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Jens Lehmann : Vom Libero zum Titan?

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„Wahrscheinlich bin ich zu diszipliniert“, gab Lehmann in einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ zu. Irgendwie fühlt der Profi, daß sein Leben leichter sein könnte, wenn er lockerer wäre, irgendwie spürt er, wie er sich verhalten sollte. Zum Beispiel mag er es nicht, mit einem Handy fotografiert zu werden, weil das so machohaft, angeberisch businessmäßig aussehe. Auch vertrage es sich nicht mit seinen Ansichten von Elternschaft, das Schlafzimmer zu verlassen, wenn das Baby nachts schreit. Aber er tut es - für Deutschland.

Fanatismus und Akribie

Lehmanns Fanatismus und die Akribie für die Arbeit nimmt es mit der von Oliver Kahn auf. Auf seinem Oberkörper wölben sich die Muskeln, das Resultat täglichen Krafttrainings. Seine Bewegungen sind geschmeidig, keiner treibt so viel Gymnastik im deutschen Team wie er. Nur sein Gesicht verrät die Jahre. Er sei selber erschrocken wie verhärmt er in letzter Zeit aussehe. Mit einer guten Creme wolle er dagegen angehen. Das ist schon mal ein Anflug von Humor, aber richtig locker kann er wohl erst nach seiner Laufbahn als Fußballprofi werden. Die Entscheidung Klinsmanns am 7. April, ihn zur Nummer eins zu machen, hat ihn immerhin schon einmal ein wenig aufgeweicht. Sein Mannschaftskollege von Arsenal, der Franzose Robert Pires, spricht von einem komplett neuen Menschen. Das ist sicher übertrieben, aber der quälende Druck, es packen zu müssen, der Druck, der ihn manchmal ungenießbar machte, ist von Lehmann gewichen.

Er wollte unbedingt spielen in Deutschland, nachdem er seit der WM 1998 bei allen großen Turnieren dabei war, jedoch nie eingesetzt wurde. Für besser als Kahn empfand er sich schon immer. Aber in Deutschland werde nicht nur nach Leistung aufgestellt, sondern manchmal auch, um Unruhe zu vermeiden, bemäkelte der unzufriedene Torwart einmal. Dabei wählte er das Beispiel Lothar Matthäus und vermied, direkt für sich zu werben.

Klinsmann wurde zu seinem Glück

Wäre Rudi Völler Bundestrainer geblieben, Jens Lehmann hätte vielleicht schon seinen Rücktritt aus der Nationalelf erklärt. Jürgen Klinsmann wurde zu seinem Glück. Lehmanns Interpretation der Torwartrolle entspricht exakt den Vorstellungen des neuen Chefs. Selbst der Torwart kann dem Bundestrainer nicht offensiv genug sein. Es kommt Lehmann entgegen, daß Arsenal so spielt, wie es Klinsmann von der Nationalelf gerne sehe. „Bei Arsenal wird High up gespielt, wie man das hier nennt, mit dem Ziel, daß man nicht hinten rein gedrückt wird und seine eigenen Angriffe schon in die Hälfte des Gegners verlagern kann. Bei der Nationalmannschaft versuchen wir, das jetzt auch zu spielen. Das klappt nicht immer auf Anhieb, aber es wird besser und besser.“ Und wenn es nicht klappt, dann ist die Abwehr offen für Konter. Die Aufgabe, die einige Experten Jens Nowotny gerne übertrügen, muß dann Lehmann ausfüllen - er ist der Libero der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.

Libero schlägt Titan. So ist es bei Klinsmann. Ob das auch die Öffentlichkeit so sehen wird? Es ist eine große Aufgabe für Lehmann, bei diesem Turnier von gleichem Wert für die deutsche Nationalmannschaft zu sein, wie es der Münchner bei der WM 2002 war. Furcht vor dem Scheitern hat Lehmann nicht - behauptet er. „Ich muß keine Angst haben. Dafür weiß ich, was ich als Fußballspieler kann, und dafür habe ich ein zu schönes Leben.“

Mit dem Aufstieg innerhalb der Hierarchie der Nationalmannschaft hat sich für den Keeper von Arsenal nichts verändert. Er sieht sich nicht in die Rolle des Motivators oder Leithammels gedrängt. „Ich muß das nicht üben, ich bin, wie ich bin. Und wenn ich da eklatante Defizite hätte, dann hätte sich Klinsmann nicht für mich entschieden.“ Stunden vor der Weltmeisterschaft gibt Lehmann den kühlen Profi. Furchtlos, selbstbewußt. Alles unter Kontrolle. Nur keine Schwäche zeigen - wie Oliver Kahn. Wird Jens Lehmann zum nächsten Titan?

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