß die olympischen Fußballturniere eine Art Ersatz-WM wurden. In Paris 1924 und Amsterdam 1928 hatten besonders die Uruguayer und Argentinier einen Zuschauerboom ausgelöst. So beschloß die Fifa 1928, endlich eine Weltmeisterschaft auszurichten. Aber wo? Deutschland, dem die Fifa gern die Ausrichtung übertragen hätte, hielt anders als die meisten Nachbarn am Amateurprinzip fest und bestand darauf, keine Partien gegen Profiteams zu bestreiten - also auch keine WM mit Profis auszurichten. Österreich, ein weiterer Favorit der Fifa, lehnte mangels geeigneter Spielstätte ab (der Bau des Praterstadions wurde erst 1929 genehmigt). Von den sechs verbleibenden Kandidaten sprangen Holländer und Schweden ab, als sie erfuhren, daß der Ausrichter Reise und Unterkunft der Teilnehmer übernehmen sollte. Gegen die verbliebenen Europäer Italien, Ungarn und Spanien setzte sich Uruguay durch, das zum hundertjährigen Staatsjubiläum ein gewaltiges Stadion baute.

          15 Tage Anreise mit dem Schiff

          Dann kam die Weltwirtschaftskrise, und keiner wollte nach Uruguay. Aus Europa jedenfalls lag bis zwei Monate vor dem Turnier keine einzige Meldung vor. Die Briten waren nicht in der Fifa, die Deutschen beharrten auf ihren Amateurregeln, andere begründeten Absagen mit der langen Reise und dem Problem, die Spieler monatelang von ihren Arbeitgebern loszueisen. Die aufgebrachten Südamerikaner drohten mit Austritt aus der Fifa. Der alarmierte Fußball-Präsident Jules Rimet schaffte es, wenigstens sein Heimatland Frankreich zu gewinnen, indem er bei den Peugeot-Werken die Freigabe für die Spieler von Sochaux und zweier anderer bei der Armee erreichte. Dann meldeten auch Belgien und Jugoslawien, und in Rumänien erwies sich als glückliche Fügung, daß König Carol II. Generalsekretär des Fußballverbandes gewesen war: Er befahl die Teilnahme.

          Franzosen, Belgier und Rumänen schifften sich nach umständlichen Zugreisen auf demselben Schiff ein, der „Conte Verde“. Mit an Bord Jules Rimet und der kleine, goldene WM-Pokal, der später nach ihm benannt werden sollte. Unterwegs nahm man in Rio die Brasilianer auf. Nach 15 Tagen mit gelegentlicher Deckgymnastik kam Montevideo in Sicht - und damit die nächste Überraschung: Dort war Winter. Als erstes wurden Pullover gekauft.

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