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Jens Lehmann : „Als deutscher Torwart sollte man ein Elfmeterschießen gewinnen“

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Er hat es allen gezeigt: Jens Lehmann Bild: REUTERS

Vier Spiele kaum geprüft - und dann der umjubelte Held: Jens Lehmann behielt im Elfmeter-Krimi gegen Argentinien die Nerven und führte die deutsche Mannschaft ins Halbfinale. Unmittelbar vor dem Elfmeterschießen hatte er von Oliver Kahn eine Extra-Portion Zuspruch erhalten.

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          Ein kleiner Spickzettel mit den Vorlieben der gegnerischen Schützen hat Deutschlands Torhüter Jens Lehmann im Elfmeter-Drama gegen Argentinien (1:1 n. V., 4:2 i.E.) entscheidend weitergeholfen. „Es ist alles aufgegangen“, sagte Bundestorwarttrainer Andreas Köpke am Samstag. Köpke hatte Lehmann den Zettel zugesteckt, den dieser beim Elfmeterschießen in seinem rechten Stutzen versteckte. Auch Roberto Ayala und Esteban Cambiasso, deren Schüsse er parierte, waren darauf verzeichnet. „Wir überlassen nichts dem Zufall“, sagte Köpke.

          Jens Lehmann hat damit als vierter Schlußmann in einem Elfmeterschießen einer Fußball-WM gleich zwei Strafstöße abgewehrt. Die Nummer eins im deutschen Tor war nach dem Ukrainer Aleksander Schowkowski der zweite Keeper, dem dieses Kunststück bei der laufenden WM gelang. Als erstem Schlußmann hatte Toni Schumacher bei der WM 1982 im Halbfinale gegen Frankreich zwei Strafstöße pariert. Vier Jahre später wiederholte er die außergewöhnliche Leistung im Stechen gegen Mexiko. 1990 parierte der Argentinier Sergio Goycoechea im Halbfinale gegen Italien zwei Elfmeter.

          Als erster in der Kabine

          Vier Spiele wurde er bei der WM kaum geprüft - und dann war er der umjubelte Held: Jens Lehmann behielt im Elfmeter- Krimi gegen Argentinien die Nerven und führte die deutsche Mannschaft ins Halbfinale. Um 19.41 Uhr stürmten die deutschen Fußball- Nationalspieler in ungehemmter Freude auf ihre Nummer 1 zu und feierten ihn gemeinsam 72.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion.

          Gehalten!

          Den Jubel im Trubel seiner Teamkollegen genoß Lehmann aber nur ganz kurz: Er machte sich als erster auf den Weg in die Kabine und wollte im Moment des allergrößten Glücksgefühls nur für sich alleine sein. „Ich denke, das wird von mir erwartet. Als deutscher Torwart sollte man ein Elfmeterschießen gewinnen“, sagte Lehmann nach der Nervenprobe. „Die vier Schützen haben super geschossen. Jetzt kommt wieder eine große Herausforderung. Die Leute sollen feiern, ich bereite mich jetzt wieder vor.“

          Zuspruch von Oliver Kahn

          Um 19.32 Uhr war endlich der große Auftritt des Keepers des FC Arsenal London gekommen, als Julio Cruz zum ersten Elfmeter auf ihn zuschritt - wenngleich der noch traf. Daß er Elfmeter halten kann, hatte Lehmann zuletzt im Halbfinale-Duell der Champions League mit dem FC Villarreal gegen den argentinischen Star Juan Roman Riquelme bewiesen. Diesmal mußten zwei von dessen Mitspielern dran glauben. Erst parierte Lehmann um 19:38 den Elfmeter von Roberto Ayala, um 19:41 Uhr hielt er dann gegen Esteban Cambiasso und rettete den Sieg.

          Unmittelbar vor dem Elfmeterschießen hatte er ausgerechnet von seinem Rivalen Oliver Kahn eine Extra-Portion Zuspruch und Schulterklopfen erhalten und danach seine Stärke im Nerven-Krimi „Mann gegen Mann“ bewiesen. Dabei hatte der Freitagabend für den deutschen Fußball-Nationaltorhüter alles andere als gut angefangen. Nach 335 Minuten ohne Gegentor kassierte er in der 49. Minute des Viertelfinal-Krimis gegen Argentinien durch Ayala.

          Jetzt steigt der Druck

          In der regulären Spielzeit hatte der Keeper gegen die Südamerikaner zwar leichte Startschwierigkeiten, doch danach mühte er sich neben seiner Torwartarbeit, viele Anweisungen zu geben und von hinten heraus zu dirigieren. Die nervliche Anspannung im K.o.-Duell war ihm von der ersten Minute an deutlich anzumerken. „Jetzt kommt der Zeitpunkt, wo der Druck steigt“, hatte Lehmann vor der größten Bewährungsproben der Nationalmannschaftskarriere erklärt.

          Lehmanns Situation bei der Heim-WM war bis zum Freitagabend völlig konträr zu der seines Rivalen Kahn vor vier Jahren in Asien. Der als Nummer 1 ausgemusterte Kahn, der durch die Szene mit Lehmann vor dem Elfmeterschießen Größe bewies, führte die deutsche Mannschaft damals als „Titan“ mit überragenden Leistungen und nur einem Gegentreffer bis ins Finale. Nun bescherte Lehmann seinem Team zumindest das Halbfinale. Kahns deutschen WM-Rekord, drei Gegentore in sieben Spielen, kann Lehmann, der außerhalb des Elfmeterschießens drei Mal hinter sich greifen mußte, nicht mehr verbessern. Aber er kann noch genauso gut sein wie sein Kontrahent. Dazu müßte er seine weiße Weste behalten - und könnte Deutschland so vielleicht zum WM-Titel führen.

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