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WM 1998 : Als Zidane die Erleuchtung brachte und Ronaldo im dunkeln blieb

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Zinedine Zidane machte Frankreich 1998 zum Weltmeister Bild: picture-alliance/ dpa

Déjà vu der Finalisten von 1998: Frankreich und Brasilien treffen sich acht Jahre nach dem 3:0 von Paris - und die Stars sind noch die alten. Ronaldo und Zidane stehen im Mittelpunkt des WM-Viertelfinales.

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          Ehe ganz Frankreich auf die Straßen stürmte und die Champs-Elysees sich in ein Menschenmeer verwandelte, schien das Finale zweier großer Mannschaften wie das Duell zweier großer Stars: Frankreich gegen Brasilien, das war vor allem und zuallererst der Zweikampf Zidane gegen Ronaldo. Zwei Giganten sollten an diesem 12.Juli 1998 im Endspiel um die Weltmeisterschaft aufeinandertreffen. Der katzenhaft-elegante Regisseur der Equipe Tricolore zeigte sich von Beginn an präsent und bereit, die Weltbühne des Fußballs mit seinen Freunden zu erobern; die unaufhaltsame Stürmerikone der Selecao war auch da - und schlich neunzig Minuten müde, erschöpft, blaß um die Nase auf dem Rasen des Stade de France vor den Toren von Paris herum. War das Ronaldo? fragten sich selbst seine Bewunderer, die den 21 Jahre alten Angreifer mit dem Turboantritt nicht wiedererkannten.

          Das war Zidane! jubelten die Fans des französischen Spielmachers in der mit 74000 Zuschauern zum Bersten gefüllten Arena. "Zizou" genoß Frankreichs größtes Fest zwei Tage vor dem Nationalfeiertag und erwies sich dazu als Connaisseur der Kopfballkunst - eine Fertigkeit, die er seinem Volk bis dahin vorenthalten hatte. Zinedine Zidanes Meisterstück zum rauschenden Schluß einer aufregenden WM für die Grande Nation waren seine zwei Kopfballtreffer gegen die Brasilianer, bei denen Torhüter Taffarel nur staunen konnte (27. und 45. Minute). Tore, die das Fundament legten für Frankreichs ersten Titelgewinn im wichtigsten Fußballwettbewerb der Welt. Petits 3:0 in der Schlußminute war da nur eine Zugabe; die Gelb-Rote Karte für Desailly (68.) lediglich eine Fußnote. "Heute hat uns Zidane die Erleuchtung gebracht", schwärmte Trainer Aime Jacquet über seinen Genius auf dem Platz, dessen zauberhafte Qualitäten Frankreich den Weg zur Titeleroberung im eigenen Land ebneten.

          Zwangen ihn die Sponsoren zu spielen?

          Während die Franzosen ihrer Multikulti-Mannschaft massenhaft huldigten und Staatspräsident Jacques Chirac ("Frankreich hat seine Seele wiedergefunden") im Fanschal den Jubelchor einer für den glorreichen Moment einigen Nation anführte, verschwand Ronaldo, der noch zwei Stunden vor Spielbeginn nicht auf dem Aufstellungsbogen verzeichnet war, in den Katakomben der für die WM gebauten, an ein gelandetes Ufo erinnernden Arena. Was war bloß mit dem vorher so unbeschwerten, dynamischen, mitreißenden Brasilianer los? Bis heute ist die Frage nicht über alle Zweifel erhaben und geklärt: Erlitt er, wie die meisten glauben, vor der Partie einen epileptischen Anfall, hatte er Kreislaufprobleme, streikte der Magen? Zwangen ihn die Sponsoren zu spielen? Selbst ein vom brasilianischen Parlament eingesetzter Untersuchungsausschuß brachte keine Klarheit in die rätselhafte Affäre. "O Fenomeno", das Phänomen, schwieg sich bis heute im Detail aus.

          Was war nur mit Ronaldo los?
          Was war nur mit Ronaldo los? : Bild: picture-alliance / dpa

          Daß es ihm nicht gutging, ist verbürgt; daß er unbedingt spielen wollte, auch; daß er an diesem sommerlichen Sonntagabend nicht spielen konnte, war das einzige, was jeder sehen konnte. Großer Ronaldo, kleiner Ronaldo: Welch eine unwirkliche Vorstellung in einem Endspiel, in dem sich die ganze brasilianische Mannschaft winzig vorkommen mußte. 0:3, derart deutlich hat die Selecao weder vorher noch danach bei einer Weltmeisterschaft verloren. Die Franzosen, die mit einiger Mühe und viel Nervenkraft das Finale erreichten, waren selbst ganz baff, wie leicht ihnen dieser Triumph gemacht wurde. An diesem 12.Juli litt nicht nur der Superstar Ronaldo an sich selbst; es bröckelte auch die Fassade der für unantastbar, unangreifbar, unschlagbar gehaltenen Südamerikaner. Da standen plötzlich keine Künstler oder gar Magier mehr auf dem Platz, sondern verunsicherte Menschen mit Fehlern und Schwächen und Ängsten, die sich zu einem kollektiven Blackout verdichteten. Der Fußball mit seiner unvorhersehbaren Dramaturgie hatte für diesen einen Tag die Verhältnisse umgekehrt und die an solche Triumphe nicht gewöhnten Franzosen zu Übermenschen ihres Genres gemacht.

          Sieben Protagonisten von damals spielen heute mit

          An dieser Selbstüberschätzung ging das Unternehmen WM 2002 früh zu Bruch, als Titelverteidiger Frankreich schon nach den Gruppenspielen in Südkorea sieg- und torlos heimreisen mußte. Jetzt, da Zidane noch ein letztes Mal dabei ist und Ronaldo seine vierte WM-Teilnahme erlebt, gibt es endlich ein Wiedersehen der beiden Finalisten von 1998. Die nach der Vorrunde schon totgesagten Franzosen haben es mit ihrem reaktivierten Altmeister der Regiekunst doch verstanden, ihre Angst vor einer zweiten Blamage zu verscheuchen. Mit Müh und Not kamen die vermeintlich zu alten Herren des Turniers ins WM-Achtelfinale; mit frischem Mut besiegten sie dort die angeblich so taufrischen Spanier 3:1 und begegnen nun zum heißersehnten Deja vu acht Jahre danach aufs neue Brasilien und Ronaldo. Außer den Protagonisten Ronaldo und Zidane waren damals auch Cafu und Roberto Carlos auf seiten des Titelverteidigers und Barthez, Thuram sowie Vieira beim Altweltmeister dabei. Für das Publikum, das dem Duell in Frankfurt am Samstag abend entgegenfiebert, reduziert sich das Wiedersehen abermals auf das Duell der Köpfe: Ronaldo gegen Zidane.

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