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Argentinische Fußballrekorde : Gerissene Gegner, schlechte Verlierer

So schießen die Tore die anderen, Brown und Valdano. Deutschland gleicht durch zwei Ecken aus, dann schlägt Maradona doch noch zu: An der Mittellinie narrt er die aufgerückte deutsche Abwehr und spielt Burruchaga frei - 3:2 für Argentinien. Was hilft Manndeckung gegen einen „Außerirdischen“, wie sie ihn daheim nennen? Trainer Carlos Bilardo wußte, wem er danken mußte: „Ich danke Gott, daß Maradona ein Argentinier ist.“

Die größten Giftmischer

Vier Jahre später wieder das Finale: Deutschland gegen Maradona. Diesmal sind die Vorzeichen umgekehrt, die Argentinier haben sich ohne Inspiration durchs Turnier gequält, zwei Elfmeterschießen benötigt und im Halbfinale den Sommernachtstraum der Gastgeber beendet, das Traumfinale Italien gegen Deutschland verhindert. Und angeblich besiegte Trainer Bilardo die Brasilianer im Achtelfinale nur, indem er Branco eine Trinkflasche mit Schlafmittel unterjubelte.

Der uruguayische Dichter Eduardo Galeano, der die Geschichte mit der Flasche 1995 schilderte, schrieb auch: „Man sagt, als Bilardo noch spielte, habe er seine Rivalen mit einer Nadel gestochen und dann die reinste Unschuldsmiene aufgesetzt.“ Weil solch linke Tricks (wie auch die „Hand Gottes“) in Argentinien eher bewundert als verurteilt werden, prahlte Maradona 2005 damit, daß am Flaschengerücht was dran sei und daß man Brasilien mit einem „Manöver“ außer Gefecht gesetzt habe.

Als demnach Argentiniens Masseur Di Lorenzo dem Brasilianer die Flasche reichte, so Maradona, „sagte ich: Trink. Und er hat fast alles ausgetrunken. Danach war er wie benebelt und konnte kaum noch einen Ball richtig schießen.“ Ein Mitspieler, Jose Basualdo, ehemals beim VfB Stuttgart, bestätigte Maradonas Version. Darauf drohte Bilardo, der heute als Chirurg arbeitet, seinem früheren Spieler öffentlich, ein in seinem Besitz befindliches Video über einen Ehebruch Basualdos zu veröffentlichen.

Der Größte ganz klein

Das zweite deutsch-argentinische Finale wurde eine öde Partie. Der einzige Anspielpunkt für Maradona, Caniggia, war gesperrt und der Star nach Drogenproblemen und Diätkuren nicht auf der Höhe. Die Deutschen dagegen hatten ein großes Turnier gespielt. Resultat der ungleichen Ressourcen war einseitiges Spiel. Und ein Festival der Fouls. Als Monzon Klinsmann umlegte, gab es den ersten Platzverweis in einem WM-Endspiel, nach 60 Jahren.

Der zweite ließ nicht mehr so lange auf sich warten, nur weitere 22 Minuten: Sensini ging erst Kohler an die Gurgel und dann vom Platz. Da war das häßliche Spiel schon gelaufen, denn in der 85. Minute fiel Rudi Völler hin, der Schiedsrichter gab Elfmeter. Die Argentinier, schlechte Gegner, schlechte Verlierer, entwarfen Komplott-Phantasien. „Es gab eine Verschwörung gegen uns“, findet Maradona. „Eine schwarze Hand hat unsere Niederlage gewollt.“

Die neueste Verschwörung

Deutschland nahm aus Rom einen Taumel der Leichtigkeit mit, der blühende Fußball-Landschaften versprach, dann aber der Realität der neunziger Jahre nicht lange standhielt. Argentinien nahm wieder etwas viel Dauerhafteres mit: das Gefühl, betrogen worden zu sein. An so etwas erinnert man sich viel länger.

Die Deutschen erinnern sich schon seit 1966 ans Wembley-Tor - sie haben es den Engländern dreißig Jahre lang in allen wichtigen Spielen heimgezahlt. Bei den Argentiniern ist die Wunde frischer. Sie haben seit jenem römischen Sommerabend nicht mehr gegen Deutschland verloren.

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