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Oliver Kahn : „Das war mein letztes Länderspiel“

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Abschied von der Nationalelf Bild: AP

Beim großen Finale rückte der „Torhüter der Herzen“ aus dem Abseits ins Rampenlicht. Auf der Fußball-Weltbühne genoß Oliver Kahn eine perfekte Abschiedsparty und war nach dem Schlußpfiff völlig überwältigt. „Ein schöneres letzte Länderspiel kann es nicht geben.“

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          Die deutschen WM-Helden wurden gefeiert wie die Weltmeister - und beim großen Schlußbild rückte der „Torhüter der Herzen“ aus dem Abseits ins Rampenlicht. Auf der Fußball-Weltbühne genoß Oliver Kahn eine perfekte Abschiedsparty und war nach dem Schlußpfiff seiner großen Nationalmannschaftskarriere völlig überwältigt. „Es war fast das emotional besonderste Spiel überhaupt. Nur noch getoppt durch das WM Finale 2002, aber das heute war fast noch einen Tick toller“, sagte ein hin und her gerissener „Titan“, der nach den wohl schwierigsten Wochen seiner erfolgreiche Karriere nach dem 3:1 gegen Portugal mit erhobenem Haupt abtreten konnte. „Ein schöneres letzte Länderspiel kann es nicht geben.“

          Während seine Mitspieler den dritten WM-Platz zum Abschluß einer mitreißenden Heim-Weltmeisterschaft feierten, verkündete Kahn in die Fernsehmikrofone seinen Rücktritt - mit dem FC Bayern München will er aber weiter nach Titeln und Triumphen streben. „Ich hab alles erlebt, alles gesehen: Weltmeisterschaften, Europameisterschaften. Ich kann jetzt nach fast 90 Länderspielen völlig zufrieden und mit mir selbst im Reinen das Thema Nationalmannschaft abschließen“, verkündete Kahn in fast schon staatsmännischer Manier und ließ sich von den Fans feiern, die ihn schon während des Spiels mehr angefeuert hatten als seine Teamkollegen.

          In der Reservistenrolle der große Gewinner

          „Ich glaube, die Spieler und ich werden viele, viele Wochen brauchen, um das alles hier mal zu verarbeiten und zu verstehen. Wir haben den Menschen viel gegeben und sie uns. Das war eine fantastische Zeit“, erklärte Kahn, der in seiner Reservistenrolle einer der großen WM-Gewinner wurde. Er übersprang in den Begeisterungs-Wochen nicht nur mehrere Stufen in der Beliebtheitsskala, sondern holte letztlich sogar das Maximum für sich raus: Mehr als das Spiel um Platz drei war für Kahn eigentlich nach seiner Ausbootung als Nummer 1 nicht drin bei der Heim-WM, die für ihn auch eine Tour der Leiden war. „Das war eine ganz harte Zeit, mit die härteste Zeit in meiner Karriere. Es war eine schmerzliche Geschichte“, gestand der 37jährige ein.

          Abschied von der Nationalelf Bilderstrecke

          Großartig nahm er die Herausforderung an, die einen Höhepunkt in der innigen Geste mit Lehmann vor dem Elfmeterschießen gegen Argentinien fand. Das hochprofessionelle Umgehen mit dem Ungewohnten brachte Kahn nicht nur in eine hervorragende Ausgangsposition für eine mögliche Karriere nach der Karriere, sondern beeindruckte Fans, Mitspieler und sogar Jürgen Klinsmann. „Ich kann nur mit allerhöchstem Respekt über Olli sprechen, nachdem was er schlucken mußte, wie es da gebrodelt hat. Das ist unglaublich, wie er damit umgegangen ist“, lobte Klinsmann, der Kahn den Traum von der Nummer 1 bei der Heim-WM genommen hatte. Der Bundestrainer umarmte den Torwart nahezu herzlich im Trubel der Stuttgarter Nacht - Kahn drückte allerdings nur halbherzig zurück.

          „Das wird man nie wieder vergessen“

          Nach dem emotionsgeladenen Abschiedsabend in Stuttgart trat Kahn aber nicht verbal nach und verzichtete auf kritische Worte. Er genoß einfach nur den atemraubenden Augenblick. „Ich bin sehr dankbar für dieses Spiel heute, und daß es so gut gelaufen ist. Vielleicht ist es so, daß man belohnt wird, wenn man alles annimmt“, philosophierte Kahn, der sich Tränen verkneifen mußte. Schwer mußte er schlucken, als Ballack den Arm um den treuen Weggefährten legte.

          Im Stadion ging Kahn gejagt von der größten Fotografen-Meute auf seine eigene Ehrenrunde. Und um 22:55 Uhr folgte ein weiterer Schritt zur Versöhnung mit seinem Rivalen Jens Lehmann: Der Londoner machte ein paar Schritte auf den 37-Jährigen zu und reichte ihm die Hand. Beiden blickten sich tief in die Augen, standen danach minutenlang in ihren orangenfarbenen Trikots nebeneinander. „Diese ganze WM hat so viele Emotionen und Erlebnisse für mich und Jens gebracht, daß man sich da näher kommt, das ist ganz normal“, schilderte Kahn. „Es wäre auch schade gewesen, wenn man auseinander geht und die Dinge wären so, wie sie immer gewesen sind.“

          Erstes Länderspiel vor elf Jahren

          „Es ist unglaublich, was der Fußball bewirken kann. Da fehlen einem die Worte. Das wird man nie wieder vergessen“, sagte der Münchner nach seinem letzten Auftritt im DFB-Dress. Im Stuttgarter Stadion hatte er wie seine Kollegen von Bundeskanzlerin Angela Merkel die Bronzemedaille für den dritten Turnierplatz erhalten. In seinem letzten Spiel hatte er zuvor noch einmal mit einigen imponierenden Paraden auch sportlich überzeugt. „Das ist schon überwältigend“, sagte er zum Abschied.

          Sein erstes Länderspiel hatte Kahn am 23. Juni 1995 in Bern gegen die Schweiz (2:1) bestritten. Trotz vieler Erfolge wie dem Champions- League-Sieg und dem Weltpokalsieg im Jahr 2001 sowie dem Uefa-Pokalsieg 1996 mit dem FC Bayern ordnete Kahn den dritten Platz bei der WM als den „vielleicht größten emotionalen Moment“ seiner Karriere ein. 2002 war er mit dem DFB-Team in Japan und Südkorea Vizeweltmeister geworden und wurde zum besten Spieler des Turnier gekürt.

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