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Nationalteam : Kahns Leiden auf der Bank

  • -Aktualisiert am

Kahn kann nicht fassen, daß er zuschauen muß Bild: REUTERS

Oliver Kahn hat sich noch nicht mit seiner Degradierung zur Nummer zwei im deutschen Tor abgefunden. „Es gab keinen Grund, die Nummer eins abzusetzen“, sagte er. Von Bundestrainer Klinsmann habe er keine Erklärung erhalten.

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          Es sind die letzten kleinen Überbleibsel, die Oliver Kahn noch an die gute alte Zeit erinnern mögen. Als der Torwart-Titan im Mittelpunkt stand und sich die Fußballwelt an besonders tollen Tagen auch um ihn drehte. Um nach dem Achtelfinalspiel den Torwartpulli zu tauschen, steuerte sein Kollege Andreas Isaksson wie selbstverständlich auf ihn und nicht etwa Jens Lehmann zu.

          Der schwedische Keeper hatte eine glanzvolle Partie hingelegt, hochkarätige Chancen des Gegners vereitelt und war trotz der bitteren Niederlage seines Teams einer der auffälligsten Akteure auf dem Platz. Aber das Erinnerungsstück an diesen für ihn letzten WM-Tag besorgte er sich vom ausgemusterten Helden und nicht von der wahren Nummer eins im deutschen Tor, was etwas über Kahns ungebrochene Wirkung in der Branche aussagt.

          Fast teilnahmslos

          Ein Mal während dieser Weltmeisterschaft hat der Münchner ausführlich Stellung bezogen zu seiner neuen Rolle. Er beschrieb, wie quälend das Gefühl sei, auf der Bank Platz nehmen zu müssen und keinen direkten Einfluß nehmen zu können auf das Wirken der deutsche Elf, deren Kapitän er einmal gewesen war. Aber Kahn sprach auch davon, daß er sich arrangiert habe mit der Situation, sogar einen Sinn sehe in der Aufgabe, die junge Mannschaft in gewissen Situationen anzuleiten. „Es geht nicht um mein persönliches Schicksal, es geht um etwas viel Größeres, deshalb muß ich mich hinten anstellen.“

          Nur noch eine Randfigur
          Nur noch eine Randfigur : Bild: REUTERS

          Daß diese Erkenntnis für ein Alphatier wie ihn nur unter größter Überwindung reift, kann sich jeder vorstellen. Er würde sich derzeit bestimmt nicht zu den glücklichsten Menschen im deutschen Fußball zählen. Als Kahn nun auf WM-Durchreise zum zweiten Mal in seinem Münchner Heimstadion Station machte, wirkte er äußerlich eher zerknirscht als gelassen, fast teilnahmslos. Den ersten Statistenauftritt als Zuschauer auf der Bank während des Eröffnungsspiels beschrieb er als einen der „härtesten Momente“ seiner Karriere. Am Samstag gegen Schweden folgte er dem Spiel meist mit emotionsloser Miene und recht bald nach dem Schlußpfiff verschwand er in die Katakomben der Arena. Fast kreuzte sich dabei der Weg mit dem zufriedenen Bundestrainer, doch es schien, als würde sich keine der beiden Seiten unbedingt bemühen, einander in die Arme zu laufen.

          Groll auf Klinsmann

          Hier ein schlechtes Gewissen? Dort unverändert der Ärger über die Nichtberücksichtigung? „Ich bin, wie ich bin. Zwischendurch ist es schon schwieriger“, sagte Kahn, kurz bevor er das Münchner Stadion verließ. Mit dem Schicksal der Nummer zwei über viele Wochen zurechtzukommen, kann nur hart sein für den ehemaligen „Welttorhüter“, zumal sich die anfängliche Begeisterungswelle in Fußball-Deutschland zur Monsterbrandung auftürmt. In einem Interview mit dem „Spiegel“ legt er jetzt nach und offenbart echten Groll - auf Klinsmann. „Auf der einen Seite versuche ich immer zu tun, was für die Mannschaft nötig ist, weil ich mich selbst zurücknehmen kann. Auf der anderen Seite habe ich ihm deutlich gesagt, daß ich das nie nachvollziehen und verstehen werde, warum ich nicht mehr die Nummer eins bin“, sagt er im Nachrichtenmagazin.

          Ob er sich in diesen Tagen vielleicht zu sehr verleugnet hat und am Ende geschwächt aus dieser Weltmeisterschaft herausgeht - öffentlich beschäftigt er sich nicht mit dieser Frage. „Mittlerweile komme ich sehr gut mit der Situation klar“, sagte er. Ist das glaubhaft, wenn er andererseits wohl noch nicht mit der Vergangenheit abschließen konnte? Er sagt, daß er vom Bundestrainer „normalerweise schon eine fundierte Erklärung erwartet. Aber da sie bis heute ausgeblieben ist, gibt es wahrscheinlich keine“.

          Es brodelt im Titan. Doch er zwingt sich durchzuhalten und sieht sich zuerst einmal als „deutscher Fußballer“, der seiner Mannschaft hilfreich zur Seite stehen will, „damit sie das große Ziel erreicht.“ Darum ginge es ihm, sagt er, und deshalb drückt der Obertoreverhinderer von einst neben allem Ärger seine Zufriedenheit über die neuen Defensivqualitäten der deutschen Mannschaft aus, die er immer angemahnt hatte. „Das Allerwichtigste überhaupt ist, daß wir hinten zu null spielen. Es macht mir Hoffnung, wie wir in der Defensive stehen und als Mannschaft auftreten.“

          Oliver Kahn bewegt sich bei dieser WM weiterhin auf einem schwierigen Feld. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als nur am Rande nach kleinen Erfolgen oder Aufmerksamkeiten zu fischen. Von den Mitspielern, so ist zu hören, erhält er höchsten Respekt für sein mannschaftsdienliches Verhalten gezollt. Und wenn ein starker Kollege wie der Schwede Isaksson freundlichst um einen Trikottausch bittet, dürfte ihm das gut tun und den 36 Jahre alten Münchner an bessere Zeiten erinnern. Seinen Namen hat die Fußballwelt noch nicht vergessen. Unlängst empfing er im Berliner Mannschaftsquartier zwei Usbeken, die für einen Autogrammwunsch 6.500 Kilometer auf ihren Rädern in die deutsche Hauptstadt geradelt waren. Aber es ändert nichts daran, daß von Spiel zu Spiel Kahns Hoffnung schwindet, doch noch zum WM-Helden des Jahres 2006 zu werden.

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