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Arne Friedrich : Klinsmanns Sorgenkind

Nicht obenauf: Arne Friedrich Bild: dpa

Ganz Fußball-Deutschland schwimmt auf einer Welle der WM-Begeisterung. Nur Arne Friedrich taucht unter. Einerseits Teil des großartigen Teams, andererseits Schwachpunkt der Abwehr. Doch Klinsmann hat keine Alternative.

          3 Min.

          Es ist nicht leicht in diesen Tagen, Arne Friedrich zu sein. Man würde gerne wissen, wie es ihm geht bei der Weltmeisterschaft. Aber man weiß es nicht, man kann es nur ahnen oder versuchen, sich seinem Gemütszustand auf Umwegen zu nähern. Denn Arne Friedrich spricht nicht mehr, zumindest nicht mehr in der Öffentlichkeit. Er hat alle Interviewtermine vor dem Viertelfinale gegen Argentinien abgesagt, und auch auf der Pressekonferenz im Congress Center seiner Heimatstadt wird er auch nicht mehr erscheinen.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Es läßt sich nur vermuten, daß Arne Friedrich nichts mehr hören will von den Fragen über seine Form und auch nicht, wie er gedenkt, den argentinischen Star Maxi Rodriguez stoppen zu können, der an diesem Freitag wohl immer wieder auf seiner rechten Abwehrseite auftauchen und für Wirbel sorgen wird. Man kann nur annehmen, was Friedrich sagen würde, denn solche Fragen sind dem Berliner Kapitän, als er noch redete, seit seinem ersten WM-Spiel immer wieder gestellt worden. „Ich habe keine Angst“, hat Friedrich da gesagt, egal wer sein Gegenspieler sei. Was man eben so sagt, wenn man keine wirklichen Antworten hat und sich nicht auf seine Form verlassen kann.

          Eine Hau-den-Friedrich-Mentalität

          Vielleicht ist es wirklich das Beste, daß Arne Friedrich in seiner Heimatstadt im Schloßhotel Grunewald untertauchen kann. Denn der 27 Jahre alte Kapitän von Hertha BSC ist ein reflektierender Profi, und man ahnt, daß die WM in diesen Tagen für ihn in zwei Teile zerfällt. Auf der einen Seite ist da der großartige Erfolg der Mannschaft, die von einem ganzen Land gefeiert und vom Ausland bestaunt wird. Von dieser Mannschaft ist er ein Teil. Jeder ist so wichtig wie der andere, so lautet das Credo des Klinsmann-Teams. Aber da ist trotzdem auch Arne Friedrich selbst, seine persönliche Leistung und sein eigenes Ziel, das er mit der Weltmeisterschaft verbunden hat. Man muß nicht unbedingt sagen, daß diese Bilanz nach vier Spielen niederschmetternd ausfällt, aber die Diskrepanz zwischen dem Deutschland-Gefühl und dem Arne-Friedrich-Gefühl ist erheblich.

          Im Duell mit Schwedens Star Ibrahimovic

          Als er noch redete, sagte Arne Friedrich, daß die Kritik in dieser Form für ihn neu sei. Er spürte schon vor einer Woche eine Hau-den-Friedrich-Mentalität, aber zunächst fand die sich nur im Kleingedruckten wieder. Nach dem Eröffnungsspiel gegen Costa Rica haben ihm manche Blätter schon die Note 6 verpaßt - und eine 6 wird bei den Spielern als „politische“ Botschaft verstanden, nicht mehr als sachliche Kritik. Sie bedeutet: Raus aus dem Team. Aber es gibt, und das ist Friedrichs Glück und Pech zugleich, ausgerechnet auf seiner Position keinen Ersatz.

          „Mein Spielstil ist nie so kritisiert worden wie jetzt“

          Er ist der einzige rechte Verteidiger im Kader. Es gibt niemand, mit dem er sich messen kann. Er ist sein einziger Gegner, das fördert den Druck. Denn Jürgen Klinsmann hat Patrick Owomoyela zu Hause gelassen, und man weiß auch nicht, ob dies nicht vielleicht die einzige Personalentscheidung ist, die der Bundestrainer mittlerweile bereut. Wenn er Friedrich nun ersetzen wollte, kämen dafür theoretisch die Mittelfeldspieler Frings und Schneider in Frage, aber diese erhebliche mannschaftliche Umbauarbeit birgt ein unkalkulierbares Risiko. Die Trainer halten es bisher für größer als einen Einsatz Friedrichs.

          Als er noch redete, sagte Friedrich, daß „mein Spielstil nie so kritisiert worden ist wie jetzt“. Er schien das nicht recht zu verstehen, immerhin ist er schon vier Jahre Nationalspieler und hat vierzig Länderspiele auf dem stets durchgedrückten Rücken. Aber die Diskrepanz zwischen dem Friedrich-Fußball und dem Nationalmannschafts-Fußball ist mit jedem Spiel größer geworden. Nur die Partie gegen die Ecuadorianer, die auf ihren kompletten Sturm verzichtet hatten, war eine Ausnahme. So wirkt der Berliner bei seiner Heim-WM wie das letzte Souvenir aus den Zeiten des Sicherheitsdenkens, wie die personifizierte Anti-Klinsmann-Philosophie in einem Team, das ansonsten kaum mehr weiß wohin mit seiner Dynamik und seinem Selbstbewußtsein.

          Herthanischer Rückpaßautomat“

          Im Achtelfinale gab es einen Moment, wie er bisher bei der WM im Team noch nicht zu sehen war. Klinsmann bebte an der Seitenlinie vor Zorn. Er brüllte den „herthanischen Rückpaßautomat“ (Süddeutsche Zeitung) nach einer gravierenden Fehlfunktion derart zusammen, daß es Friedrich wohl in seinem ganzen Leben nicht mehr vergessen wird. Michael Ballack konnte den Schaden in höchster Not im Fünfmeterraum mit einer Grätsche gerade noch begrenzen.

          Nach dem eklatantesten seiner vielen Mißgeschicke bei dieser WM wäre auch der Kapitän, wenn nicht zufällig Millionen Menschen zugeschaut hätten, seinem kollegialen Sicherheitsrisiko am liebsten an den Kragen gegangen. „Wir wissen, daß in der K.-o.-Runde alle Spiele auf des Messers Schneide stehen“, sagte Klinsmann später, „jeder Fehler kann entscheidend sein.“ Wer den Erfolg wie Friedrich gefährdet, kann sich der Konsequenz des Bundestrainers gewöhnlich gewiß sein. Aber er hat keine Wahl.

          „Das ist nicht nur auf Arne bezogen“

          In der zweiten Halbzeit stabilisierte sich Friedrich zwar, aber angesichts der Klasse der Argentinier und dem bisher vergeblichen Bemühen, sich kontinuierlich zu steigern und seinen Weg bei der WM zu finden, wissen auch seine Mitspieler, daß sie auch gegen Argentinien womöglich Erste Hilfe leisten müssen.

          „Es ist immer so, daß es im Spiel Leistungsschwankungen gibt. Eine gute Mannschaft ist diejenige, die diese Schwankungen auch ausgleichen kann, wo der eine dem anderen hilft und ihn nicht alleine läßt. Das ist nicht nur auf Arne bezogen“, sagt Innenverteidiger und Abwehrchef Christoph Metzelder. „Wer auch immer Schwierigkeiten hat, seinen Rhythmus zu finden, kann sich hundertprozentig darauf verlassen, daß seine Mitspieler für ihn da sind.“ Ein Angebot, das Friedrich nur zu gerne ausschlagen würde. Wenn er könnte.

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