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Kommentar : Auge um Auge

  • -Aktualisiert am

Alle kennen die Szene, nur zwei kennen den Prolog Bild: dpa

„Worte“, pflegen die ukrainischen Box-Brüder Klitschko gerne von sich zu geben, „können mehr verletzen als Schläge.“ So gesehen muß Materazzi einen Volltreffer gelandet haben. Zidane hätte lieber einen Schlag ins Gesicht bekommen, sagte er. Deshalb die Selbstjustiz.

          Zinedine Zidane hat sich erklärt, ohne groß zur Klärung beigetragen zu haben. Wer wissen will, welche Worte es waren, die den Fußballprofi in Rage brachten, wird sich weiter gedulden müssen. Vielleicht sogar für immer. Kein schlechter Zug des Franzosen, den Part des Aufklärers dem Provokateur Marco Materazzi zu überlassen.

          Der gelernte Verteidiger sieht sich plötzlich in der Defensive. Er ist gerade dabei, seinerseits auf verbale Attacken zu reagieren. Die Zahl derer, die nach der Majestätsbeleidigung auf den italienischen Bösewicht deuten, wächst mit dem Abstand zur Tat. Zidane hat sich am Mittwoch abend ausdrücklich „bei den Kindern entschuldigt“, die seinen Kopfstoß „gesehen haben“. Eine Grenzübertretung, nicht zur Nachahmung empfohlen. Da werden Pädagogen erleichtert sein, die Überreaktionen vom Schulhof kennen und dann zu hören bekommen: „Aber der hat gesagt. . .“ Ohrenzeugen sind nicht immer zur Stelle, Aussage steht gegen Aussage.

          Nur zwei kennen den Prolog

          Kinderkram. Was in Berlin geschah, haben Milliarden gesehen, aber nur zwei kennen den Prolog, der nicht zum Dialog führte. „Worte“, pflegen die ukrainischen Box-Brüder Klitschko gerne von sich zu geben, „können mehr verletzen als Schläge.“ So gesehen muß Materazzi einen Volltreffer gelandet haben. Zidane hätte lieber einen Schlag ins Gesicht bekommen, sagte dieser dem Interviewer. Deshalb die Selbstjustiz. Soweit kennt alle Welt diese Geschichte einer aus dem Ruder gelaufenen Zweierbeziehung. Aber die Rolle des reuigen Sünders mag Zidane nicht ohne weiteres annehmen. Die Entschuldigung ist denkbar differenziert ausgefallen.

          Neben den Millionen Kindern ist sie an „Menschen und Erzieher“ adressiert, „die versuchen, die Kinder zu lehren, was gut ist und was schlecht ist. Aber ich kann meine Handlung nicht bedauern. Weil das bedeuten würde, daß er das Recht hatte, es zu sagen. Ich kann es nicht, ich kann es nicht, ich kann es nicht sagen. Nein, er hat kein Recht, das zu sagen, was er sagt.“

          Bis aufs Blut gereizt

          Eine vierfache Verneinung. Zidanes Worten haftet etwas Alttestamentarisches an. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Im Berliner Olympiastadion verwandelte sich der König des Festes von einer Sekunde auf die nächste in einen Stier. Bis aufs Blut gereizt von einem aus dem Fußvolk der WM. Statt nach dem Abpfiff durch das große Portal zu schreiten, erfolgte der Abgang des Helden gesenkten Hauptes durch jenen Tunnel, der zu den Umkleidekabinen führt. Aus dem gefallenen Engel war der arme Teufel geworden. Materazzi hat jetzt den Schwarzen Peter.

          Zinedine Zidane hat gesprochen, ohne alles gesagt zu haben. Die vollständige Aufklärung der unseligen Affäre überläßt er Materazzi. Unausgesprochen fordert er den Mann, der das Finale vergiftete, zur Reaktion auf. Materazzi versucht sich in der Kunst, Zidanes Kopfstoß zu verharmlosen, ohne ein klares Wort der Entschuldigung. Der Italiener hat mehr von einem Brutus als von einem Triumphator. Diese Doppelrolle wird den eisenharten Verteidiger auf Dauer überfordern. Da wäre es heilsamer für ihn, entgegen seinem Naturell klein beizugeben. Gesagt ist gesagt.

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